Kontinuierliche Glukosemessung bei Typ-1-Diabetes: Die Patienten lieben es

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

12. Januar 2015

Systeme zur kontinuierlichen Glukosemessung (CGM) helfen Erwachsenen und Kindern, ihren Typ-1-Diabetes besser zu kontrollieren und insgesamt ein sorgenfreieres Leben zu führen. Das hat eine Umfrage ergeben, bei der Diabetes-Experten in England insgesamt 100 Patienten zu ihren persönlichen Erfahrungen mit den Überwachungssystemen befragt haben [1].

 
Rund um Themen wie metabolische Kontrolle, Leben mit CGM und Barrieren des Systems waren die Antworten trotz verschiedenster Ärgernisse überwältigend positiv. Dr. John Pickup und Kollegen
 

„Der Sinn und Zweck dieser Studie bestand darin, einen Eindruck der verschiedensten Nutzeransichten und der Erfahrungen der Patienten mit der realen Nutzung von CGM bei Typ-1-Diabetes zu erlangen“, schreiben Dr. John Pickup vom King’s College London und seine Kollegen in Diabetes Care.

„Rund um Themen wie metabolische Kontrolle, Leben mit CGM und Barrieren des Systems waren die Antworten trotz verschiedenster Ärgernisse überwältigend positiv“, so ihre Bilanz. Besonders erwähnten die Umfrage-Teilnehmer einen niedrigeren HbA1c-Wert sowie weniger Hypoglykämien, weil eine bevorstehende Unterzuckerung durch die Verlaufskurve auf dem Monitor des CGM-Systems rechtzeitig bemerkt und verhindert werden kann. Droht eine Hypoglykämie, ertönt ein Alarmsignal, so dass die Unterzuckerung, auch etwa im Schlaf oder beim Autofahren, eventuell noch rechtzeitig verhindert werden kann.

Prof. Dr. Thomas Danne

Patienten mit schweren Unterzuckerungen profitieren

Die Vermeidung von Hypoglykämien sei ein Hauptargument für das kontinuierliche Glukosemonitoring, sagt auch Prof. Dr. Thomas Danne vom Kinderkrankenhaus auf der Bult in Hannover. Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Diabetes-Hilfe befürwortet den Einsatz der Systeme besonders bei Patienten mit schweren Unterzuckerungen und in Kombination mit einer Insulinpumpe. „Für diese Patienten bringen Monitoring-Systeme großen Nutzen im Alltag, weil viele Unterzuckerungen vermieden werden können“, erklärt er. „Schon Kleinkinder im Alter von einem Jahr können einen Sensor tragen.“

Das GCM-System misst den Glukosegehalt in der Gewebsflüssigkeit des Unterhautfettgewebes rund um die Uhr, und zwar durch einen kleinen Sensor, der bis zu 7 Tage dort belassen werden kann. In kurzen Abständen wird ein Durchschnittswert über einen Transmitter kabellos an den Monitor übertragen, der den Verkauf der Glukosewerte in Form einer Trend-Kurve anzeigt.

In der Online-Umfrage in Großbritannien (Teilnehmer: 50 Erwachsene mit Typ-1-Diabetes, 50 Erziehende von Kindern mit Typ-1-Diabetes) nutzte der Großteil (87%) CGM ebenfalls in Kombination mit einer Insulinpumpe. Die Patienten berichteten, dass sie ihren Diabetes durch das System besser kontrollieren können als durch die üblichen regelmäßigen Blutzucker-Selbstmessungen (SMBG). Durchschnittlich nutzten die Teilnehmer das System zum Zeitpunkt der Umfrage 1,7 Jahre. Eltern berichteten, dass besonders ältere Kinder die komplexen Vorgänge und Zusammenhänge bei einem Diabetes durch CGM besser verstehen.

 
Da die Systeme bisher nur in seltenen Fällen und nach aufwendigem Genehmigungs-verfahren von den Kostenträgern übernommen werden, ist die Verbreitung noch gering. Prof. Dr. Thomas Danne
 

Während die Systeme von den meisten Teilnehmern grundsätzlich als positiv und sehr hilfreich bewertet wurden, störten sich einige der Befragten an technischen Problemen, die etwa im Schlaf auftraten, und an fehlender Zuverlässigkeit, das heißt: Ungenauigkeiten bei der Messung, Fehlalarme oder den Ausfall des Sensors vor der angegebenen Laufzeit von 6 bis 7 Tagen.

Manche der Befragten bemängelten außerdem, dass ihre betreuenden Ärzte über die Systeme zu wenig Bescheid wüssten oder sie regelrecht ablehnten. In vielen Diabeteszentren in Deutschland habe man bereits ausreichend Erfahrung mit CGM, sodass Patienten gut begleitet werden können, bemerkt Danne dazu.

GKV: Kostenübernahme nur im Einzelfall

Eine große Diskrepanz in der Nutzung und Verbreitung von CGM in Großbritannien und den USA gegenüber Deutschland besteht infolge der unterschiedliche Kostenübernahme durch die Versicherer: In der britischen Studie gaben 66% der Befragten eine Kostenübernahme durch den National Health Service an. Auch in den USA werden die Systeme, die rund 1.000 Euro kosten, plus – je nach System – bis zu 10 Euro pro Tag für den Sensor, großenteils übernommen, erklärt Danne, weshalb dort schon etwa ein Viertel aller Typ-1-Diabetiker CGM nutzt. In Deutschland sind es dagegen höchstens 5%.

„Da die Systeme bisher nur in seltenen Fällen und nach aufwendigem Genehmigungsverfahren von den Kostenträgern übernommen werden, ist die Verbreitung noch gering“, sagt Danne. Die GKVen halten sich mit der Kostenübernahme bisher zurück, da die endgültige Bewertung der kontinuierlichen Glukosemessung mit Real-Time-CGM-Systemen durch den Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) noch aussteht. Die dafür notwendige positive Bewertung hat das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bereits im Juli 2014 geliefert.

 
Da Studien gezeigt haben, dass sich der Stoffwechsel und damit auch die Prognose verbessert, sind insbesondere Eltern von kleinen Kindern jetzt schon sehr überzeugt von den CGM-Systemen. Prof. Dr. Thomas Danne
 

Dagegen ist eine CGM-„light“-Version, das „Flash Glucose Monitoring“ (Abbott), bereits seit Herbst 2014 auf dem Markt. Dieses System misst ebenfalls den Glukosewert im Unterhautfettgewebe mittels eines Sensors, der 14 Tage hält und ist mit ca. 60 Euro für das Messgerät und den gleichen Preis für einen Sensor wesentlich preiswerter als die CGM-Systeme. Allerdings: Bei zu niedrigem Blutzucker ertönt beim Flash Monitoring im Gegensatz zum CGM kein Alarmsignal. „Dieses System wird den Markt verändern und wird zurzeit bei Nutzern der ersten Stunde erprobt“, erklärt Danne.

Er ist jedoch davon überzeugt, dass sich bei guter Begleitung durch einen Diabetologen und Kostenerstattung durch die Krankenkassen auch die aufwändigeren, dafür aber multifunktionaleren CGM-Systeme durchsetzen und das tägliche Leben der Patienten erleichtern. „Da Studien gezeigt haben, dass sich der Stoffwechsel und damit auch die Prognose verbessert, sind insbesondere Eltern von kleinen Kindern jetzt schon sehr überzeugt von den CGM-Systemen“, so seine Erfahrung.

International denken Ärzte bereits einen Schritt weiter, so auch im Diabetes-Zentrum im Kinder- und Jugendkrankenhaus in Hannover. Gemeinsam mit Forschern aus Israel und Slowenien arbeiten Danne und seine Kollegen dort an der Entwicklung einer „künstlichen Bauchspeicheldrüse“ (wie Medscape Deutschland berichtete), ein vollautomatisches System, bei dem eine Software die Insulinpumpen und Zuckermessgeräte der Patienten drahtlos über einen Laptop oder Tablet-PC steuern kann.

 

REFERENZEN:

1. Pickup JC, et al: Diabetes Care (online) 31. Dezember 2014

 

Kommentar

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