FDA lässt Antidiabetikum Liraglutid zur Gewichtsreduktion zu – die Unklarheit zum Pankreatitis-Risiko bleibt

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

2. Januar 2015

Die US-Arzneimittelbehörde FDA (Food and Drug Administration) hat das Diabetesmedikament Liraglutid jetzt auch zur Behandlung von chronischem Übergewicht zugelassen [1]. Das Inkretin-Mimetikum kann damit als tägliche Injektion in einer 3-mg-Dosis auch Adipösen (BMI > 30 kg/m²) sowie übergewichtigen Patienten (BMI > 27 kg/m²) mit mindestens einer Komplikation, die mit dem Übergewicht zusammenhängt, verabreicht werden.

Das Präparat wird von dem dänischen Hersteller Novo Nordisk in den USA in der neuen Indikation unter dem Handelsnamen Saxenda® vermarktet. Für Patienten mit Typ-2-Diabetes wird Liraglutid dagegen zur Blutzuckersenkung als Victoza®, in einer Tagesdosis von bis zu 1,8 mg gegeben. Victoza® ist seit 2009 auf dem deutschen Markt erhältlich und wird in Kombination mit anderen Antidiabetika zur Behandlung von Typ-2-Diabetes bei Erwachsenen eingesetzt.

Der Wirkstoff Liraglutid imitiert bekanntlich die Wirkung des körpereigenen Glucagon-like peptid 1 (GLP 1) und fördert so nicht nur die Insulinsynthese und -freisetzung aus den Betazellen, sondern verzögert auch die Magenentleerung und steigert das Sättigungsgefühl. Diese für die meist übergewichtigen Typ-2-Diabetiker eher günstigen Begleiterscheinungen können die Gewichtsreduktion fördern und haben den Hersteller veranlasst, Liraglutid auch in der Indikation als Präparat gegen Übergewicht zu testen.

In der Zulassung der FDA heißt es, Saxenda® solle zum Abnehmen mit einer Diät und Bewegungstherapie kombiniert werden. Das GLP-1-Analogon, bei dem es sich um ein Peptid handelt, wird auch zur Gewichtsreduktion als Injektionslösung mit einem Pen täglich subkutan gespritzt.

Zulassung basiert auf drei Studien

Die Zulassung von Liraglutid in der neuen Indikation basiert auf 3 klinischen Studien mit rund 4.800 adipösen bzw. übergewichtigen Personen. Einige der Teilnehmer hatten zusätzlich Typ-2-Diabetes. In einer dieser Studien mit Teilnehmern, die nicht an Typ-2-Diabetes erkrankt waren, betrug die durchschnittliche Gewichtsreduktion unter Liraglutid nach einem Jahr 4,5% – dies im Vergleich zu einer Placebo-Gruppe. Eine Gewichtsabnahme um mindestens 5% schafften rund 2 Drittel der Teilnehmer (62%) in der Liraglutid-, aber nur ein Drittel (34%) in der Placebo-Gruppe.

In einer 2. Studie mit Patienten mit Typ-2-Diabetes hatten die Teilnehmer in der Liraglutid-Gruppe nach einem Jahr im Vergleich zur Placebo-Gruppe im Schnitt 3,7% abgenommen. Fast die Hälfte (49%) der Patienten, die Liragutid erhielten, verloren mindestens 5% ihres Ausgangsgewichts, im Vergleich zu nur 16% der mit Placebo behandelten Patienten.

Die häufigsten Nebenwirkungen einer Liraglutid-Behandlung in den Studien waren Übelkeit, Durchfall, Verstopfung, Erbrechen, Hypoglykämien und Appetitsverlust. Seltener traten schwere Komplikationen auf, doch waren akute Pankreatitis (7 Patienten mit Liraglutid, 1 mit Placebo) und akute Erkrankungen der Gallenblase (2,3% vs 0,9%) häufiger unter dem GLP-1-Analogon.

Pankreatitis-Risiko bisher nicht eindeutig geklärt

Vor allem um das Pankreatitis-Risiko unter den Inkretinmedikamenten gibt es schon seit der Marktzulassung immer wieder Diskussionen. So war die Häufung in den Abnehm-Studien unter den hohen Liraglutid-Dosierungen kein Einzelfall. Novo Nordisk hat daher in einem kürzlich in Diabetes Care veröffentlichten Review seiner eigenen Herstellerstudien das Auftreten akuter und chronischer Pankreatitis im Zusammenhang mit der Gabe von Liraglutid genauer analysiert [2]. Die Autoren werteten dafür allerdings nur die klinischen Studien mit Diabetespatienten und einer Liraglutid-Dosis von 1,2 und 1,8 mg aus.

Das Fazit des Reviews: Die Aussagen, die seit der Zulassung von Liraglutid in bisherigen Publikationen zum Pankreatitis-Risiko gemacht worden sind, seien widersprüchlich. Mindestens 11 Pankreatitis-Fälle sind nach Angaben der Autoren derzeit mit dem Präparat in Zusammenhang gebracht worden.

In den eigenen randomisierten Typ-2-Diabetes-Studien erhielten laut der neuen Novo-Analyse 6.345 Patienten Liraglutid (Dosis: 1,2 oder 1,8 mg pro Tag). Dabei traten insgesamt 8 Fälle akuter Pankreatitis auf (0,13%; 1,6 Fälle/1.000 Patientenjahre), gegenüber einem Pankreatitis-Fall unter den jeweiligen Vergleichspräparaten (0,05%; 0,7 Fälle/1.000 Patientenjahre). Außerdem berichten Troels Jensen von Novo Nordisk UK und seine Kollegen in ihrem Review über 4 Fälle von chronischer Pankreatitis bei Liraglutid-Patienten und keinem unter den Vergleichspräparaten.

Aufgrund der geringen Fallzahlen und anderer Einflussfaktoren, die in 75% aller Fälle akuter Pankreatitis eine Rolle gespielt haben könnten, seien jedoch eindeutige Schlüsse zum Pankreatitis-Risiko unter Liraglutid nicht möglich, so das Fazit der Autoren. Möglich sei auch, dass „GLP-1-Rezeptor-Agonisten andere bereits bekannte Pankreatitis-Risikofaktoren verstärken“, vermuten sie.

In den USA heißt es auf dem Beipackzettel für Liraglutid, dass Patienten, die bereits eine Bauchspeicheldrüsenentzündung hatten, möglichst auf ein anderes Antidiabetikum ausweichen sollten; der europäische Beipackzettel enthält diesen Passus nicht. Unklar bleibt, wie sich die höhere Dosierung des Wirkstoffes zur Gewichtsreduktion auf das Pankreatitis-Risiko auswirkt.

Eindeutigere Aussagen – auch zum Pankreatitis-Risiko unter Liraglutid – werden von der LEADER-Studie (Liraglutide Effect and Action in Diabetes: Evaluation of Cardiovascular Outcome Results) erwartet [3]. Diese Langzeitstudie soll im Jahr 2016 beendet sein. Sie testet den Effekt von Liraglutid als Antidiabetikum auf harte kardiovaskuläre Endpunkte, soll aber insgesamt Informationen zur Sicherheit des Inkretin-Mimetikums über einen Zeitraum von 5 Jahren liefern. Doch auch hier wird Liraglutid als Antidiabetikum nur in einer Dosis von bis zu 1,8 mg pro Tag gegeben.

 

REFERENZEN:

1. FDA Pressemitteilung vom 23. Dezember 2014: „FDA approves weight-management drug Saxenda“

2. Jensen TM, et al: Diabetes Care (online) 12. Dezember 2014

3. Marso SP, et al: Am Heart J 2013; 166:823-830

 

Kommentar

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