Die hilflosen Helfer – Suizidalität unter Ärzten: Ursachen, Hintergründe und Hilfsangebote

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

30. Dezember 2014

Der Arzt ist Helfer und Lebensretter. Doch dass er selbst in Nöte gerät und vielleicht sogar seinem Leben ein Ende setzen will, ist ein Tabuthema in der Gesellschaft. Dabei ist das Suizidrisiko unter Ärzten in vielen Ländern vermutlich erhöht. Einer der Gründe: Sie haben Kenntnisse über effektive Techniken und Medikamente, wie man sich schnell und möglichst schmerzlos tötet.

Studien aus vielen westlichen Staaten deuten darauf hin, dass das Suizidrisiko bei Ärzten 1,1 bis 2,4-fach und bei Ärztinnen sogar 2,3 bis 5,6-fach höher ist als in der Gesamtbevölkerung. Als Grund für die höhere Rate bei Ärztinnen wird die erhöhte Anfälligkeit für Depressionen bei Frauen angenommen. Suizide von Ärzten sind schon lange ein Thema. Eine der ersten wissenschaftlichen Publikationen dazu aus England und Wales stammt aus dem Jahr 1881.

Allerdings sind die Daten inkonsistent: Neuere Studien aus Australien zeigen kein erhöhtes Suizidrisiko unter Ärzten, berichtet Prof. Dr. Elmar Etzersdorfer, stellvertretender Vorsitzender der AG zur Erforschung suizidalen Verhaltens der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention (DGS). Doch sei von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Studien aus Norwegen, Wales und England deuten darauf hin, dass sich die Suizidraten zwischen Ärzten und Allgemeinbevölkerung annähern.

Das Suizidrisiko unter Ärzten in Deutschland ist unbekannt. Empirische Daten zu Suizidraten gibt es nicht, auch weil sie aus Gründen des Datenschutzes nicht mehr erhoben werden können. „Das Thema wurde in den letzten zehn Jahren auch nicht intensiv untersucht. Es gibt hier erhebliche Forschungslücken“, kritisiert der Psychiater und Psychotherpeut PD Dr. Reinhard Lindner, der bis 2012 das Therapiezentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) leitete und Sprecher der AG zur Erforschung suizidalen Verhaltens der DGS ist.

Aus Studien in westlichen Ländern weiß man, dass sich Ärzte am häufigsten vergiften. Nur in den USA bringen sie sich eher mit der Waffe um. In Japan hat eine aktuelle Studie 87 Arzt-Suizide innerhalb von 4 Jahren in Krankenhäusern im Raum Tokyo untersucht: Hier erhängten sich die meisten (57,4%)  gefolgt von Vergiftungen (14,9%) und Herunterspringen von Gebäuden (13,7%) [1].

Am meisten Suizid-gefährdet: Psychiater und Anästhesisten

Vor allem Anästhesisten und Psychiater gelten als besonders gefährdet. Während man sich bei Anästhesisten dies mit dem schnellen Griff zum „Giftschrank“ erklären könnte, scheint die höhere Suizidrate gerade bei Psychiatern paradox, weil sie eigentlich über Kenntnisse der Psychotherapie verfügen, die vor Suiziden schützen kann.

„Die Psychiatrie ist ein sehr schwieriges Fach. Ständig hat man es mit Depressionen und Aggressionen zu tun. Heilungen sind relativ selten und die berufliche Gratifikation ist deshalb eher bescheiden“, führt Prof. Dr. Christian Reimer an. Der emeritierte Professor für Psychosomatik und Psychotherapie an der Universität Gießen hat 2005 eine häufig zitierte Metaanalyse zur Suizidalität bei Ärzten vorgelegt. 

Lindner vermutet dagegen, dass gerade psychisch vulnerablere Personen die Psychiatrie als Fach wählen könnten – sozusagen als Versuch, sich selbst zu heilen. Auch wenn Ärzte Burnout-gefährdet seien oder unter Vorgesetzten mit autoritärem Führungsstil litten, hänge dies oft mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zusammen, einer Art innerer Konfiguration, sich malträtieren zu lassen und Suizidgedanken zu entwickeln.

„Wer selbst in einem autoritären Haus aufgewachsen ist, kämpft oft mit dem Chef die Konflikte durch, die man mit seinen Eltern hatte“, sieht es Lindner auch aus psychoanalytischer Sicht. Man müsse generell danach fragen, wer den Beruf des Arztes aus welchen Motiven ergreife. Oftmals gingen damit auch altruistische Vorstellungen einher – anderen zu helfen – und auch Selbstüberschätzungen, sich immer selbst helfen zu können.

Den gefährdeten Ärzten fällt es tatsächlich häufig schwer, bei anderen Ärzten Hilfe zu suchen, wie eine empirische Studie mit Daten aus Schweden und Italien zeigt. Die Mehrheit der Ärzte mit Symptomen von psychischem Distress (78,3%) oder mit Suizidgedanken sucht eher keine professionelle Hilfe. Auch bei Substanzmissbrauch und bei Alkoholabhängigkeit versuchen Ärzte, ihr Problem oft selbst in den Griff zu bekommen.

 
Ärzte beißen sich eher die Zunge ab, als über ihre eigenen Probleme zu sprechen. Dr. Michael Peltenburg
 

Hilfsangebote: Zum Beispiel Schweiz und Norwegen

„Ärzte beißen sich eher die Zunge ab, als über ihre eigenen Probleme zu sprechen“, meint Dr. Michael Peltenburg. Er betreut das Unterstützungsnetzwerk ReMed für Ärzte. Dieses wird von der FMH – die Verbindung der Schweizer Ärzte – gefördert. Eine Gruppe erfahrener Ärzte begleitet via Telefonhotline und Internet hilfesuchende Kollegen durch Krisen und geben Unterstützung in vermeintlich ausweglosen Situationen.

Rund 100 Anrufe gehen bei ReMed im Jahr ein, das Angebot ist niedrigschwellig. Die besprochenen Probleme sind ähnlich wie bei konventionellen Telefonseelsorgen in der Allgemeinbevölkerung auch: Ehekrisen, Sinnkrisen, Suchtprobleme, Arbeitsüberlastung, fehlende Work-Life-Balance, Isolierung und fehlende Sozialkontakte.

 
Mit einem Gips herumzulaufen, damit hat keiner Probleme, aber zugeben, dass man über das eigene Leben stolpert, will keiner. Dr. Michael Peltenburg
 

Telefon-Hotlines gibt es auch in angelsächsischen Ländern, berichtet Peltenburg. Doch dort sei eher das Bestreben, gefährdete Ärzte aus dem Verkehr zu ziehen. ReMed sei hingegen ein vertraulicher Schutzraum. Ärzte fürchteten sich oft vor einer beruflichen Auszeit. Niedergelassene hätten Angst davor, keinen Ersatz für die Praxis zu finden und Krankenhausärzte wollten sich aus Karrieregründen vor Kollegen und Vorgesetzten keine Blöße geben, erläutert Peltenburg seine Erfahrungen aus der Praxis.

„Mit einem Gips herumzulaufen, damit hat keiner Probleme, aber zugeben, dass man über das eigene Leben stolpert, will keiner“, sagt er. Das Selbstverständnis der Ärzte als Helfer stünde ihnen oftmals im Weg.

Kommentar

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