Nicht vermisst: Sind Klinikärzte auf Kongress, klappt die Versorgung der Patienten oft sogar besser

Nadine Eckert

Interessenkonflikte

23. Dezember 2014

Alljährlich pilgern tausende Ärzte zu den nationalen und internationalen Fachkongressen, um sich über Fortschritte und Neuheiten auf ihrem Fachgebiet zu informieren. Über die Patientenversorgung an ihren Krankenhäusern müssen sie sich in dieser Zeit wohl keine Sorgen machen, wie eine Untersuchung von Medizinern der Harvard Medical School zeigt [1].

Während der Jahrestagungen der American Heart Association (AHA) und des American College of Cardiology (ACC) in den Jahren von 2002 bis 2011 verschlechterten sich die Überlebenschancen von Patienten, die mit kardiovaskulären Erkrankungen in ein Krankenhaus eingeliefert wurden, nicht. Ganz im Gegenteil: An den großen Lehrkrankenhäusern nahm die Mortalität einiger Patienten sogar ab.

Mortalität sinkt während Kongressen

Die Autoren um Dr. Anupam B. Jena analysierten die 30-Tage-Mortalität und die Behandlung von Patienten, die mit Herzinfarkt, Herzinsuffizienz oder Herzstillstand ins Krankenhaus gekommen waren. Verglichen wurden die Zeiträume der beiden großen nationalen Kongresse mit gleich langen Zeiträumen in den 3 Wochen vor und nach den Tagungen.

 
Wir haben auch eine Abnahme der Behandlungsintensität beobachtet. Dr. Anupam B. Jena
 

Heraus kam, dass die 30-Tage-Mortalität an Lehrkrankenhäusern bei Hochrisikopatienten mit Herzinsuffizienz und Herzstillstand niedriger war, wenn sie während eines Kongresses eingeliefert worden waren. Die Mortalität bei Herzinsuffizienz sank in dieser Zeit um mehr als 7%, die Mortalität bei Herzstillstand war um mehr als 10% reduziert.

Einzig die Überlebenschancen von Herzinfarktpatienten veränderten sich in den Kongresszeiträumen nicht. Zwar wurden perkutane Koronarangioplastien während der Kongressphasen deutlich seltener durchgeführt – allerdings beeinflusste dies die Mortalität nicht.

Bei Patienten mit niedrigem Mortalitätsrisiko sowie an Nicht-Lehrkrankenhäusern fanden die Autoren keine Unterschiede zwischen den Kongress- und Nicht-Kongresszeiträumen, weder was die Mortalität noch was die Behandlung anbelangte.

Hinweis auf Überbehandlung

Die Autoren um Jena spekulieren über die Gründe für diese Ergebnisse: Möglicherweise unterscheiden sich die Kardiologen, die bei Kongressen zuhause bleiben, in ihren diagnostischen und technischen Fähigkeiten von denen, die die Kongresse besuchen?

 
Es ist beruhigend zu wissen, dass die Patientenversorgung nicht leidet, wenn viele Kardiologen auf Kongressen sind. Dr. Rita F. Redberg
 

„Dieser Faktor könnte besonders an den großen Lehrkrankenhäusern von großer Bedeutung sein“, schreiben sie. „Wir haben auch eine Abnahme der Behandlungsintensität beobachtet. Vielleicht zögern die an der Klinik verbliebenen Kardiologen, ohne angemessenen Rückhalt von erfahreneren Kollegen bei Hochrisikopatienten zu intervenieren. Maßnahmen, bei denen das Risiko-Nutzen-Verhältnis weniger eindeutig ist, wie bei der perkutanen Koronarangioplastie, werden dann möglicherweise nicht durchgeführt.“

Da die Abnahme der Behandlungsintensität bzw. der Verzicht auf Interventionen wie die perkutane Koronarangioplastie während Kongressen nicht zu einer Veränderung der Mortalität führte, folgern die Autoren, dass diese Interventionen in dieser Patientenpopulation möglicherweise zu häufig zum Einsatz kommen: „Bei Hochrisikopatienten mit kardiovaskulären Erkrankungen übertreffen die Gefahren dieser Interventionen vielleicht unerwarteterweise den Nutzen.“

„Es ist beruhigend zu wissen, dass die Patientenversorgung nicht leidet, wenn viele Kardiologen auf Kongressen sind“, schreibt die Chefredakteurin von JAMA Internal Medicine, Dr. Rita F. Redberg, zu den Studienergebnissen von Jena und Kollegen [2]. „Noch wichtiger ist aber, dass diese Analyse uns dabei helfen könnte zu verstehen, wie wir die Mortalität während des ganzen Jahres beeinflussen könnten.“

 

REFERENZEN

1. Jena AB, et al: JAMA Internal Medicine (online) 22. Dezember 2014

2. Redberg RF: JAMA Internal Medicine (online) 22. Dezember 2014

 

Kommentar

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