„Forever young“ dank Mittelmeerdiät?

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

22. Dezember 2014

Mediterrane Kost ist nicht nur gesund, sondern kann möglicherweise auch das Leben verlängern. Denn bei Teilnehmerinnen der Nurses‘ Health Study, die sich weitgehend nach den Regeln der Mittelmeerdiät ernährten – viel Obst und Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Ballaststoffe, dafür weniger Fleisch, gesättigte Fettsäuren und Milchprodukte – wurden längere Telomere gemessen als bei Personen, die sich anders ernährten [1].

Es ist erwiesen, dass sich die Telomere an den Chromosomenenden kontinuierlich im Laufe des Lebens verkürzen. „Eine striktere Einhaltung der Mittelmeerdiät stand in signifikantem Zusammenhang mit einer größeren Telomerlänge in den Leukozyten, einem Indikator für das biologische Alter“, schreiben die Autoren um Prof. Dr. Immaculata De Vivo vom Brigham and Women’s Hospital und der Harvard Medical School in Boston, USA, im British Medical Journal (BMJ).

Prof. Dr. Karl Lenhard Rudolph

„Wir wissen aus vielen Assoziationsstudien, dass man anhand der Telomerlänge Aussagen zur Lebensspanne machen kann“, sagt Prof. Dr. Karl Lenhard Rudolph, Wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Altersforschung in Jena, im Gespräch mit Medscape Deutschland. Daten liegen bereits darüber vor, dass Sport die Verkürzung der Telomere verlangsamt. „Wir wissen außerdem, dass Adipositas, Diabetes und Rauchen zu beschleunigten DNA-Schäden führen. Das kann die Lebenserwartung um 10 bis15 Jahre herabsetzen“, erklärt Rudolph.

Auch oxidativer Stress und Entzündungen können die Verkürzung der Telomere beschleunigen. Da Hauptbestandteile der Mittelmeerdiät wie Obst, Gemüse und Nüsse entzündungshemmend und antioxidativ wirken, vermuteten die US-Forscher, dass die Einhaltung der Mittelmeerkost dem entgegenwirken könnte.

Ein Punkt Unterschied auf der Ernährungsskala – 1,5 Lebensjahre weniger

Um einen möglichen Zusammenhang zwischen mediterraner Kost und Telomerlänge festzustellen, haben De Vivo und Kollegen bei 4.676 gesunden Teilnehmerinnen (42–70 Jahre) der seit 1976 andauernden Nurses Health Study, einer großen US-Kohortenstudie, die Telomerlänge in den peripheren Leukozyten gemessen. Alle Teilnehmerinnen haben zudem einen ausführlichen Fragebogen zu ihrer Ernährung ausgefüllt, der Aufschluss darüber gibt, inwieweit sie die Mittelmeerdiät einhielten. Das Befolgen der Diät wurde mit Punkten von 0 bis 9 klassifiziert, wobei die höheren Punktwerte besseres Einhalten bedeuteten.

Ein höherer Punktwert ging mit längeren Telomeren einher, auch nachdem die Ergebnisse an andere mögliche Einflussfaktoren angepasst worden waren. Ein Punkt Unterschied in der Ernährungsskala entsprach mit Blick auf die Telomerlänge einem Verlust von 1,5 Lebensjahren.

 
Eine striktere Einhaltung der Mittelmeerdiät stand in signifikantem Zusammenhang mit einer größeren Telomerlänge in den Leukozyten, einem Indikator für das biologische Alter. Prof. Dr. Immaculata De Vivo und Kollegen
 

Gesamtes Ernährungsmuster, nicht einzelne Komponenten im Fokus

Die Studiengruppe konnte jedoch keinen Zusammenhang einzelner Komponenten der Mittelmeerdiät mit der Telomerlänge feststellen. „Vermutlich repräsentiert der Zusammenhang eine Konsequenz des allgemeinen positiven Effekts der Mittelmeerkost“, schreiben die Autoren.

„Ich finde die Studie aus diesem Grund besonders interessant. Sie zeigt nicht, dass sich bestimmte Fettsäuren negativ auswirken, sondern weist auf die positiven Effekte der gesamten Komposition mediterraner Ernährung hin“, sagt Rudolph. „Zusätzlich zu den schon lange erwiesenen gesundheitlichen Auswirkungen dieser Diät zeigt diese Studie zum ersten Mal, dass die mediterrane Ernährung einen etablierten Marker für biologisches Altern beeinflussen kann.“

Jedoch wisse man bisher noch nicht, was genau diesen positiven Einfluss bewirke. „Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass einzelne Faktoren eine Rolle spielen“, sagt Rudolph. Auch die Studiengruppe führt bisher lediglich die bereits bekannten antioxidativen und antiinflammatorischen Auswirkungen an. „Die bekannten protektiven Auswirkungen … auf oxidativen Stress und chronische Entzündungen könnten den positiven Einfluss auf die Telomerlänge erklären, was einen möglichen biologischen Mechanismus hinter dem bekannten Anti-Aging-Effekt der mediterranen Ernährung aufzeigt“, schreiben De Vivo und Kollegen

„Toxische Substanzen in der Ernährung können bei der Verkürzung der Telomere ebenfalls eine Rolle spielen“, erklärt Rudolph. „Da diese in der Mittelmeerdiät reduziert auftreten, wäre das auch eine mögliche Erklärung.“ Sein Team am Leibniz-Institut für Altersforschung geht einen Schritt weiter und untersucht in der biomedizinischen Altersforschung, was in Zellen, Gewebe und Stammzellen passiert, wenn sich die Telomere verkürzen, wann genau Probleme in der Organfunktion auftreten und wie es zu Erkrankungen im Alter kommt.

Geschwindigkeit der Telomer-Verkürzung könnte entscheidend sein

„Wir wollen herausfinden, was wir tun können, um gesünder zu altern“, erklärt er. Zu 30%, sagt er, hänge die Geschwindigkeit des Alterns von genetischen Faktoren ab. „Innerhalb der genetischen Möglichkeiten können wir aber etwa durch eine gesunde Lebensweise Einfluss nehmen.“

 
Diese Studie zeigt zum ersten Mal, dass die mediterrane Ernährung einen etablierten Marker für biologisches Altern beeinflussen kann. Prof. Dr. Karl Lenhard Rudolph
 

Um die Geschwindigkeit der Telomerverkürzung genauer beziffern zu können, brauche es Beobachtungsstudien mit mehrmaligen Messungen der Telomere, sagt Prof. Dr. Peter Nilsson vom Skane University Hospital in Malmö, Schweden, in einem Editorial zur Nurses Health Study [2]. „Es wird vermutet, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Telomere verkürzen, ein noch besserer Biomarker des Alternsprozesses ist als die Telomerlänge, die bei einer einzigen Messung bestimmt wird“, erklärt er.

An der Studie kritisiert er, dass das Auftreten kardiovaskulärer Ereignisse, vor allem koronarer Herzkrankheit (KHK) im Verhältnis zur Telomerlänge nicht untersucht worden ist. Frühere Studien haben gezeigt, dass durch die Mittelmeerdiät KHK seltener auftritt. „Eine Mittelmeerdiät wird grundsätzlich zur Prävention kardiovaskulärer Ereignisse empfohlen. Die Tatsache, dass sie außerdem in Zusammenhang steht mit einem Biomarker für langsameres Altern klingt beruhigend“, so Nilsson.

Mittelmeerdiät hilft Patienten mit erektiler Dysfunktion

Positiv könnte sich die  Mittelmeerkost auch auf das Herz-Kreislauf-System bei Patienten mit erektiler Dysfunktion auswirken. Daten dazu haben Dr. Athanasios Angelis und Kollegen vom Hippokration Hospital in Athen beim EuroEcho-Imaging Meeting, dem Jahrestreffen der European Society of Cardiovascular Imaging (EACVI), Anfang Dezember 2014 in Wien präsentiert [3].

„Bei Patienten mit erektiler Dysfunktion, die sich ungesünder ernährten, traten mehr vaskuläre und kardiale Schäden auf als bei denjenigen, die dem mediterranen Ernährungsmuster folgten“, berichtete Angelis. Seine Gruppe hat 75 Männer (Durchschnittsalter 56 Jahre) mit erektiler Dysfunktion hinsichtlich ihrer Einhaltung der Mittelmeerdiät in 3 Gruppen mit hohem, mittlerem und niedrigem Punktwert unterteilt. Hohe Punktwerte standen auch hier für eine striktere Einhaltung des mediterranen Ernährungsmusters. Bei allen Patienten wurden vaskuläre und kardiale Funktionen untersucht – der Effekt auf die erektile Dysfunktion jedoch nicht.

Ein schlechterer Wert bezüglich der Einhaltung der Diät korrespondierte mit größerer Intima-Media-Dicke (IMD) und arterieller Gefäßsteifigkeit sowie mit mehr linksventrikulärer Muskelmasse und einem höheren Grad diastolischer Dysfunktion. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine mediterrane Diät das kardiovaskuläre Risikoprofil von Patienten mit erektiler Dysfunktion verbessern kann, was die Gefahr eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls mindert“, schlussfolgern Angelis und Kollegen.

 

REFERENZEN

1. Crous-Bou M, et al: BMJ 2014;349:g6674

2. Nilsson PM: BMJ 2014;349:g6843

3. EuroEcho-Imaging 2014, 3. Dezember 2014, Wien

 

Kommentar

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