Weltgesundheit: Längere Lebenserwartung, aber mehr Tote durch Leberkrebs und Vorhofflimmern

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

18. Dezember 2014

In den vergangenen 23 Jahren ist die Lebenserwartung weltweit um 5,8 Jahre bei den Männern und um 6,6 Jahre bei den Frauen gestiegen. Das ist das Ergebnis der neuesten Analyse der Global Burden of Disease Study (GBD), die jetzt im Lancet publiziert worden ist [1].

Iniziiert wurde die GBD-Studie 1992 von der Harvard School of Public Health (an der Harvard University), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Weltbank. Darin werden Statistiken zu Todesfällen, Krankheiten und Behinderungen sowie Risikofaktoren weltweit erstellt. Diese Daten sollen die Grundlage für Maßnahmen bilden, die eine globale Verbesserung der Gesundheit zum Ziel haben.

Die aktuellen Ergebnisse stammen aus der GBD-Studie 2013. Darin wurde – gegliedert nach 240 Ursachen – für 188 Länder über einen Zeitraum von 23 Jahren (1990 bis 2013) eine aktuelle Schätzung von Zahl und Ursachen der weltweit auftretenden Todesfälle erstellt. Die Daten sind noch umfangreicher als die der GBD-Studie von 2010. Sie umfassen sowohl mehr Daten bestimmter Länder (China, Russland, Türkei) als auch noch zusätzliche Daten zu Krebsarten und HIV/AIDS.

Rasante Zunahme bei Tod durch Leberkrebs, Vorhofflimmern, Drogen

Die Todesursachenstatistik zeigt für 1990 bis 2013 eine Zunahme der Sterberaten bei folgenden Erkrankungen:

  • - durch Hepatitis verursachten Leberkrebs: 125%

  • - Vorhofflimmern:100%

  • - Drogenkonsum: 63%

  • - Chronische Nierenerkrankungen: 37% 

  • - Sichelzellenanämie: 29%

  • - Diabetes bzw. Pankreaskarzinome: 9% bzw. 7%

 
Der Fortschritt, den wir bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen gemacht haben, ist gut, teilweise sogar beachtlich, aber wir können und müssen noch besser werden. Prof. Dr. Christopher Murray
 

In den reichen Ländern hat der Rückgang der Sterberaten bei den meisten Krebsarten (15%) und bei den kardiovaskulären Erkrankungen (22%) die Lebenserwartung erhöht. In Ländern mit niedrigem Einkommen gingen die Sterberaten bei Diarrhoe, bei Infektionen des unteren Atemtraktes und bei den neonatalen Erkrankungen zurück und haben so die Lebenserwartung erhöht. Während die Lebenserwartung weltweit steigt, gibt es eine bedenklich stimmende Ausnahme: Schwarzafrika. Dort haben HIV-bedingte Todesfälle die Lebenserwartung um 5 Jahre verringert.

„Der Fortschritt, den wir bei einer ganzen Reihe von Erkrankungen gemacht haben, ist gut, teilweise sogar beachtlich, aber wir können und müssen noch besser werden“, kommentiert Studienleiter Dr. Christopher Murray, Professor für globale Gesundheit an der Universität Washington die Ergebnisse. Er fügt hinzu: „Die Zunahme konzertierter Aktionen und die Mittelbeschaffung für bedeutsame Infektionskrankheiten wie Diarrhoe, Masern, Tuberkulose, HIV/AIDS und Malaria hat gewirkt. Unsere Studie zeigt aber auch, dass manche Erkrankungen weithin vernachlässigt wurden und infolgedessen zugenommen haben, speziell Drogenerkrankungen, Leberzirrhose, Diabetes und chronische Nierenerkrankungen.“

Die Schlüsselergebnisse

  • • Manche Länder mit niedrigem Einkommen verzeichnen innerhalb der letzten 23 Jahre eine außergewöhnliche Zunahme bei der Lebenserwartung. So hat sich die Lebenserwartung in Nepal, Ruanda, Äthiopien, Niger, auf den Malediven und in Osttimor um mehr als 12 Jahre bei beiden Geschlechtern erhöht.

  • • Doch trotz eines dramatischen Rückgangs der Kindersterblichkeit in den letzten 23 Jahren (von 7,6 Millionen in 1990 auf 3,7 Millionen in 2013 bei Kindern im Alter von einem Monat bis 5 Jahren) sind Infektionen der unteren Atemwege, Malaria und Diarrhoe nach wie vor unter den Top 5 der Ursachen für Kindersterblichkeit und töten nahezu 2 Millionen Kinder jedes Jahr.

  • • Zweischneidig ist auch, dass die HIV/AIDS-bedingten Todesfälle seit ihrem Gipfel 2005 zwar substanziell jedes Jahr sinken, HIV/AIDS aber nach wie vor die Hauptursache für vorzeitigen Tod darstellt und zwar in 20 von 48 Ländern in Schwarzafrika.

  • • Die Top-10-Ursachen für vorzeitigen Tod weltweit haben sich seit 1990 kaum verändert. So sind auch 2013 wieder 9 Ursachen mit dabei, die schon 1990 ganz oben standen, nur HIV/AIDS hat Tuberkulose vom 10. Platz verdrängt. Seit 1990 ist die Zahl der verlorenen Lebensjahre durch HIV/AIDS weltweit um 344% gestiegen. Für Drogenerkrankungen liegt die Steigerung bei 119%, für chronische Nierenerkrankungen bei 90% und für Alzheimer bei 89%.

  • • Die Studie belegt ferner, dass der Krieg in Syrien eine enorme Zahl an Menschenleben gefordert hat. Allein 2013 waren es rund 30.000.

  • • In Osteuropa geht die Hälfte der frühzeitigen Todesfälle in 2013 auf 5 Ursachen zurück: Ischämische Herzerkrankung, Schlaganfall, Selbstverletzung, Zirrhose und Verkehrstote.

  • • In Indien stieg die Lebenserwartung zwischen 1990 und 2013 von 57,3 Jahre auf 64,2 Jahre bei den Männern und von 58,2 auf 68,5 Jahre bei den Frauen. Die Sterberaten bei den Erwachsenen sind um 1,3% pro Jahr gesunken, die bei den Kindern um 3,7%. Suizid hingegen ist ein großes und zunehmendes Problem in Indien. Die Hälfte der weltweiten Suizide treten allein in China und Indien auf.

  • • Verletzungen im Straßenverkehr und durch zwischenmenschliche Gewalt tragen verstärkt zu vorzeitigem Tod in Lateinamerika und in der Karibik bei: Sie rangieren in 17 respektive 15 von 29 Ländern dieser Region unter den Top 5 der führenden Ursachen. Außerhalb dieser Region taucht zwischenmenschliche Gewalt nur noch in Südafrika unter den Top 5 auf.

 
Möglichst genaue Schätzungen der Ursachen für welt- weite Krankheitslast, Behinderung und Tod sind wichtig, weil sie zu Ausgaben-Entscheidungen führen, die wiederum Leben auf der ganzen Welt retten können. Dr. Igor Rudan und Dr. Kit Yee Chan
 

Konkurrenz der Wissenschaftler nutzt der öffentlichen Gesundheit

„Möglichst genaue Schätzungen der Ursachen für weltweite Krankheitslast, Behinderung und Tod sind wichtig, weil sie zu Ausgaben-Entscheidungen führen, die wiederum Leben auf der ganzen Welt retten können“, betonen Dr. Igor Rudan und Dr. Kit Yee Chan vom Centre for Population Health Science and Global Health Acedemy der University of Edinburgh/Großbritannien in einem begleitenden Kommentar [2].

Sie begrüßen deshalb eine kontinuierliche Konkurrenz zwischen den Forschergruppen auf diesem Gebiet. Historisch lag die Verantwortung für solche Schätzungen weitestgehend bei der WHO. Obgleich das Team der WHO über viele Jahre gute Arbeit geleistet habe, habe diese Monopolstellung andere eher davon abgehalten, Zeit und Geld in diesem Feld zu investieren. „Die Konkurrenz zwischen WHO und dem GBD-Projekt nutzt der gesamten öffentlichen Gesundheit und führt zu konvergenten Schätzungen der globalen Todesursachen, denen man trauen kann“, so Rudan und Chan.

 

REFERENZEN:

1. Murray D, et al: The Lancet (online) 18. Dezember 2014

2. Rudan I, el al: The Lancet (online) 18. Dezember 2014

 

Kommentar

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