Lehren aus der Ebola-Epidemie: Warum sie zur Katastrophe wurde

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

12. Dezember 2014

Berlin – „Wenn ein Kind in einem afrikanischen Dorf mit einem Flughund spielt, dann muss uns das etwas angehen.“ Das ist für Prof. Dr. August Stich, Chefarzt und Leiter der Abteilung Tropenmedizin an der Missionsärztlichen Klinik Würzburg, eine der Lehren aus der aktuellen Ebola-Epidemie. Denn der erste Patient, ein Kleinkind, hat sich vermutlich bei einem Flughund infiziert.

Ebola konnte sich zur Katastrophe ausweiten, weil die Entwicklungspolitik sowohl das Thema Gesundheit als auch die Region Westafrika zu lange vernachlässigt habe: „Nun wissen wir, dass Infektionskrankheiten ganze Gesellschaften zerstören können“, mahnte Stich auf der Veranstaltung „Katastrophe mit Ansage: Westafrika & die Ebola-Epidemie“ der Akkon-Hochschule in Berlin [1]. Dabei ging es um die Frage, wie es zu einem Ausbruch dieses Ausmaßes kommen konnte – und welche Konsequenzen Hilfsorganisationen und Politik ziehen sollten.

Die lokalen Gepflogenheiten wurden den Menschen zum Verhängnis

Ebola-Ausbrüche gab es schon zuvor, doch sie blieben meist regional. Warum breitete sich das Virus diesmal so viel weiter aus? „Ebola war zuvor immer begrenzt auf den Kongo und angrenzende Länder“, sagte Prof. Dr. Timo Ulrichs, Leiter des Studiengangs „Internationale Not- und Katastrophenhilfe“ an der Akkon-Hochschule. Die betroffenen Gebiete waren meist abgelegen, Infizierte reisten nicht weiter. „In dem Moment, wo man von einem Ausbruch erfahren hat, war er oft auch schon wieder vorbei.“

 
Die Menschen haben oft kein Vertrauen in die Behörden, sie haben nicht vergessen, dass sie im Bürgerkrieg oft falsch informiert wurden. Matthias Amling
 

Aber dann wanderten die Flughunde offenbar nach Westafrika. Grund ist vermutlich, dass der Lebensraum der Tiere im Kongo durch Tagebauminen zerstört wurde. Das Virus nahmen sie mit. Und plötzlich gab es einen Ebola-Fall in Guinea, an der Grenze zu Sierra Leone und Liberia: Ein 2-jähriges Kind starb am 6. Dezember 2013. Es hatte vermutlich das Fleisch eines Flughundes gegessen.

Eine Verkettung ungünstiger Umstände führte dann zu der raschen Ausbreitung Anfang 2014. „In der betroffenen Gegend lebt ein Stamm mit vielen verwandtschaftlichen Beziehungen in die Nachbarländer“, erläuterte Ulrichs. So gelangte das Virus auch dorthin. Zudem hatten die Menschen und auch das medizinische Personal keine Erfahrung mit Ebola und konnten die Gefahr nicht erkennen. „In einem frühen Stadium sieht die Krankheit sehr unspezifisch aus, wie eine Erkältung“, betonte Frank Brenda, Nothilfekoordinator bei Adventist Development and Relief Agency (ADRA).

Vor allem aber traf es 3 Länder, die zu den ärmsten 15 der Welt gehören. „Schon ohne Epidemie ist die Gesundheitsversorgung dort äußerst begrenzt“, so Brenda: „Man geht nicht wegen Erkältungssymptomen zum Arzt – wenn es denn überhaupt einen gibt.“ Also wurden die ersten Infizierten zu Hause gepflegt – und steckten ihre halbe Familie an.

„Fatal war auch, dass in diesen Ländern viel Körperkontakt üblich ist“, ergänzte Stich: „Das ist für die Gesellschaften dort sehr wichtig. Wenn man sich in Deutschland in der Kirche auf die Bank setzt, rückt der Nachbar ein Stück ab. In Westafrika rückt er heran.“ Umarmungen von Freunden, das Berühren von Toten bei der Beerdigung, das Trinken aus einem gemeinsamen Becher – all das wurde den Menschen zum Verhängnis.

 
Diesen Ausbruch werden wir nur über die Verhaltens- änderung eindämmen können. Prof. Dr. August Stich
 

Von den Regierungen kam lange keine Hilfe, sie ignorierten die ersten Berichte schlicht. „In Sierra Leone hat das auch historische Gründe“, erläuterte Stich, „was im Norden passiert, interessiert die Hauptstadt nicht so.“ Schon beim Bürgerkrieg, der ebenfalls im Norden begann, habe man dies beobachten können. Als die Behörden dann endlich doch reagierten und Warnungen für die Bevölkerung veröffentlichten, trafen sie auf große Skepsis: „Die Menschen haben oft kein Vertrauen in die Behörden“, sagte Matthias Amling vom Humanitarian Assistance Team bei der Welthungerhilfe, „sie haben nicht vergessen, dass sie im Bürgerkrieg oft falsch informiert wurden.“

Warum zögerte die WHO so lange?

Ein großer Teil der Verantwortung trifft aber die Weltgemeinschaft und die WHO. Sie wussten zwar um die steigenden Fallzahlen, reagierten aber lange nicht. Bereits im Juni warnte Ärzte ohne Grenzen, dass die Epidemie außer Kontrolle ist – doch erst im August erklärte die WHO den globalen Gesundheitsnotfall. Das lange Zögern konnte sich auch auf der Veranstaltung kein Experte wirklich erklären. Aber hätten nicht auch die Hilfsorganisationen noch lauter Alarm schlagen müssen, beispielsweise mit einem gemeinsamen Appell? „Außer Ärzte ohne Grenzen hat das wohl auch von den Organisationen niemand richtig erkannt“, sagte Amling.

 
Wir werden noch über lange Zeit Ebola-Fälle in Westafrika haben. Prof. Dr. August Stich
 

Mittlerweile sinken die Infektionszahlen laut WHO in Liberia, in Sierra Leone sind sie stabil. „Das ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Bevölkerung ihr Verhalten geändert hat“, sagte Stich. Die Strategie „Beds, Behaviour, Burials“ (Isolierbetten, Verhalten der Bevölkerung, sichere Beerdigungen) scheint aufzugehen. Gelingt es, 70% der Infizierten zu isolieren und 70% der Verstorbenen sicher zu bestatten, dann wird das Virus schrittweise zurückgedrängt. In Guinea steigen die Zahlen noch leicht.

Die jetzt getestete Impfung werde für den aktuellen Ausbruch nicht den Durchbruch bringen, betonte Stich. Sie ist teuer und benötigt teilweise eine Kühlkette von minus 18 Grad Celsius. „Diesen Ausbruch werden wir nur über die Verhaltensänderung eindämmen können.“ Aber auch wenn die Epidemie abebbt: „Wir werden noch über lange Zeit Ebola-Fälle in Westafrika haben“, so Stich

Lehren für die reichen Länder

Auch für reiche Länder sei die Katastrophe ein Signal, sagte Brenda: „Die Prävention von Infektionskrankheiten bleibt wichtig, auch bei uns.“ Dazu gehört auch das Vorhalten von teuren Isolierbetten, die vielleicht jahrelang nicht gebraucht werden. „Eine Gesundheitsversorgung darf nicht nur nach ökonomischen Kriterien organisiert werden“, sagte Stich.

Das Robert Koch-Institut hat Anfang Dezember ein „Rahmenkonzept Ebolafieber“ veröffentlicht. Darin werden detaillierte Verhaltensregeln für das medizinische Personal im Ernstfall erläutert. Es sind die Rahmenbedingungen, die das Virus aufhalten können – oder die zur Katastrophe führen.

REFERENZEN

1. Akkon aspekte: Katastrophe mit Ansage: Westafrika & die Ebola-Epidemie, 3. Dezember 2014

2. WHO: Ebola response roadmap – Situation report, 10. Dezember 2014

3. Robert Koch-Institut: Framework Ebola Virus Disease, 1. Dezember 2014

 

Kommentar

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