Assistierter Suizid: Ärzte wollen ihrem Gewissen folgen dürfen

Christian Beneker

Interessenkonflikte

10. Dezember 2014

Die meisten deutschen Ärzte wollen kein berufsrechtliches Verbot des assistierten Suizids. Das hat eine Studie des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität in Bochum ergeben, die in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift veröffentlicht wurde [1].

Allerdings versagten 12 der 17 deutschen Ärztekammern den Forschern die Unterstützung, so dass die Studie mit fast 740 Ärzten nur eingeschränktes Gewicht hat. Auf Nachfrage erklärt etwa Dr. Oliver Erens, Sprecher der Ärztekammer Baden-Württemberg, gegenüber Medscape Deutschland: „Es bestanden Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes sowie Inhalt und Methode der geplanten Studie“ bestanden hätten.

Welcher Art diese Bedenken waren, wollte Erens nicht mitteilen. „Die fehlende Kooperation der Mehrheit der Landesärztekammern ist sehr bedauerlich und behindert die wissenschaftliche Forschung in diesem wichtigen Bereich“, kritisierte der Mitautor der Studie, Prof. Dr. Dr. Jochen Vollmann, Leiter des Instituts für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum in einer Pressemitteilung.

 „Allerdings sind die erhobenen Daten … relevant“, heißt es in der Studie. Jedenfalls nach Einschätzung der Autoren und mit der Begründung, dass es sonst kaum belastbare Informationen zur Handlungspraxis am Lebensende in Deutschland gebe. Entscheidungen, medizinische Maßnahmen zu begrenzen oder einzustellen „sind in der klinischen Praxis nicht nur häufig, sondern werfen vielfach auch ethisch relevante Fragen auf“, erklären Vollmann und der Leiter der Studie, Dr. Jan Schildmann vom Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin der Ruhr-Universität Bochum.

Ein Fünftel der Befragten wurde bereits um Hilfe beim Suizid gebeten

Aber wie handeln Ärzte am Lebensende ihrer Patienten tatsächlich? Das ist in weiten Zügen unbekannt. Es mangele an „methodisch robusten Daten zum ärztlichen Handeln am Lebensende in Deutschland“ schreiben die Verfasser.

 
Es bestanden Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes sowie Inhalt und Methode der geplanten Studie. Dr. Oliver Erens
 

Nun hat ihre Studie gezeigt: 40% der befragten Ärzte können sich vorstellen, unter bestimmten Bedingungen ärztliche Assistenz zur Selbsttötung zu leisten, 42% der Ärzte können sich das nicht vorstellen. 403 der befragten Ärzte betreuten im Laufe eines Jahres  mindestens einen erwachsenen Patienten, der innerhalb des zurückliegenden Jahres gestorben war, so die Ergebnisse der Studie.

Immerhin 20,7% der Befragten waren bereits von Patienten um ärztliche Assistenz bei der Selbsttötung gebeten worden. Zur Umsetzung kommt es aber so gut wie nie in der ärztlichen Praxis. Bei 87% dieser Patienten hatten die Kollegen symptomlindernde Maßnahmen ergriffen.

Der assistierte Suizid indessen oder gar das Töten auf Verlangen sind nach den Zahlen der Bochumer Forscher deshalb sehr selten. „In Bezug auf Handlungspraxis konnten wir einen Fall ärztlich assistierte Selbsttötung dokumentieren“, sagt Schildmann zu Medscape Deutschland, das betrifft damit nur 0,3 % aller Befragten. In zwei Fällen (0,6%) übten Ärzte aktive Sterbehilfe und gaben ihrem Patienten ein tödliches Medikament. Die Patienten hätten „früher einen entsprechenden Wunsch geäußert“, heißt es in der Studie

Zum Vergleich: Bei mehr als der Hälfte der Patienten (50,7%) verzichteten die Ärzte auf medizinische Maßnahmen, übten damit also passive Sterbehilfe aus. Und in 42,4% der Fälle wurde laut Studie eine Behandlung abgebrochen.

 
In Bezug auf Handlungspraxis konnten wir einen Fall ärztlich assistierte Selbsttötung dokumentieren. Dr. Jan Schildmann
 

Ärzte wollen frei entscheiden dürfen

Trotz der zumindest dieser Befragung zufolge höchst seltenen Fälle ärztlich assistierten Suizids „wird ein berufsrechtliches Verbot nur von einer Minderheit von 25 Prozent unterstützt“, sagt Schildmann. Also: Zwar assistiert fast kein Arzt beim Suizid, gleichwohl möchten die Ärzte in ihrer Entscheidung, ob sie dies tun oder nicht, frei sein. Ein berufsrechtliches Verbot der ärztlich assistierten Selbsttötung, wie es vom Vorstand der Bundesärztekammer unterstützt wird, befürwortet deshalb nur ein Viertel der Befragten.

34% lehnen es ab und 41% sind unentschieden, so die Antworten der aktuellen Studie. Offen ist, was die hier dokumentierte Handlungspraxis der Ärzte für künftige Regelungen bedeutet: „Innerhalb der Ärzteschaft gibt es, wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen, unterschiedliche Werthaltungen zu kontroversen ethischen Themen. Dieser Wertepluralismus kann nicht durch Mehrheitsentscheidungen geregelt werden“, erklärt Vollmann.

Auch Prof. Dr. Dr. Eckhard Nagel, Direktor der Universitätsklinik Essen und Mitglied des Deutschen Ethikrates, äußerste sich unlängst zum Thema in einer Stellungnahme vor dem Ethikrat: Die Gewissensentscheidung der Ärzte am Lebensende ihrer Patienten „ist etwas, worauf die Ärzteschaft in dieser Diskussion besonderen Wert legt und insofern einer entsprechenden Individualisierung dieser Situation Rechnung tragen möchte.“

 
Ein berufsrechtliches Verbot wird nur von einer Minderheit von 25 Prozent unterstützt. Dr. Jan Schildmann
 

Gegenüber Medscape Deutschland erklärt Schildmann zum assistierten Suizid: „Aus meiner Perspektive gilt es insbesondere das 2011 in die Musterberufsordnung aufgenommene Verbot beziehungsweise die Übernahme dieses Verbots in die Berufsordnung einiger Landesärztekammern kritisch zu prüfen.“ Die Regelung schränke den Handlungsspielraum für die wenigen Patienten, die ernstlich und selbstbestimmt aus dem Leben scheiden wollen und die Ärzte, die ihre Patienten dabei unterstützen wollen, ein. Also auch hier die Forderung nach freier Hand.

Kein Arzt wurde je belangt

Wenn allerdings die Ärzte in ihrer Handlungspraxis größeren Spielraum haben möchten, dann hätten sie auch die Möglichkeit dazu, betont Dr. Karsten Scholz, Justiziar der Ärztekammer Niedersachsen. Niedersachsen ist eines der Länder, die das Verbot des durch Ärzte assistierten Suizids aus der Musterberufsordnung der Bundesärztekammer (BÄK) in die Berufsordnung übernommen hat.

Zunächst: Bei einem berufsrechtlichen Verbot wie in Niedersachsen „müsste sich der Arzt, der beim Suizid Beihilfe geleistet hat, erklären und rechtfertigen“, sagt Scholz zu Medscape Deutschland. Zugleich weist er darauf hin, dass noch kein Arzt wegen der Beihilfe zum Suizid belangt wurde. Vulgo: Wenn ein Arzt es tat und es wurde bekannt, blieb es trotz Verbotes folgenlos.

Ärzte, die ihre Gewissensentscheidung dennoch stärker gewürdigt sehen und das Verbot aus ihrer Berufsordnung streichen wollen, können überdies den Weg über ihre Ärztekammer gehen, erklärt Scholz: „Dann müssten sie in ihrer Kammerversammlung für eine entsprechend geänderte Satzung eine Mehrheit suchen.“

 

REFERENZEN:

  1. 1. Schildmann J, et al: Deutsche Medizinische Wochenschrift (online) 1. 12. 2014

 

Kommentar

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