Wertvolle Muttermilch: Längeres Stillen spart dem Gesundheitssystem Millionen ein

Dr. Sabine Wimmer-Kleikamp

Interessenkonflikte

9. Dezember 2014

Nicht zu stillen oder sehr früh abzustillen erhöht das Erkrankungsrisiko von Müttern und Säuglingen und ist dadurch ein beachtlicher Kostenfaktor für das Gesundheitswesen. Bereits eine moderate Veränderung des Stillverhaltens könnte dem National Health Service (NHS) Kosten von mehr als 40 Millionen Pfund, das sind gut 50 Millionen Euro, jährlich einsparen helfen. Das folgt aus einer aktuellen britischen Studie, die in der Fachzeitschrift Archives of Disease in Childhood erschienen ist [1].

Die Einsparungen beruhen zum einen darauf, dass sie die Kinder vor einer Reihe von Erkrankungen schützen, zum anderen verringert das längere Stillen das Brustkrebsrisiko der Mütter. Um diese gesundheitlichen Effekte zu erzielen, müsste die Stillzeit mindestens 4 Monate betragen. Zudem müsste sich die Anzahl derjenigen Frauen, die in ihrem Leben 7 bis 18 Monate lang stillen, verdoppeln.

Das seien starke ökonomische Gründe, um in Dienstleistungen für die Unterstützung der Mütter beim Stillen zu investieren, so die Schlussfolgerungen des Autorenteams um Dr. Subhash Pokharel von der Forschungsgruppe Gesundheitsökonomie der Brunel Universität in London.  

Denise Both

„Die ausgewerteten Daten bestätigen u.a., was andere Studien aus den letzten rund 20 Jahren bereits nachgewiesen haben“, sagt Denise Both, Still- und Laktationsberaterin IBCLC (International Board Certified Lactation Consultant) der La Leche Liga und Mitglied der Nationalen Stillkommission in Deutschland gegenüber Medscape Deutschland. Sie fügt hinzu: „Stillen schützt Frauen vor Brustkrebs und dabei gibt es eine Dosis-Wirkungs-Beziehung. Sprich, je länger eine Frau in ihrem Leben gestillt hat, umso höher der Schutz.“ Auch seien gestillte Kinder statistisch gesehen gesünder als nicht gestillte Kinder, insbesondere was Magen-Darm-Infektionen sowie Atemwegserkrankungen und Mittelohrentzündung betrifft.

Nur wenig länger stillen genügt schon

Um herauszufinden, ob eine Steigerung der Stillrate über eine Verbesserung der Gesundheit von Mutter und Kind Gesundheitskosten senken kann, konzentrierten die britischen Forscher sich auf 5 Hauptkrankheiten: Gastroenteritis, Infektionen der tiefen Atemwege, Mittelohrentzündung und Nekrotisierende Enterokolitis bei Frühgeborenen sowie das Lebenszeitrisikos für Brustkrebs der Mütter.

Die jährlichen Behandlungskosten der 4 Kinderkrankheiten belaufen sich, so die Berechnungen der Autoren, auf 89 Millionen britische Pfund und die Lebenszeitkosten für die Brustkrebsbehandlungen der Mütter auf 960 Millionen britische Pfund. Zugrunde gelegt wurden Werte der Jahre 2009 und 2010.

Außerdem berechneten sie die potentielle Kostenersparnis bei Verlängerung der Stillzeit. Das Ergebnis: Unterstützt man Frauen, die länger als eine Woche stillen, dies bis zu 4 Monate lang fortzusetzen, könnten bis zu 11 Millionen britische Pfund pro Jahr durch eine Reduktion der Zahl der Mittelohrentzündungen sowie der Magen-Darm und Atemweginfektionen eingespart werden. Zusätzliche 6 Millionen Pfund ließen sich bei der Therapie der Nekrotisierenden Enterokolitis einsparen, wenn 75% statt 35% der Frühgeboren gestillt würden.

Stillen schützt Frauen vor Brustkrebs … und je länger eine Frau in ihrem Leben gestillt hat, umso höher der Schutz. Denise Both

Verdoppelte sich die Zahl der Mütter, die zwischen 7 und 18 Monate lang stillen, könnte diese die die Brustkrebsinzidenz reduzieren. Allein das würde mit Einsparungen von 31 Millionen Pfund bei jedem Jahrgang britischer Erstgebärender zu Buche schlagen – nicht eingerechnet die Steigerung der Lebensqualität und Lebensdauer der Mütter.

Viele Frauen würden gerne länger stillen

Ähnlich wie in anderen Ländern mit hohem Einkommen sind die Stillraten in Großbritannien niedrig, insbesondere in sozial benachteiligten Familien. Die Rate stillender Mütter hat sich laut der britischen Studie zwar in den letzten Jahren verbessert, jedoch sei die Dauer des Stillens immer noch verhältnismäßig kurz. Im Jahr 2010 stillten nur noch 55% der britischen Mütter 6 Wochen nach der Geburt nur noch 55% der britischen Mütter ihre Kinder, 23% davon ausschließlich. Unmittelbar nach der Geburt waren es 82%. Zum Vergleich: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, 6 Monate ausschließlich zu stillen und nach entsprechender Einführung von Beikost eine Gesamtstilldauer von 24 Monaten.

Leider fehlen uns in Deutschland aktuelle und valide Zahlen zum tatsächlichen Stillverhalten, da ein entsprechendes Monitoring schon seit langem überfällig ist. Denise Both

An der Überzeugung der Mütter liegt es definitiv nicht. „Denn laut britischer Statistiken hätten 80 Prozent der Frauen, die in den ersten Wochen mit dem Stillen aufgehört haben, lieber länger gestillt“, schreiben die Autoren. Vielmehr müsste denjenigen Müttern, die sich bereits für das Stillen entschieden haben, dabei geholfen werden, länger durchzuhalten.

Doch wie ist die Situation in Deutschland im Vergleich zu Großbritannien? „Leider fehlen uns in Deutschland aktuelle und valide Zahlen zum tatsächlichen Stillverhalten, da ein entsprechendes Monitoring schon seit langem überfällig ist“, erklärt Both.“Wenn man jedoch von den Daten der SuSe-Studie und dem bayerischen Stillmonitoring ausgeht und diese mit den Zahlen von UNICEF und die Initiative „Baby-friendly Hospital“ (BFHI) für Großbritannien vergleicht, scheinen die Stillraten in Deutschland geringfügig besser zu sein“, berichtet die Still- und Laktationsspezialistin.

Stillförderung in Zukunft auch in Deutschland wünschenswert

Vom Stillen profitieren alle: Mütter, Kinder, Arbeitgeber und Krankenkassen. Denise Both

Bessere Stillförderung sei in Zukunft auch hier in Deutschland wünschenswert, meint Both. „Vom Stillen profitieren alle: Mütter, Kinder, Arbeitgeber und Krankenkassen. Wenn ein Arbeitgeber das Stillen seiner Mitarbeiterinnen unterstützt, werden diese weniger Kinderkrankentage beanspruchen – und wahrscheinlich auch ausgeglichener bei der Arbeit sein, weil ihre Kinder seltener krank sind“, betont Both.

Angesichts der derzeitigen Entwicklung, dass Frauen zunehmend früher wieder an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, sollte laut Both unbedingt darüber aufgeklärt werden, dass sich eine Berufstätigkeit außer Haus und Stillen nicht von vorneherein gegenseitig ausschließen, sondern sich in vielen Fällen beides miteinander vereinbaren lässt.

REFERENZEN:

  1. 1. Pokhrel S, et al: Arch Dis Child (online) 4. Dezember 2014

Kommentar

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