176 Mogelpackungen? Medikamenten droht Entzug der Zulassung wegen gefälschter Studien

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

10. Dezember 2014

Weil offenbar der indische Dienstleister GVK Biosciences Daten für Zulassungsstudien gefälscht hat, könnten etliche Medikamente demnächst ihre Marktzulassung verlieren. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) überprüft in Deutschland derzeit 176 Medikamente von 28 Herstellern [1].

Darunter fallen die Zulassungen von Generikapräparaten, für die das Unternehmen GVK Bio Biosciences zwischen 2008 und 2014 Bioäquivalenz-Studien durchgeführt hatte. Am 10. November hatte das BfArM den betroffenen Firmen die Möglichkeit zur schriftlichen Stellungnahme mit Frist bis zum 24. November eingeräumt. „Wir sind jetzt dabei, die eingereichten Unterlagen der Hersteller zu prüfen“, sagt Maik Pommer, Sprecher des BfArM auf Nachfrage von Medscape Deutschland. Zur Dauer des Prüfverfahrens machte Pommer keine Angaben.

 
Dann muss aufgeklärt werden, wie es bei GVK zu den groben Verstößen gegen die entsprechenden Vorschriften kommen konnte ... Bork Bretthauer
 

Mit Bescheid vom 8. Dezember hat das BfARM nun zunächst das Ruhen verschiedener Arzneimittelzulassungen angeordnet [2]. Diese Arzneimittel verlieren damit ihre Verkehrsfähigkeit. Auch Arzneimittel mit bereits gelöschten Zulassungen, die aber noch abverkauft werden durften, sind damit nicht mehr verkehrsfähig. Wie das  BfArM erklärt, liegen jedoch keine Hinweise darauf vor, dass die Sicherheit der Patienten durch diese Präparate gefährdet wäre. Ein Rückruf der betroffenen Arzneimittel auf Patientenebene ist daher nicht vorgesehen.

Die Europäische Arzneimittelagentur EMA rechnet damit, ihre Prüfungen der europaweit zugelassenen Mittel bis im Januar 2015 abgeschlossen zu haben [3]. Die Behörde prüft derzeit die Daten für 1.250 Zulassungen.

Noch völlig offen ist, welche Generika betroffen sein könnten. Bork Bretthauer, Sprecher des Branchenverbandes Pro Generika, teilt auf Anfrage mit: „In der Summe geht es jetzt darum, dass die Zulassungsbehörden rasch klären, welche Präparate wirklich in Verdacht stehen. Dann muss aufgeklärt werden, wie es bei GVK zu den groben Verstößen gegen die entsprechenden Vorschriften kommen konnte und wie künftig verhindert werden kann, dass sich so etwas
wiederholt."

GVK Bio behauptet: Studien wurden entsprechend der GCP durchgeführt

 
Die sozialen und gesundheitlichen Bedingungen in den Ländern der mit Arzneimitteltests beauftragten Firmen tragen möglicherweise systematisch zu verzerrten Ergebnissen bei. Dr. Bernard Braun
 

Schon im Mai hatte die französische Arzneimittelbehörde ANSM 9 Studien von GVK aus den Jahren 2008 bis 2014 genauer unter die Lupe genommen. Die Behörde entdeckte gefälschte Elektrokardiogramme, die Zweifel an der Echtheit der klinischen Daten weckten. Auf Veranlassung der ANSM hatte die EMA im September begonnen, den Verdacht der Nichteinhaltung der guten klinischen Praxis (GCP) bei GVK Biosciences in Hyderabad zu untersuchen (wie Medscape Deutschland berichtete).

Mit 2.400 Mitarbeitern gilt GVK Biosciences als eines der größten Unternehmen für Auftragsforschungen in Asien. Der Dienstleister unterstützt Pharmakonzerne bei der Abwicklung klinischer Studien, die eine Voraussetzung für die Zulassung von Medikamenten sind. Solche Contract Research Organisations (CROs) sind längst fester Bestandteil der Arzneimittelforschung.

Das Unternehmen zeigte sich „enttäuscht“ über die Prüfungen der Arzneimittelbehörden. Man habe die monierten Studien unabhängigen Kardiologen vorgelegt und diese hätten die Unbedenklichkeit bestätigt, so GVK Biosciences in seinem Statement. Man sei der Auffassung, dass die Studien entsprechend der Richtlinien der GCP durchgeführt worden seien, schreibt GVK-Sprecherin Dorothy Paul.

Soziale und gesundheitliche Bedingungen in den Testländern verzerren die Ergebnisse

Nachdenklich machen Dr. Bernard Braun die zunehmenden Verlagerungen von Medikamententests. „Die sozialen und gesundheitlichen Bedingungen in den Ländern der mit Arzneimitteltests beauftragten Firmen tragen möglicherweise systematisch zu verzerrten Ergebnissen bei“, erklärt der Gesundheitsexperte vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen. Das Armutsniveau in Südostasien oder Puerto Rico, den typischen Testländern für die USA beispielsweise, führe zu einer systematischen Selektion der Teilnehmer in Richtung ärmere, insgesamt ungesündere und illiterate Personen. Die Kosten so billig wie möglich zu halten, „ist ja ein Argument für die Verlagerung solcher Tests in diese Länder“, erklärt Braun.

 
Unter Umständen kann das die Ergebnisse beeinflussen. Ungeeignete, schlecht aufgeklärte, aber bedürftige Menschen machen möglicherweise eher unrichtige Angaben. Dr. Bernard Braun
 

Der Gesundheitszustand der Probanden dort könnte erheblich schlechter sein als bei einer westeuropäischen Bevölkerung, für die solche Tests aber überwiegend gemacht würden. „Unter Umständen kann das die Ergebnisse beeinflussen. Ungeeignete, schlecht aufgeklärte, aber bedürftige Menschen machen möglicherweise eher unrichtige Angaben.“ Ob man solche Verzerrungen herausrechnen kann, bezweifelt Braun. Es falle auch auf, dass viele dieser Länder auf der Korruptionsskala weit oben stünden. Es sei nicht klar, weshalb diese „Kultur“ an den Testfirmen vorbei gehen sollte. „Erst danach oder zusätzlich kommt dann von Fall zu Fall die vorsätzliche Fälschung von Daten“, so Braun.

Nach Informationen der EMA wurden die Daten durch mindestens 10 verschiedene Personen gefälscht. Das systematische Vorgehen, der lange Zeitraum und die Zahl der beteiligten Mitarbeiter haben demnach kritische Mängel bei GVK aufgezeigt und auch die Glaubwürdigkeit anderer Studien des Dienstleisters infrage gestellt, schreibt Sabine Jülicher,Leiterin der Abteilung für die Zulassung von Arzneimitteln in der EU-Kommission, in ihrer Mitteilung an den Ausschuss für Humanarzneimittel (CHMP) der EMA.

Die EMA prüft derzeit auch Studien, die vor 2008 erstellt worden waren. Darunter fallen auch Generika der Firmen Betapharm in Augsburg und Hexal in Holzkirchen. Betapharm-Geschäftsführer Clemens Troche erklärte, das Unternehmen sei bereit, neue Studien in die Wege zu leiten. Doch die Entscheidung des BfArM steht noch aus.

Beim Generika-Hersteller Hexal steht das Antiallergikum Fexofenadin auf dem Prüfstand, weil die Zulassung auch auf einer Studie des indischen Dienstleisters GVK Biosciences beruht. Diese Studie stammt aber aus dem Jahr 2005.

„Darüberhinaus liegt Hexal eine zweite Bioäquivalenzstudie aus dem Jahr 2013 vor, die von einem anderen Institut erstellt wurde. Darin wird die Bioäquivalenz eindeutig nachgewiesen. Außerdem sind die Ergebnisse nahezu deckungsgleich mit der GVK-Studie von 2005“, erklärt Sprecherin Katja Minak. Sie fügt hinzu: „Wir haben daher keinerlei Hinweise, dass die Zulassungsstudie für FexofenadinHEXAL manipuliert wurde und stehen in intensivem Kontakt mit der EMA und dem BfArM, um hier rasch Klarheit zu schaffen. Die Studien haben wir den Behörden unverzüglich zur Verfügung gestellt.“ Es bestehe keine Gefahr für die Patienten, hieß es außerdem.

 

REFERENZEN:

  1. 1. BfArM: Pressemitteilung „Gefälschte Arzneimittelstudien aus Indien: Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte suspendiert Zulassungen“, 5. Dezember 2014

  2. 2. BfArM: Arzneimittelzulassungen unter Verwendung von Studien der Firma GVK Biosciences in Indien: Ruhen der Zulassungen, 9. Dezember 2014

  3. 3. EMA: Pressemitteilung „GVK Biosciences review: Some Member Staates suspend marketing authorisations for concerned medicines“, 5. Dezember 2014

 

Kommentar

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