MEINUNG

RoboDocs im OP: Was der Roboter dem Chirurgen nützt

Shari Langemak

Interessenkonflikte

5. Dezember 2014

           

Dr. Catherine Mohr

           

San  Diego – Würden Sie sich bei einem Roboter unter’s  Messer legen? Zunehmend mehr Patienten antworten auf diese Frage mit „ja!“, und  zunehmend mehr Chirurgen machen mit. Die Kontrolle behalten dabei aber immer  noch letztere, wie Dr. Catherine Mohr,  Senior Director of Medical Research for Intuitive Surgical auf  der Exponential  Medicine in San Diego erklärte. Im Gespräch mit Medscape Deutschland verrät die Ingenieurin und Ärztin, welche  Rolle Roboter künftig in den Operationssälen spielen werden.

Medscape  Deutschland: Ihr Unternehmen baut Roboter, die  Chirurgen bei Operationen assistieren. Wann werden diese Roboter Chirurgen  komplett ersetzen?

Dr. Mohr: Unsere Roboter sind nicht so, wie es sich viele vielleicht vorstellen  – kein Terminator und auch keine andere Figur aus einem Hollywoodfilm. Unsere  Roboter denken weder für sich selbst, noch handeln sie für sich selbst. Vielmehr sind sie eine Art  Telepräsenz des Chirurgen im Körper des Patienten. Jede Bewegung  innerhalb des Körpers ist ein präzises Duplikat der Bewegung, die der Chirurg  außerhalb des Körpers mit seinen Händen vollzieht. Derzeit werden keine  anatomischen Entscheidungen von Robotern gefällt.

 
Roboter-assistierte Systeme sind eine Art Telepräsenz des Chirurgen im Körper des Patienten.
 

Doch man sollte niemals nie sagen, besonders  wenn man auf einer Konferenz wie der Exponential Medicine ist. Wir sehen  definitiv dramatische Fortschritte im Bereich der künstlichen Intelligenz. Ich  könnte mir vorstellen, dass diese irgendwann in das klinische Decision-Making  mit eingebunden wird. Künstliche Intelligenz könnte einem Chirurgen dabei  helfen zu entscheiden, ob er das eine oder das andere tun soll, Informationen  während der OP für ihn recherchieren oder seine Hände zu der Stelle leiten, an  der ein Schnitt gemacht werden muss. Trotzdem bin ich der Meinung, dass der  Chirurg immer der Handelnde bleiben wird.

Medscape  Deutschland: Warum brauchen Chirurgen dann Roboter  überhaupt?

Dr. Mohr: Der wesentliche Grund ist, dass die Patientenalle Vorteile einer Operation  bekommen, ohne dass der Chirurg dabei einen großen Schnitt setzen muss. Denn  der Operationsschnitt hat eigentlich keine andere Funktion, als die Hände des  Chirurgen in Reichweite des Operationszieles zu bringen. Wenn wir also dieselbe  therapeutische Prozedur auch mit einem kleinen Schnitt durchführen können,  sollte dies das Standardverfahren werden. Das gesamte Spektrum der Chirurgie  sollte, wenn möglich, minimalinvasiv erfolgen.

Medscape  Deutschland: Aber kleine Schnitte gehen oft mit  größeren Kosten einher. Kritiker beklagen schon jetzt, dass die  Roboter-assistierte Chirurgie viel zu kostspielig sei.

Dr. Mohr: Man kann sie zumindest sehr teuer machen, indem man einen Roboter kauft,  und ihn am Ende dann kaum nutzt. Wenn man ihn aber für viele Operationen nutzt  – so wie es viele Krankenhäuser bereits tun – ist die Roboter-assistierte Chirurgie  sehr kosteneffektiv und wettbewerbsfähig mit anderen Prozeduren wie offenen  Eingriffen und der Laparoskopie. Der Vergleich zur offenen Chirurgie offenbart  dabei sogar deutliche Vorteile. Mögliche Folgekosten – zum Beispiel durch eine  erhöhte Zahl an Komplikationen und längere Liegezeiten – übersteigen die Kosten  für die Anschaffung eines Roboters bei Weitem. Nicht ganz so klar sind die  Einsparungen im Vergleich zur Laparoskopie. Beide Verfahren haben vielfach  dieselben Vorteile. Meiner Meinung nach ist die Roboter-assistierte Chirurgie  zurzeit deshalb eher eine gleichwertige Alternative zur Laparoskopie. Aber ich glaube, dass beide  Verfahren die offene Chirurgie ablösen werden.

Medscape  Deutschland: Sie sagen, man sollte die  Roboter-assistierte Chirurgie so oft wie möglich verwenden. Welches sind denn  die wichtigsten Indikationen?

 
Laparoskopie und Roboter-assistierte Chirurgie werden offene Eingriffe zunehmend ablösen.
 

Dr. Mohr: Bei der Einführung des Verfahrens wurden die Roboter klassischerweise  zur Prostataektomie genutzt. Seit einiger Zeit finden sie zusätzlich bei gynäkologischen  Operationen Anwendung. Mittlerweile werden Roboter sogar häufiger bei  gynäkologischen als bei Operationen an der Prostata genutzt, beispielsweise bei  der Operation von Myomen oder der eines Beckenbodenprolaps. Diese Indikationen  sind deshalb so gut für das Verfahren geeignet, weil sie meist wiederherstellende  Maßnahmen beinhalten, bei denen die Funktion von Organstrukturen möglichst  unverletzt bleiben soll. Hier entscheidet die Präzision – eine der wesentlichen  Stärken der Roboter-assistierten Chirurgie.

In der Allgemeinchirurgie ist das Verfahren  allerdings noch nicht weit verbreitet. Das lag zunächst vor allem daran, dass  das Roboter-System nicht über die Grenzen von Quadranten hinaus arbeiten konnte  und nicht so vielseitig wie die Laparoskopie war. In isolierten Arealen wie dem  Uterus oder der Prostata funktionierte es gut, nicht aber, wenn der Chirurg  über ein größeres Areal hinaus agieren musste. Unsere neue Version hat diesen  Nachteil nun überwunden und soll zunehmend auch bei Eingriffen der  Allgemeinchirurgie zum Einsatz kommen.

Wir arbeiten außerdem transoral. Der Eingriff  nach Steiner ist berühmt, aber technisch sehr schwer umzusetzen. Einer der  vorrangigen Vorteile seiner Technik ist es, dass der Kiefer intakt bleibt. Ein  Nachteil ist, dass Steiner’s Technik die Fertigkeiten vieler Chirurgen  übersteigt. Mit Hilfe von Robotern kann dieses Problem überwunden werden. Die  Vielzahl an Instrumenten kann problemlos tief in den Oropharynx eingebracht  werden – allerdings auf ergonomisch viel komfortablerem Weg.

Medscape  Deutschland: Bildgebende Verfahren gehen Hand in Hand  mit der Roboter-assistierten Chirurgie, und machen darüber hinaus die Arbeit  von Chirurgen sehr viel einfacher. Wie interagiert die Bildgebung mit Ihrem  chirurgischen System?

Dr. Mohr: Fluoreszierende Moleküle erfüllen bereits jetzt einen großen Nutzen in  der Chirurgie. So macht intravenös appliziertes Indozyanin-Grün (ICG) den  Verlauf von Blutgefäßen sichtbar. Man kann so erkennen, ob eine Struktur  hinreichend durchblutet ist, und damit abschätzen, ob sie einen chirurgischen  Eingriff überleben wird. ICG wird außerdem von der Leber aufgenommen, und über  die Gallenwege ausgeschieden. Chirurgen können so auch den Verlauf der  Gallenwege sichtbar machen und damit verhindern, essentielle Gallengänge bei  einem Eingriff zu verletzen. All dies verhindert weitreichende Komplikationen.

 
Bildgebende Verfahren werden künftig Aussagen zur Heilung möglich machen, noch bevor die Operationswunde wieder vernäht wird.
 

Fluoreszierende Moleküle können außerdem mit Antikörpern  oder speziellen Rezeptoren kombiniert werden. Sind diese für eine Krebsart  spezifisch, dann kleben und akkumulieren diese Moleküle an der Tumoroberfläche.  So können selbst kleine Tumore oder Überbleibsel nach einem Eingriff sicher  identifiziert werden. Wenn es leuchtet, dann ist es Krebs, wenn es nicht leuchtet,  dann nicht. Und bleibt irgendein Leuchten zurück, dann bleiben auch Krebszellen  im Körper zurück. Somit lässt sich feststellen, ob eine Operation vollständig  war, oder ob – um bestimmte Nerven oder Blutgefäße zu schützen – bestimmte Teile  zurückgelassen werden müssen.

Wir nutzen für diese Zwecke Fluoreszenzen nahe  des Infrarot-Bereichs – eine spannende Wellenlänge! Mit dem bloßen Auge lässt  sich ihr Leuchten nicht erkennen, aber wir können es mit Hilfe unserer Kameras sichtbar  machen. Zugleich ist der menschliche Körper für diese Wellenlängen sehr  transparent. Somit ist es möglich, tief in das Körpergewebe hineinzusehen.

Medscape  Deutschland: Welches sind weitere große Hoffnungen und  Herausforderungen der Chirurgie der Zukunft?

Dr. Mohr: Ich hoffe, dass wir Chirurgen zunehmend dazu aufgefordert werden,  Eingriffe minimal-invasiv durchzuführen; dass uns neue Technologien dabei  helfen werden, zunehmend weniger Spuren nach einem chirurgischen Eingriff zu  hinterlassen. Wünschenswert wäre es außerdem, dass Krebs künftig bereits dann  diagnostiziert wird, wenn der Tumor noch klein und chirurgisch heilbar ist. Zusätzlich werden bildgebende  Verfahren hoffentlich dazu beitragen, eine vollständige Heilung zu bestätigen –  und zwar noch bevor wir die Operationswunde wieder vernäht wird. All das  sind Herausforderungen, denen wir uns gerne in den nächsten Jahren stellen  wollen.

Medscape  Deutschland: Wir danken herzlich für das Gespräch.

 

REFERENZEN:

  1. 1. Exponential  Medicine, 9. bis 12. November, San Diego (USA)

 

Kommentar

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