Sport bis zum Limit auch für schwache Herzen: Hochintensives Training bei Herzinsuffizienz

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

26. November 2014

Sport treiben bis zum Limit trotz Herzinsuffizienz? Das funktioniert auch bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen, so lautet die Botschaft der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention [1]. Von einem hochintensiven Intervalltraining, bei dem man sich bis zu 100% der maximalen Herzfrequenz belastet, profitieren nämlich nicht nur Athleten und gesunde Freizeitsportler, stellen die Sportwissenschaftler klar.

Prof. Dr. Andreas Nieß

Denn so genanntes High-Intensity-Training (HIT) kann die maximale Sauerstoffaufnahme (VO2max) und somit die Ausdauerleistungsfähigkeit effektiver steigern als Ausdauertraining mit niedriger Belastungsintensität und langer Dauer. „Im Vergleich beider Methoden steigt die maximale Sauerstoffaufnahme nach acht bis zwölf Wochen Training mit der HIT-Methode deutlich stärker an“, erklärt Prof. Dr. Andreas Nieß vom Universitätsklinikum Tübingen im Gespräch mit Medscape Deutschland. Zudem, so der Sportmediziner, wirkt sich das Training günstig auf das Risikoprofil von Patienten mit Metabolischem Syndrom, Bluthochdruck, Herzinsuffizienz oder Diabetes aus.

Lange Zeit galt moderates Ausdauertraining mit einer Dauer von rund 30 Minuten als bestgeeignete Sportvariante für Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen und Risikofaktoren wie Herzinsuffizienz, Diabetes oder Bluthochdruck. Doch mehr und mehr Studien bescheinigen dem hochintensiven Training mit Intervallreizen, die bei 80 bis 100% der individuellen maximalen Sauerstoffaufnahme liegen, zumindest kurzfristig mehr Effektivität als der Dauerbelastung. In einer Metaanalyse attestierten australische Forscher um den Sportwissenschaftler Hashbullah Ismail hochintensivem Intervalltraining die größte Effektivität auf die Belastbarkeit von Herzinsuffizienz-Patienten [2].

„Die Einschränkung: Es gibt noch keine Langzeitbeobachtungen – also kann man zum nachhaltigen Effekt von HIT in der Prävention und zur Prognose bei Herz-Kreislauf-Patienten noch nichts sagen“, erklärt Nieß. Es könne sich genauso gut um eine kurzzeitige Anpassungsdynamik handeln; und es  sei möglich, dass sich die positiven Auswirkungen der Dauermethode nach etwa einem Jahr denen des Intervalltrainings anglichen.

Prof. Dr. Martin Halle

HIT ist der neue Hit in der Prävention

Auch Prof. Dr. Martin Halle spricht sich für das hochintensive Training aus, das erstmals in den 1930er Jahren in der Leichtathletik von Leistungssportlern angewendet wurde. „Ich bin von der HIT-Methode überzeugt, denn mit Intervalltraining erreichen erwiesenermaßen auch Patienten schneller eine bessere Fitness“, erklärt der Leiter des Zentrums für Prävention und Sportmedizin am Olympiapark, Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität (TUM) gegenüber Medscape Deutschland. Die Intensität spiele erwiesenermaßen eine größere Rolle als die Trainingsdauer bei der Verbesserung der maximalen Sauerstoffaufnahme, die Indikator für die Ausdauerleistung ist.

In einer 2007 veröffentlichten randomisierten Studie mit 27 Herzinsuffizienz-Patienten hatten Wissenschaftler um Prof. Dr. Ulrik Wisloff von der Norwegian University of Technology and Science in Trondheim, bereits ähnliche Befunde erhoben. Sie zeigten, dass die maximale Sauerstoffaufnahme bei aerobem Intervalltraining (95% der maximalen Pulsfrequenz) stärker zunahm als bei Dauertraining (70% der maximalen Pulsfrequenz).

 
Man kann zum nachhaltigen Effekt von HIT in der Prävention und zur Prognose bei Herz-Kreislauf-Patienten noch nichts sagen. Prof. Dr. Andreas Nieß
 

Aktuell überprüft eine randomisierte europaweite Vergleichsuntersuchung der beiden Trainingsmethoden bei Patienten mit Herzinsuffizienz und eingeschränkter systolischer linksventrikulärer Pumpfunktion die Ergebnisse dieser norwegischen Pilotstudie. An dieser SMARTEX-HF Studie mit 250 Teilnehmern ist auch ein Team der TUM um Halle beteiligt.

Mischtraining für Herzgruppen ideal

„HIT sehe ich als wertvolle Ergänzung, um den Trainingseffekt weiter zu verstärken“, sagt Nieß. Er verweist auf weitere günstige Effekte des HIT auf Risikofaktoren: So nimmt der kardiale Herzinsuffizienz-Marker proBNP ab, das HDL-Cholesterin steigt und auch die Betazellfunktion bei Diabetes verbessert sich.

 
Ich bin von der HIT-Methode überzeugt. Prof. Dr. Martin Halle
 

Beliebt sei das intensive Training vor allem bei Berufstätigen, aufgrund des geringeren Zeitaufwands im Vergleich zum Dauertraining. „Viele machen lieber zwei Stunden in der Woche HIT als vier Stunden Dauermethode“, erklärt der Internist und Sportmediziner. Als ideal für Herzkreislauf-Patienten, etwa beim regelmäßigen Training in einer Herzsportgruppe, bewertet er eine Kombination aus beiden Methoden.

Ein solches Kombinationstraining empfiehlt auch Prof. Dr. Wilfried Kindermann vom Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes in Saarbrücken: „Eine Mischung aus intensivem Intervalltraining und moderatem umfangorientiertem Ausdauertraining ist wahrscheinlich am geeignetsten“, schreibt er in der Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin .

 
Ein hochintensives Training sollte bei herzinsuffizienten Patienten zunächst nur unter Überwachung stattfinden. Prof. Dr. Andreas Nieß
 

Bei Patienten mit Vorerkrankungen müsse vor dem Beginn eines Ausdauertrainings generell eine Voruntersuchung stattfinden. Vor Trainingsbeginn mit der HIT-Methode sei zudem eine Untersuchung auf Rhythmusstörungen und eine gute Einstellung des Blutdrucks wichtig, damit die hohen Intensitäten von bis zu 100% keine Schädigungen verursachen, sagt Nieß und mahnt: „Ein hochintensives Training sollte bei herzinsuffizienten Patienten zunächst nur unter Überwachung eines Arztes und erfahrenen Trainers stattfinden, der sich mit dieser Methode auskennt. Orthopädische Problematiken, die z.B. explosive Belastungen, etwa festes Treten beim Radfahren, nicht zulassen, sprechen gegen das Training“, fügt er an.

Die Intervall-Methode müsse generell an die speziellen Anforderungen der Patienten angepasst werden, betont auch Halle. Für COPD-Patienten empfiehlt er zum Beispiel ausdrücklich ein Intervalltraining, da der Wechsel von Belastung und Erholung weniger Ermüdung nach sich ziehe und zu optimalen Anpassungen führe; allerdings könnten diese Patienten nur kurze Intervalle von etwa 30 Sekunden schaffen.

 
Viele Patienten finden die HIT-Methode abwechslungsreicher als monotones Dauertraining. Prof. Dr. Martin Halle
 

Nieß verweist darauf, dass vor allem Non-Responder, das heißt, Patienten, die bisher durch ein Dauertraining keine Verbesserung ihrer Ausdauerleistung erzielen konnten, von HIT profitieren. Weil die Patienten teilweise variabel und nicht immer vorhersehbar auf das hochintensive Training ansprechen, müsse es individuell mit Hilfe des Trainers oder Arztes konzipiert werden, hält Nieß fest.

Manchmal sprechen auch Vorlieben und Veranlagung des Patienten für oder gegen eine bestimmte Trainingsmethode: „Viele Patienten finden die HIT-Methode abwechslungsreicher als monotones Dauertraining“, sagt Halle. „ Nicht jeder mag HIT – daher sollte man auch nicht auf Biegen und Brechen auf dieser Methode bestehen“, gibt Nieß zu bedenken.

In der aktuellen Behandlungsleitlinie der ESC von 2012 für stabile Herzinsuffizienz-Patienten wird körperliches Training erstmals als Klasse-1-A-Empfehlung erwähnt [2]. Hochintensives Training kann sich Nieß in einer künftigen Fassung der Leitlinie als B-Empfehlung vorstellen – vorausgesetzt, die Methode schneidet auch in Langzeitstudien besser ab als die Dauermethode.

 

REFERENZEN:

  1. 1. Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (DGSP): Pressekonferenz „High-Intensity-Training (HIT) – funktioniert das wirklich?“, 1. November 2014, Frankfurt

  2. 2. European Society of Cardiology (ESC) 2012: Pocket Guidelines Herzinsuffizienz

 

Kommentar

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