Fehlende Vorbilder, mangelnde Weiterbildung: Warum zu wenige Studenten Hausärzte werden

Christian Beneker

Interessenkonflikte

25. November 2014

Prof. Dr. Ferdinand Gerlach

Ein alarmierendes Bild zeichneten die Mitglieder des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen in ihrem letzten Gutachten – vor allem, was die Versorgung des Landes mit Allgemeinmedizinern angeht. Eines der Probleme: der fehlende Nachwuchs. Medscape Deutschland fragte den Vorsitzenden des Rates, Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, Direktor des Institutes für Allgemeinmedizin an der Universität Frankfurt, danach, wie man mehr junge Ärzte für die Allgemeinmedizin begeistern kann.

Medscape Deutschland: Wie muss der medizinische Nachwuchs organisiert werden, um die Fehlversorgung mit Ärzten abzustellen?

Prof. Dr. Gerlach: Wir haben tatsächlich insgesamt mehr Ärzte denn je, aber nicht da, wo wir sie brauchen. Wir erkennen deutlich ein doppeltes Verteilungsproblem. Und zwar erstens in Form eines starken Trends zur Spezialisierung. 90 Prozent aller jungen Mediziner gehen in den spezialisierten Bereich, nur 10 Prozent werden Generalisten. Und zweitens sind die meisten Ärzte dort, wo wir sie mutmaßlich am wenigsten benötigen: in den wohlhabenden Stadtteilen der Ballungsgebiete, in Gebieten mit hohem Privatpatientenanteil und hoher Lebensqualität. Das ist alles nachvollziehbar, aber eine flächendeckende ärztliche Versorgung ist auch eine Sache der Daseinsvorsorge, die wir nicht fahrlässig gefährden dürfen.

Medizinstudenten fehlt es an Rollenvorbildern aus der Allgemeinmedizin.

Wir können nicht tatenlos zuschauen, wie Teile unseres Landes abgehängt werden. Ansonsten geraten wir immer mehr in eine gefährliche Schieflage. Die Generalisten, die wir dringend für die Grundversorgung brauchen, fehlen uns insbesondere auf dem Land und in ärmeren Stadtteilen. Das führt zu empfindlichen Lücken in der Infrastruktur, die für Gemeinden und Landkreise aber insbesondere auch für die dort tätigen mittelständischen Unternehmen existenzgefährdend werden können.

Medscape Deutschland: Warum werden so viele junge Ärzte Spezialisten statt Generalisten?

Prof. Dr. Gerlach: Es ist unter anderem eine Sache der Vorbilder. Medizinstudierende erleben im Studium vor allem die Supramaximalversorgung mit mehr als 80 verschiedenen Spezialisierungen. Sie erleben fast ausschließlich High-Tech-Medizin und bekommen dadurch implizit vermittelt, dass es vor allem diese Art der Medizin ist, die erstrebenswert ist. Dass die Rollenvorbilder fehlen, stellen wir nicht nur in der Allgemeinmedizin fest, sondern zum Beispiel auch bei konservativ tätigen Augenärzten. Zweitens bilden wir in Deutschland nicht entsprechend des tatsächlichen Bedarfs weiter, sondern schlicht danach, wie viele Weiterbildungsstellen in einer Klinik zur Verfügung stehen.

Medscape Deutschland: Aber den Bedarf kennen wir doch gar nicht

Prof. Dr. Gerlach: Wir können ihn aber relativ einfach und gut abschätzen. Dass uns Fachärzte für Allgemeinmedizin fehlen ist zum Beispiel seit Langem bekannt.

Medscape Deutschland: Wie ließe sich denn am Bedarf entlang weiterbilden?

In Deutschland wird konträr zum Bedarf weitergebildet.

Prof. Dr. Gerlach: Andere Länder machen das vor, zum Beispiel in Frankreich, den Niederlanden oder in Großbritannien. Aber in Deutschland lehnen die Kammern und die zuständigen Stellen es ab, sich bei der ärztlichen Weiterbildung am konkreten Bedarf zu orientieren. Hier müsste man viel mehr diskutieren und über gezielte Steuerungsimpulse und Anreize nachdenken. Jedenfalls bilden wir derzeit konträr zum Bedarf weiter. In der Allgemeinmedizin, wo wir dringend Fachärzte brauchen, bilden wir nur halb so viele aus, wie wir für die flächendeckende Basisversorgung der Bevölkerung benötigen.

Medscape Deutschland: Wird Medizin von den Studierenden denn überhaupt noch als sozialer Beruf wahrgenommen?

Prof. Dr. Gerlach: Zum Teil durchaus. Die Studierenden kommen in dieser Hinsicht unverdorbener und idealistischer an die Universitäten als sie sie vielleicht verlassen. Allerdings stellen wir eine wachsende Zustimmung zur Allgemeinmedizin fest. 2014 konnten sich bundesweit bereits 34,5 Prozent der Studierenden vorstellen, eine Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin zu machen. Das war Platz 2 unter allen Fächern! Diese große Zustimmung haben wir vor ein paar Jahren noch nicht gesehen.

Viele Studierende halten die Allgemeinmedizin inzwischen sogar für ein „cooles“ Fach, weil sie sich auf den ganzen Menschen richtet und nicht nur auf ein Organ, eine Krankheit oder eine Untersuchungsmethode. In der Allgemeinmedizin erleben die Studierenden keine DRG-getriebene Medizin, wo die Kollegen über die Klinikflure hechten, schlechte Laune haben und die Patienten in 6,3 Tagen durch die Behandlung schleusen müssen. Ich überspitze dabei etwas, natürlich brauchen wir Spezialisten! Aber gehen Sie mal auf eine kardiologische Station, wo wie am Fließband Katheter geschoben werden, da sieht man als Arzt nicht mehr allzu viel vom individuellen Patienten. Derartige Zustände werden von den Studierenden zunehmend als seelenlos wahrgenommen. Die zuwendungsintensive Allgemeinmedizin dagegen, bei denen eine Langzeitbeziehung zu den Patienten entsteht, hat in der Wahrnehmung vieler Studierenden inzwischen Top-Noten. Unsere Aufgabe ist es, diese Zustimmung zu nutzen und das erkennbar größer werdende Interesse am Fach jetzt auszuschöpfen.

Studierende, die vom Land kommen, können am ehesten motiviert werden, wieder auf's Land gehen.

Medscape Deutschland: Wie?

Prof. Dr. Gerlach: Viele junge Mediziner haben existentielle Ängste. So wollen viele von ihnen gern im öffentlichen Dienst arbeiten. Auf die Allgemeinmedizin bezogen fürchten sie die Breite des Faches und die Verantwortung, die sie übernehmen müssen, wenn ein Patient mit unspezifischen Kopf- oder Bauchschmerzen in die Praxis kommt.

Darum haben wir jetzt in Frankfurt, Heidelberg und Marburg universitär angebundene Kompetenzzentren zur Weiterbildung Allgemeinmedizin geschaffen, wo wir solche Ängste abbauen können. Wir bieten Seminare und Mentoring-Gruppen, in denen junge Ärztinnen und Ärzte eine berufliche und auch emotionale Heimat finden und natürlich auch fachlichen Rückhalt. Wir sind sogar schon so weit, dass wir Studierende in die Planung von Gesundheitszentren miteinbeziehen. So können sie früh mitentscheiden, wie einmal ihre Praxis aussehen soll.

Medscape Deutschland: Gehen diese Hausärzte dann auf´s Land?

Prof. Dr. Gerlach: Aus Kanada, den USA oder Australien wissen wir, dass Studierende, die vom Land kommen am ehesten motiviert werden können wieder auf´s Land gehen. Darum wollen wir in Frankfurt jetzt einen – freiwilligen, nicht verpflichtenden – Landarzt-Track im Studium installieren. Darin sollen interessierte Studierende in Gruppen speziell auf das Landarztdasein vorbereitet werden – eine Hausarztklasse, sozusagen. Das Projekt wird von gestandenen Landärzten und dem Landkreis Fulda unterstützt. In anderen Ländern wird dies Modell schon seit Jahren erfolgreich eingesetzt. Vielleicht verknüpfen wir das Ganze noch mit einem Stipendium. So wollen wir Herz und Hirn der Studierenden gewinnen. Studien aus dem US-Bundesstaat Pennsylvania über 30 Jahre hinweg zeigen, dass solche Projekte sehr effektiv sind. Junge Ärzte, die sich infolge solcher Projekte auf dem Land niedergelassen haben, waren auch noch nach 10 Jahren dort.

Medscape Deutschland: Das Medizinstudium ist mit 200.000 Euro und mehr das teuerste Studium, das die Republik zu bieten hat. Gibt es da nicht auch eine Verpflichtung für die jungen Ärzte, für die Daseinsvorsorge einzustehen?

Prof. Dr. Gerlach: Das dürfte juristisch ein äußerst schwieriges Terrain sein. Ich bezweifele, dass man Freiberufler ohne weiteres zur Daseinsvorsorge in bestimmten Regionen verpflichten kann. Im Übrigen nehmen wir ja auch Leistungen von Ärzten in Anspruch, die im Ausland aus- und weitergebildet wurden. Damit gehen zum Beispiel in Kasachstan Ärzte für die Daseinsvorsorge verloren, die dort ausgebildet wurden und jetzt bei uns arbeiten. Wenn man dieses Fass aufmacht, muss man sehr viele Aspekte bedenken und abwägen.

Kommentar

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