Teledermatologie bei Neurodermitis – Online-Betreuung so effektiv wie der regelmäßige Arztbesuch

Susanne Rytina

Interessenkonflikte

12. November 2014

Die zeitversetzte Online-Kommunikation mit einem Dermatologen ist beim langfristigen Management von Neurodermitis ebenso effektiv wie ein persönlicher Besuch beim Arzt. Dies ergab eine in JAMA Dermatology veröffentlichte US-Studie von Dermatologen der Universität von Colorado, Denver [1].

Dr. Steffen Gass

„Die Studie bestätigt unsere Erfahrung mit Pilotprojekten: Wenn Patient und Diagnose bereits bekannt sind, kann die Teledermatologie ein durchaus sinnvolles Instrument sein, um Hautkrankheiten durch den Arzt zu überwachen“, bestätigt der Günzburger Dermatologe Dr. Steffen Gass. Vor allem wenn Menschen in abgelegenen Regionen leben, könnte das langfristige Monitoring von Hautkrankheiten via Internet ein Modell für die Zukunft sein, meint er.

Momentan können jedoch Ärzte in Deutschland Teledermatologie nicht abrechnen. „Zum Nulltarif wollen wir da nicht mitmachen. Das sollte nicht in der Pauschale von 13 Euro je Patient enthalten sein“, so Gass, Vizepräsident des Berufsverbandes der Deutschen Dermatologen (BVDD).

Die randomisierte Studie über ein Jahr wurde von der Dermatologin Dr. April Armstrong und ihren Kollegen durchgeführt. 156 Teilnehmer, Kinder und Erwachsene, waren nach einem Erstbesuch bereits persönlich bekannt und hatten eine Diagnose erhalten. Sowohl die Patienten, die online Kontakt zu ihren Ärzten aufnahmen (Online-Gruppe), als auch die Patienten, die sie besuchten (Besuchs-Gruppe), hatten alle 2 Monate einen Arztkontakt, insgesamt 6-mal in einem Jahr. Allerdings sei die Studienpopulation begrenzt gewesen auf Patienten mit eher moderater atopischer Dermatitis, schränken Armstrong und Kollegen ein.

 
Die Studie bestätigt unsere Erfahrung mit Pilotprojekten: Wenn Patient und Diagnose bereits bekannt sind, kann die Teledermatologie ein durchaus sinnvolles Instrument sein. Dr. Steffen Gass
 

Bei der Online-Betreuung handelte es sich um ein Store-and-forward-Verfahren: Die Ärzte kommunizieren hier nicht zeitgleich direkt mit den Patienten, sondern beurteilen die von den Patienten geschickten digitalen Fotos der atopischen Dermatitis zeitversetzt und geben danach Empfehlungen zur Weiterbehandlung.

Vorteile für Ärzte und Patienten

Insgesamt sei die randomisierte kontrollierte Äquivalenzstudie ordentlich gemacht, meint Dermatologe Gass. Doppelblind könne eine solche Studie allerdings nicht durchgeführt werden. Außerdem habe ein Patient, der zum Arzt gehe, wahrscheinlich mehr Stress als ein Patient, der seine Fotos bequem daheim mache und verschicke. Gerade bei Neurodermitis könnte dies die Ergebnisse beeinflussen.

Die Studienergebnisse stützen die aktuelle Diskussion um die Vorteile der Teledermatologie, betont Gass: Die Patienten aus ländlichen Gegenden sparen sich längere Wartezeiten auf einen Termin und lange Anfahrten für oftmals nur 3 Minuten im Behandlungszimmer beim Arzt. Der Hautarzt wiederum kann die vom Patienten erstellten Fotos zeitnah gebündelt außerhalb seiner Sprechzeiten sichten und Empfehlungen geben. So habe er mehr Kapazitäten zur Verfügung, um mehr Patienten zu behandeln. „Gerade auch in Deutschland mit langen Wartezeiten bei Fachärzten ist dies eine interessante Option für die Zukunft“, sagt Gass.

 
Gerade auch in Deutschland mit langen Wartezeiten bei Fachärzten ist dies eine interessante Option für die Zukunft. Dr. Steffen Gass
 

Nachteile: Wichtige Sinneseindrücke fehlen

Trotzdem sei der persönliche Arztbesuch noch immer der Goldstandard, betont der Dermatologe. „Die Teledermatologie ersetzt nicht den Besuch beim Arzt, sondern ist lediglich eine Ergänzung.“ Die Nachteile der Teledermatologie seien, dass man nicht tasten oder fühlen könne. Wenn zum Beispiel die Neurodermitis wieder aufblüht und der Atem des Patienten dazu rasselt oder pfeift, weil der Patient zusätzlich Asthma hat, dann fehlten diese wichtige Informationen für die Weiterbehandlung.

Nicht jede Hautkrankheit sei für das Monitoring via Internet geeignet, als Beispiel nennt Gass Hautkrebs. Hier sei schon die Differentialdiagnose in der Sprechstunde schwierig und häufig auch die Auflichtmikroskopie vonnöten. Außerdem könne die Teledermatologie nicht mit jeder Patientengruppe realisiert werden, etwa betagtere Patienten ohne Internetzugang oder Smartphone.

Der Behandlungserfolg wurde in der US-Studie mit dem „patient-oriented eczema measurement“ (POEM) erhoben, der mittels 7 Fragen die Morbidität anhand der Symptome während der Woche misst. Die Antwort auf jede Frage zeigt die Anzahl der Tage an, an denen der Patient Symptome hat. Zusätzlich wurde noch der IGA (Investigator´s Global Assessment) auf einer Skala von 0 (normale Haut) bis 5 (sehr schwer ausgeprägte Krankheit) erfasst.

 
Die Teledermatologie ersetzt nicht den Besuch beim Arzt, sondern ist lediglich eine Ergänzung. Dr. Steffen Gass
 

Beim Vergleich der POEM-Scores zwischen der Online- und der Besuchs-Gruppe stellten die Autoren keine signifikanten Unterschiede fest. Die IGA-Scores sowohl der Online- als auch der Besuchs-Gruppe verbesserten sich von einem anfänglich gemessenen Mittelwert von 3 auf einen IGA-Score von 2 innerhalb von 12 Monaten. 38,4% der Online-Gruppe und 43,6% der Besuchs-Gruppe hatten nach einem Jahr IGA-Werte zwischen 0 und 1 (normal und fast normal).

Teledermatologie auch bei Psoriasis und Ulcus?

Das patientenzentrierte Online-Modell könne auch bei anderen chronischen Krankheiten wie Psoriasis und dem Wundmanagement angewendet werden, betonen Armstrong und Kollegen. Vor allem Patientengruppen, die durch ihre Krankheit wenig mobil seien, wie etwa mit einem Ulcus, könnten in Absprache mit Pflegediensten gut via Teledermatologie behandelt werden, meint auch Gass.

 

REFERENZEN:

  1. 1. Armstrong AW, et al: JAMA Dermatol (online) 22. Oktober 2014

 

Kommentar

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