Überraschende Daten einer Kohortenstudie: Stärkt Milch nicht die Knochen und steigert sogar die Mortalität?

Dr. Sabine Wimmer-Kleikamp

Interessenkonflikte

4. November 2014

Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer

Regelmäßiger Konsum von Milch sollte eigentlich die Wahrscheinlichkeit für osteoporotische Frakturen senken. Eine retrospektive Kohortenstudie, die aktuell im British Medical Journal erschienen ist, kommt jetzt aber zu einem anderen – eher besorgniserregenden – Ergebnis: Danach ist ein hoher Milchkonsum sogar mit einer Steigerung des Frakturrisikos sowie einer erhöhten Mortalität, besonders bei Frauen, assoziiert [1].

Doch: „Eine Kausalität, in diesem Fall zwischen der Höhe des Milchkonsums und der Mortalität bzw. des Hüftfrakturrisikos, ist durch eine solche Studie nicht nachweisbar, sondern lediglich eine Assoziation“, kommentiert Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer, Präsident des Max Rubner-Instituts (MRI), des Bundesforschungsinstituts für Ernährung und Lebensmittel, in Karlsruhe gegenüber Medscape Deutschland. Der Ernährungswissenschaftler ist u.a. Mitglied im Präsidium der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) und des Board of Directors des International Life Sciences Institute Europe (ILSI Europe).

Mehr als 3 Gläser Milch am Tag mit einer höheren Mortalität assoziiert

Die aktuelle Studie unter der Leitung von Prof. Dr. Karl Michaëlsson, medizinischer Epidemiologe an der Uppsala Universität in Schweden, umfasste 2 große schwedische Kohorten, die Ernährungsfragebögen beantworteten: 61.433 Frauen im Alter von 39 bis 74 Jahren (1987-1990) und 45.339 Männern zwischen 45 und 79 Jahren (im Jahr 1997). Die Frauen füllten einen zweiten Ernährungsfragebogen im Jahr 1997 aus.

Der Bogen enthielt Fragen zu 96 häufigen Nahrungsmitteln, darunter Milch, Joghurt und Käse. Die Teilnehmer machten auch Angaben zu Lebensstil, Körpergewicht und Körpergröße sowie Bildungsgrad und Familienstand.

 
Eine Kausalität, in diesem Fall zwischen der Höhe des Milchkonsums und der Mortalität bzw. des Hüftfrakturrisikos, ist durch eine solche Studie nicht nachweisbar. Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer
 

Anhand des nationalen Registers verfolgten die Forscher die Fraktur- und Mortalitätsraten der Frauen über durchschnittlich 20 Jahre, die der Männer für durchschnittlich 11 Jahre. Während dieser Zeit starben 15.541 Frauen und 17.252 erlitten eine Fraktur, davon 4.259 eine Hüftfraktur. Bei den Männern gab es 10.112 Todesfälle und 5.066 Knochenfrakturen, davon 1.166 Hüftfrakturen.

Bei beiden Versuchsgruppen stieg das Sterberisiko mit dem Milchkonsum, aber bei Männern in geringerem Ausmaß als bei Frauen. Frauen, die mehr als 3 Gläser Milch (durchschnittlich 680 ml) am Tag tranken, hatten ein deutlich höheres Sterberisiko als Frauen, die weniger als ein Glas Milch (im Schnitt 60 ml) konsumierten (Hazard Ratio, HR 1,93).

Bei beiden Geschlechtern stellten die Wissenschaftler zudem kein vermindertes Frakturrisiko mit dem höheren Milchkonsum fest. Vielmehr hatten Frauen, die mehr als 3 Gläser tranken, ein um 60% höheres Hüftfrakturrisiko und ein allgemein um 15% gesteigertes Risiko für Knochenbrüche verglichen mit denjenigen, die weniger als ein Glas täglich konsumierten.

„Die Arbeit von Michaëlsson und Kollegen weist auf die Möglichkeit hin, dass Milch schädlich sein könnte“, schreibt Prof. Dr. Mary Schooling von der City University of New York im Editorial des BJM [2]. Gibt aber zu bedenken: „Jedoch sind Nahrungsfaktoren besonders schwer zu beurteilen und die vorliegenden Daten daher mit Vorsicht zu interpretieren.“

Allein aus dieser Studie keine Empfehlungen zum Milchverzehr abzuleiten

 
Trotz dieser methodischen Einwände sollten die Ergebnisse ernst genommen und kritisch bewertet werden. Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer
 

„Die Studie als solche ist gut durchgeführt“, betont Rechkemmer und fügt hinzu: „Die Autoren sehen auch die Möglichkeiten der Interpretation ihrer Daten kritisch und sind sich der großen Einschränkungen einer solchen retrospektiven Kohortenstudie durchaus bewusst.“ Die Studienautoren weisen darauf hin, dass die Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren seien, und dass allein aus dieser Beobachtungsstudie keine Empfehlungen zum Milchverzehr abgeleitet werden können.

Derartige Kohortenstudien weisen laut Rechkemmer große methodische Probleme auf. Er betont die Bedeutung prospektiver Interventionsstudien und von Metaanalysen. „Ergebnisse einzelner Studien sollten nur im kritischen Kontext mit anderen Studien gewertet und nicht isoliert in der Öffentlichkeit dargestellt werden“, unterstreicht er.

Aber: „Trotz dieser methodischen Einwände sollten die Ergebnisse ernst genommen und kritisch bewertet werden“, betont der Ernährungswissenschaftler. Dies könne aber nur durch weitere Studien an anderen Bevölkerungsgruppen, in anderen Regionen erfolgen.

Galaktose triggert oxidativen Stress und chronische Entzündungen

Michaëlsson und Kollegen diskutieren als mögliche Erklärung für ihre Resultate den hohen Anteil an Laktose und dessen Spaltprodukt Galaktose in der Milch. Verschiedene Tierstudien hätten ergeben, dass das Monosaccharid D-Galaktose oxidativen Stress sowie chronische Entzündungen fördere und das Altern beschleunigen sowie die Lebenserwartung verkürzen könne. Natürlich könne ihre Studie eine derartige Ursache-Wirkung-Beziehung aber nicht beweisen, betonen die Forscher.

„Die Bedeutung der Galaktose beim Menschen als Spaltprodukt aus der Laktose für die beobachteten Effekte – wie Mortalität, Knochenbruchrisiko, oxidativer Stress – muss durch weitere Studien geklärt werden“, meint dazu Rechkemmer. „Tierexperimentelle Befunde reichen für eine Einschätzung der Bedeutung der hohen Galaktose-Aufnahme über die Milch nicht aus“, so der Ernährungswissenschaftler.

In der Studie ließ sich zumindest eine positive Assoziation zwischen Milchkonsum und Biomarkern für oxidativen Stress und für Entzündung nachweisen: Michaëlsson und Kollegen detektierten in Harnproben sowohl von männlichen als auch weiblichen Milchtrinkern vermehrt den Biomarker 8-iso-PGF2α für oxidativen Stress; und sie fanden eine Assoziation des Milchkonsums mit dem Entzündungsmarker Interleukin 6 in den Blutproben von Männern.

Verzehr von fermentierten Milchprodukten hat positive Wirkungen

In der Studie waren die negativen Auswirkungen ausschließlich mit einem hohen Konsum von Milch assoziiert. Dagegen ergab sich für den Verzehr von fermentierten Milchprodukten wie Joghurt, Sauermilch oder Käse eher ein positiver Effekt auf Mortalität, Knochenbruchrisiko und oxidativen Stress.

Dies könnte laut Rechkemmer den Schluss zulassen, dass eine hohe Zufuhr von Calcium in Form fermentierter Milchprodukte positive Auswirkungen hat. Daten der Nationalen Verzehrstudie II zeigen nach seinen Angaben für Deutschland einen durchschnittlichen Milchverzehr, der in der schwedischen Kohortenstudie nicht mit einem stark erhöhten Risiko verbunden war.

 
Welche Rolle Milchkonsum bei Jugendlichen für eine optimale Peak Bone Mass spielt, ist bisher nur ungenügend untersucht. Prof. Dr. Gerhard Rechkemmer
 

Messung der Knochendichte erforderlich

Eine methodische Schwäche der Studie sieht Rechkemmer in den fehlenden Daten zur Knochendichte (Bone Mineral Density). Denn diese sei der wichtigste Biomarker für die Beurteilung des Frakturrisikos. Bereits in der Jugendzeit und bei jungen Erwachsenen wird die maximale Knochendichte (Peak Bone Mass) erreicht, und mit zunehmendem Alter nimmt die Knochendichte dann langsam aber stetig ab. Deshalb ist die Peak Bone Mass entscheidend für das spätere Osteoporoserisiko. Bei den Teilnehmern der BMJ-Studie im Alter zwischen 39 und 79 Jahren war aber ihre maximale Knochendichte bereits wieder reduziert.

„Welche Rolle Milchkonsum bei Jugendlichen für eine optimale Peak Bone Mass spielt, ist bisher nur ungenügend untersucht“, sagt Rechkemmer. Sicher sei jedoch, dass neben der hohen Calciumzufuhr auch eine ausreichende Vitamin-D-Bildung und -Versorgung hierzu notwendig sei.

„In Mittelschweden stellt aufgrund der Sonnenlichtbedingungen die Vitamin-D-Synthese in der Haut im Herbst und Winter ein Problem dar“, erinnert der Wissenschaftler. Neben der Calcium- und Vitamin-D-Versorgung spiele für die Knochengesundheit auch die körperliche (mechanische) Belastung des Knochens – also körperliche Aktivität – eine entscheidende Rolle. All diese Faktoren seien zu berücksichtigen.

 

REFERENZEN:

  1. 1. Michaëlsson K, et al: BMJ 2014;349:g6015

  2. 2. Schooling CM: BMJ 2014;349:g6205

 

Kommentar

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