Antibiotikaverbrauch in Europa: „Bemerkenswert niedrig in den Niederlanden“

Andrea Wille

Interessenkonflikte

21. Oktober 2014

Bei der Verordnung von Antibiotika an Kinder und Jugendliche gibt es innerhalb Europas große Unterschiede. Und dies betrifft die Häufigkeit ebenso wie die Art der verordneten Antibiotika. Italien ist mit Abstand das Land, in dem am meisten Antibiotika an die jungen Patienten verordnet werden: 957 Verschreibungen pro 1.000 Personenjahre im Jahr 2008. Deutschland belegt mit 561 Verordnungen den zweiten Platz gefolgt von Großbritannien (555) und Dänemark (481). Die Niederlande haben mit lediglich 294 Antibiotikaverordnungen pro 1.000 Personenjahre den niedrigsten Verbrauch.

 
Ich glaube tatsächlich, dass das Bewusstsein für Problemkeime und das Risiko von Resistenzen dort (in den Niederlanden) sehr hoch ist. Prof. Dr. Rudolf Leuwer
 

Dies ergab eine kürzlich in BMC Pediatrics veröffentlichte Studie von Erstautorin Prof. Dr. Edeltraut Garbe, Leiterin der Abteilung für klinische Epidemiologie am Leibnitz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS). Die Forscher haben Daten aus 5 europäischen Ländern verglichen [1]. Die Studie ist Teil des EU-Projekts ARITMO, in dem es um Nebenwirkungen verschiedener Medikamentengruppen geht. Laut Autoren zeichnet die Studie besonders die Vergleichbarkeit der Daten aus. So stimmten Methoden, untersuchte Altersgruppen und der Untersuchungszeitraum in den 5 Ländern überein.

Die zunehmende Entwicklung von Resistenzen kann laut Studienautoren nur bekämpft werden, indem das Verordnungsverhalten der Ärzte besser verstanden und untersucht wird. So vermuten sie, dass die Unterschiede nicht durch länderspezifische Differenzen in den Infektionshäufigkeiten, sondern durch unterschiedliches Verordnungsverhalten in den Ländern verursacht werden.

Vorbild Niederlande: Bewusstsein für Resistenzen durch Aufklärung stärken

Prof. Dr. Rudolf Leuwer

Prof. Dr. Rudolf Leuwer, Klinikdirektor des HELIOS Klinikums für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde in Krefeld, findet besonders die niedrige Verordnungsrate in den Niederlanden bemerkenswert: „Es gibt andere Studien, die zeigen, dass in den USA, Kanada und auch Schweden sehr viel häufiger Antibiotika verschrieben werden, als in Deutschland. Der zweite Platz ist also relativ. Entscheidend ist für mich dagegen, dass die Antibiotikavergabe in den Niederlanden so selten ist. Ich glaube tatsächlich, dass das Bewusstsein für Problemkeime und das Risiko von Resistenzen dort sehr hoch ist.“

Die Niederlande besitzen für ihre Größe viele Universitätskliniken, die gut vernetzt sind. Zudem gibt es dort laut Leuwer spezielle Arbeitsgruppen der pädiatrischen HNO-Heilkunde, die sich mit diesem Thema beschäftigen. „Durch Kampagnen und Fortbildungen hat man dort ein solches Bewusstsein schaffen können. Hierzulande müsste die Ärztekammer ebenso mehr Kampagnen zur Antibiotikaverschreibung starten“, so Leuwer.

Verschreibungen in frühen Jahren und im Winter am häufigsten

Für die Studie wurden die Daten von rund 23 Millionen bis zu 18-Jährigen im Zeitraum von 2005 bis 2008 in den 5  europäischen Ländern ausgewertet. „Besonders Atemwegsinfektionen und Mittelohrentzündungen werden bei Kindern bereits beim ersten Arztkontakt häufig mit Antibiotika therapiert“, erklärt Garbe. „Dagegen belegen viele Studien, dass Antibiotika im Regelfall nur dann verordnet werden sollten, wenn sich die Symptome nicht in den ersten Tagen der Erkrankung bessern. Ihr breiter Einsatz fördert die Entstehung multiresistenter Keime und setzt Kinder unnötig dem Risiko von Nebenwirkungen der Arzneimittel aus.“

 
Hierzulande müsste die Ärztekammer ebenso mehr Kampagnen zur Antibiotikaverschreibung starten. Prof. Dr. Rudolf Leuwer
 

In allen 5 Ländern und in allen untersuchten Jahren war die Verordnungsrate bei den Kindern unter 4 Jahren am höchsten. „Dies ist einfach das Alter, in dem das Immunsystem am meisten gefordert ist und Erkrankungen der oberen Atemwege und Mittelohrentzündungen an der Tagesordnung sind. Daher ist die Therapie mit Antibiotika in diesem Alter auch erwartungsgemäß hoch“, erklärt Leuwer. „Dennoch oder gerade deshalb sollte die Vergabe von Antibiotika in diesem Alter auch hinterfragt werden und leitliniengerecht erfolgen, damit nicht unnötig viel gegeben wird.“

Neben dem Alter spielt laut Studie auch die Jahreszeit eine Rolle. So gab es die meisten Verschreibungen zwischen Dezember und März, besonders in den Ländern mit einer hohen Verordnungsrate. Da im Winter hauptsächlich die viralen Infekte ansteigen, schließen die Autoren, dass viele Antibiotika zu dieser Zeit falsch eingesetzt werden.

Leuwer will dem jedoch nicht folgen: „Dieser Schluss kann so nicht zwingend vollzogen werden. Im Winter ist das Immunsystem allgemein geschwächt. Bei einer viralen Infektion kann es daher leicht zu einer bakteriellen Überinfektion kommen. Das heißt, ein viraler Infekt schließt einen bakteriellen Infekt nicht aus. Von daher ist der Anstieg in der Antibiotikaverschreibung eher zu erwarten und kein Widerspruch. Wenn Kinder bei einem Infekt Fieber entwickeln, ist eine antibiotische Behandlung sinnvoll. Vorher allerdings nicht.“

 

Besonders Atemwegsinfektionen und Mittelohr-entzündungen werden bei Kindern bereits beim ersten Arztkontakt häufig mit Antibiotika therapiert. Prof. Dr. Edeltraut Garbe
 

Zu häufiger Einsatz von Breitspektrum-Antibiotika

In allen Ländern bildeten Breitband-Antibiotika die größte Gruppe der Antibiotika-Verordnungen, die am häufigsten bei Kindern unter 4 Jahren gegeben wurden. Deutschland bildet das Schlusslicht: Hierzulande sind je nach Altersgruppe zwischen 28,5% (bis zu 4-Jährige) und 17,5% (15- bis 18-Jährige) der Verschreibungen Breitbandantibiotika. Der Trend, mit steigendem Alter weniger davon zu verordnen, war in allen 5 Ländern zu beobachten. In Italien werden mit durchschnittlich 57,4% die meisten Breitbandantibiotika verordnet. Damit wird die Art von Antibiotika zu häufig verschrieben, die verstärkt Resistenzen fördert. Schmalspektrum-Antibiotika werden am meisten in Dänemark verordnet (51,7%).

In Deutschland werden im Ländervergleich überdurchschnittlich oft Cephalosporine an bis zu 18 Jährige verordnet (Cephalosporine der zweiten Generation: 19,4% der verordneten Antibiotika). Die Autoren vermuten, dass Cephalosporine, die eigentlich als Reservemedikamente, also als Zweitlinienantibiotika gedacht sind, häufig zur Erstlinienbehandlung eingesetzt werden.

 
Wenn Kinder bei einem Infekt Fieber entwickeln, ist eine antibiotische Behandlung sinnvoll. Vorher allerdings nicht. Prof. Dr. Rudolf Leuwer
 

Leuwers Ansicht nach spielt hier auch der Einfluss der Pharmaindustrie eine Rolle: „Cephalosporinegreifen im Krankenhausbedarf zuverlässig, jedoch ist ihr breiter Einsatz durch Kinderärzte nicht gerechtfertigt. Es gibt Antibiotika, die nur bei bestimmten Keimen wirken, aber so stark beworben sind, dass sie auch bei den falschen Infektionen unnötig eingesetzt werden. In unserer Klinik gibt es einen Infektiologen, der uns bei der Medikamentenwahl beraten kann.“

Doch wie lässt sich die Verordnung von Antibiotika in der ambulanten Versorgung reduzieren? „Es ist wichtig, dass HNO-Ärzte und Kinderärzte zusammenarbeiten. In der Klinik ist das natürlich einfacherer. In der ambulanten Versorgung hängt das stark vom Netzwerk ab und ist regional sehr unterschiedlich. Gemeinsam besuchte Fortbildungen sind da sehr hilfreich“, erklärt Leuwer. „In jedem Fall sollten Kinderärzte oder Hausärzte Patienten mit Erkrankungen der oberen Atemwege, die Komplikationen aufweisen, zum HNO-Arzt schicken.“

 

REFERENZEN:

  1. 1. Holstiege J, et al: BMC Pediatrics 2014;14:174-183: http://dx.doi.org/10.1186/1471-2431-14-174

Kommentar

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