Brustkrebs: Mit Krafttraining gegen die Fatigue unter der Radiotherapie

Gerda Kneifel

Interessenkonflikte

17. Oktober 2014

Frankfurt Zu den massiven Nebenwirkungen einer Strahlentherapie bei Krebs zählt die Fatigue, die die Lebensqualität der Patienten auch Jahre nach der Therapie oft erheblich einschränkt. Krafttraining schon während der Behandlung kann bei Brustkrebs-Patientinnen die Erschöpfungszustände aber signifikant mildern. Das ist das Ergebnis einer Studie, die auf dem Deutschen Sportärztekongress vorgestellt worden ist [1].

Unsere Daten sind so überzeugend, dass wir empfehlen, Krafttraining schon therapiebegleitend in die Routine-versorgung von Brustkrebspatientinnen aufzunehmen. Prof. Dr. Karen Steindorf

„Unsere Daten sind so überzeugend, dass wir empfehlen, Krafttraining schon therapiebegleitend in die Routineversorgung von Brustkrebspatientinnen aufzunehmen“, betont Prof. Dr. Karen Steindorf, Studienleiterin und Leiterin der Abteilung Bewegung und Krebs am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) und dem Universitätsklinikum Heidelberg.

„Die Zeiten, in denen man mit einem halben Bein im Gefängnis stand, weil man Bewegungstherapie nach einer Krebsbehandlung anbot, sind langsam vorbei“, bestätigt Dr. Freerk Baumann, Leiter der AG Bewegung, Sport und Krebs an der Deutschen Sporthochschule Köln. „Heute weiß man vielmehr, dass neben der Erkrankung und den Nebenwirkungen der Behandlung auch der Bewegungsmangel negativ auf den Patienten wirkt.“

Rein physiologische Effekte gemessen

Es hat lange gedauert, bis überhaupt Sport als Mittel gegen die massive Erschöpfung und Müdigkeit von Krebspatienten in Spiel kam. Das Beschwerdebild ist aber gerade dadurch gekennzeichnet, dass Ausruhen oder mehr Schlaf keine Linderung verschafft.

Die Zeiten, in denen man mit einem halben Bein im Gefängnis stand, weil man Bewegungstherapie nach einer Krebs-behandlung anbot, sind langsam vorbei. Dr. Freerk Baumann

Zahlreiche Studien mit Brustkrebs-Patientinnen belegen zwar inzwischen, dass Sport bzw. Bewegungstherapie die Fatigue reduzieren hilft und die Lebensqualität steigert. Es gab bislang jedoch kaum Untersuchungen, die die Effekte von Krafttraining schon während der Radiotherapie untersuchten. Forscher des Universitätsklinikums Heidelberg und des DKFZ unternahmen nun eine randomisierte kontrollierte Studie mit dem Akronym BEST, um zu prüfen, ob progressives Krafttraining, das mit dem ersten Tag der Strahlentherapie beginnt, die Fatigue lindern oder ihr vorbeugen kann.

„Viele Sportangebote haben oft schon allein durch das Gruppenerlebnis einen günstigen Effekt für die Patientinnen“, erläutert Steindorf. „Es ist daher nicht klar, ob die Übungen Fatigue und Lebensqualität aufgrund von psychosozialen Effekten verbessern, die gruppenbasierte Interventionen aufgrund der sozialen Interaktionen, der verbesserten Selbsteffizienz und der Aufmerksamkeit des Trainers mit sich bringen.“  

Um die rein physiologischen Effekte jenseits des psychosozialen Benefits zu messen, randomisierten die Wissenschaftler die Patientinnen 1:1 in eine Gruppe, die gemeinsam Krafttraining ausübte, und in eine Kontrollgruppe, die gemeinsame Entspannungsübungen durchführte.

Zudem haben bisherige randomisierte Untersuchungen den Autoren zufolge nur aerobes Training oder kombiniertes aerobes und Krafttraining im Blick. „Die Auswirkung des reinen muskelstärkenden Krafttrainings sind noch nicht ausreichend belegt“, so Steindorf und Kollegen.

Eine Befragung zeigte, dass sich jeder dritte Krebspatient nach der Strahlentherapie weniger als vorher bewegte. Dr. Freerk Baumann

Insgesamt nahmen 160, durchschnittlich 56 Jahre alte Brustkrebspatientinnen in den Stadien 0 bis III mit einem Body-Mass-Index von mindestens 18 kg/m2 teil. Mit 64% hatte die Mehrheit der Patientinnen zuvor noch keine Chemotherapie erhalten. Die Teilnehmerinnen der Krafttrainings-Gruppe führten 8 gerätebasierte Kraftübungen durch, die der Kontrollgruppe Übungen zur Muskelrelaxation ohne aerobe oder muskelstärkende Elemente. Beide Gruppen trainierten 3 Monate lang zweimal in der Woche 1 Stunde lang.

Studienergebnisse im Detail

Die Erfüllungsquote lag in beiden Gruppen bei 19 von insgesamt 24 Trainings. Bei den Frauen, die sich dem Krafttraining unterzogen hatten, ließ sich eine Verbesserung der Körperkraft, zum Beispiel bezüglich der isokinetischen Knieflexion nachweisen (p = 0,0001). Die kardiorespiratorische Fitness hingegen stieg nicht an. Auch die Häufigkeit von Lymphödemen war in beiden Gruppen gleich.

Die Fatigue insgesamt nahm jedoch in der Interventions- im Vergleich zur Kontrollgruppe signifikant ab (p = 0,044), insbesondere die physische Fatigue (p = 0,013). Emotionale (p = 0,91) und kognitive Fatigue (p = 0,65) waren in beiden Gruppen in etwa gleich, was nicht erstaunte, da Entspannungsübungen ebenfalls auf die Psyche wirken.

Darüber hinaus besserten sich in der Sportgruppe auch Teilaspekte der Lebensqualität, allerdings nicht in statistisch signifikantem Ausmaß. Die kognitiven Leistungen waren in der Sportgruppe leicht besser als in der Entspannungsgruppe, eine Wirkung auf Depressionen war allerdings in keiner der beiden Gruppen zu beobachten. Das Training war sicher, es traten keine unerwünschten Nebenwirkungen beziehungsweise Verletzungen auf.

Die Krebstherapie der Zukunft sollte Sporttherapie schon vor der medizinischen Therapie beinhalten. Dr. Freerk Baumann

Lehren für die Zukunft

Die generelle Bedeutung von Bewegungstherapie für Krebspatienten hob auch Baumann auf dem Sportärztekongress hervor. Es gelte, die physische Leistungsfähigkeit so weit wie möglich zu erhalten – auch über die Therapie hinaus. „Eine Befragung zeigte, dass sich jeder dritte Krebspatient nach der Strahlentherapie weniger als vorher bewegte“, konstatierte Baumann. „Nur 15 Prozent gaben an, dass sie sich mehr bewegten.“ Dem müsse so früh wie möglich entgegengewirkt werden – also durchaus auch schon während der Bestrahlung.

Darüber hinaus wirkt sich sportliche Betätigung bekanntermaßen positiv auf Selbstvertrauen, Motivation, Ängste und Körperwahrnehmung aus. „Aber es lassen sich damit auch die Folgen der Therapie, wie Übelkeit, Inkontinenz, Polyneuropathie oder Kachexie bessern – und eben auch der Fatigue“, ist sich Baumann sicher. Aus diesem Grund sollten nicht nur Patienten während der medizinischen Therapie, sondern auch Patienten in der Nachsorge mit anhaltenden Nebenwirkungen bzw. Krebspatienten mit chronischem Krankheitsverlauf sporttherapeutisch begleitet werden.

Und Baumann geht noch weiter: „Die Krebstherapie der Zukunft sollte Sporttherapie schon vor der medizinischen Therapie beinhalten.“ Und sie sollte in eigenen onkologischen Trainingszentren stattfinden, in denen spezifisch weitergebildete Sporttherapeuten den Patienten individualisierte Trainingsprogramme anbieten, die alle Phasen der Erkrankung, von der akuten Behandlung über die Reha bis hin zur palliativen Phase berücksichtige.

Die Sportart, ebenso wie Intensität, Dauer oder auch die Zahl der Wiederholungen müsse sich an den unterschiedlichen Erkrankungen, seien es Prostatakrebs oder Leukämie, ebenso orientieren wie an verschiedenen Beschwerdebildern und Symptomen wie Fatigue oder Lymphödeme. Inzwischen sei klar, dass auch das Immunsystem beeinflusst werde, sogar epigenetische Veränderungen werden erzielt. „Hierfür müssen wir aber zunächst noch leistungsdiagnostische Methoden entwickeln.“ Und nicht zuletzt müsse das Thema in die universitäre Lehre aufgenommen werden, fordert Baumann. Es sei also noch ein weiter Weg.

REFERENZEN :

  1. 1. 45. Deutscher Sportärztekongress, 12.-13. September 2014, Frankfurt/Main: http://dgsp.de/kongress

  2. 2. Potthoff K, et al: BMC Cancer. 2013; 28(13): 162: http://dx.doi.org/10.1186/1471-2407-13-162

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....