Fortgeschrittene Kopf-Hals-Tumoren: Afatinib verlängert progressionsfreies Überleben

Dr. Susanne Heinzl | 14. Oktober 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Madrid – Für Patienten mit fortgeschrittenen Kopf-Hals-Tumoren gibt es jetzt nach Versagen einer Platin-basierten Erstlinientherapie eine echte Alternative: Eine Zweitlinientherapie mit dem Tyrosinkinase-Inhibitor Afatinib verlängert bei ihnen das progressionsfreie Überleben signifikant im Vergleich zu Methotrexat, so die Ergebnisse einer aktuellen Phase-3-Studie mit 483 Patienten. Details dazu hat Dr. Jean-Pascal Machiels vom Institut Roi Albert II der Universitätsklinik St. Luc in Brüssel/Belgien bei der Jahrestagung der European Society for Medical Oncology (ESMO) im September in Madrid präsentiert [1].

„Es handelt sich um eine Patientengruppe mit schlechter Prognose. Außerdem leiden diese Patienten oft zusätzlich unter schwerwiegenden Begleiterkrankungen.“
Dr. Jean-Pascal Machiels

Studienautor Machiels betonte in Madrid, wie wichtig die Ergebnisse für diese Patienten seien. Krebskranke mit rezidivierten/metastasierten Kopf-Hals-Tumoren standen nämlich bislang nicht im Fokus der Forschung. „Es handelt sich um eine Patientengruppe mit schlechter Prognose. Außerdem leiden diese Patienten oft zusätzlich unter schwerwiegenden Begleiterkrankungen wie Alkohol- und Nikotinabusus und haben soziale Probleme“, hob Machiels hervor [2].

Das sei auch ein Grund dafür, dass die Kopf-Hals-Tumoren bisher wenig Aufmerksamkeit erhielten. Die therapeutischen Möglichkeiten sind bislang begrenzt und das mediane Überleben beträgt meist nur 3 bis 6 Monate. In 90% der Plattenepithelkarzinome im Kopf-Halsbereich (HNSCC) wird der Epidermale Wachstumsfaktor-Rezeptor (EGFR) überexprimiert, was mit einer weiteren Verschlechterung der Prognose einhergeht.

Afatinib ist ein oral applizierbarer, irreversibler Blocker von EGFR, Her2 und Her4. Seine Wirksamkeit bei Plattenepithelkarzinomen wurde in verschiedenen Untersuchungen an Lungentumoren und aber auch schon an Kopf-Hals-Tumoren nachgewiesen. In Europa ist Afatinib als Monotherapie zur Behandlung von EGFR-TKI-naiven erwachsenen Patienten mit lokal fortgeschrittenem und/oder metastasiertem nicht-kleinzelligen Lungenkarzinom (NSCLC) mit aktivierenden EGFR-Mutationen zugelassen. Bei Kopf-Hals-Tumoren lagen bislang viel versprechende Ergebnisse aus Phase-2-Studien vor.

LUX-Studie: Signifikanter Aufschub bis zu erneuter Progression

„So kann es einfach
so sein, dass Afatinib das Überleben nicht verbessert. Allerdings erhielt die Hälfte der Patienten in beiden Armen nachfolgend Therapien, die das Überleben beeinflusst haben können.“
Dr. Jean-Pascal Machiels

In die von Machiels präsentierte und von Boehringer Ingelheim finanzierte Phase-3-Studie (LUX-Head & Neck 1) wurden Patienten mit rezidivierten/metastasierten HNSCC aufgenommen, deren Erkrankung nach platinhaltiger Erstlinientherapie fortgeschritten war. Randomisiert wurden 322 Patienten mit Afatinib (40 mg/Tag) und 161 Patienten mit Methotrexat (40 mg/m² i.v. pro Woche) behandelt. Primärer Endpunkt war das progressionsfreie Überleben (PFS), zu den sekundären Endpunkten gehörte das Gesamtüberleben (OS), die Ansprechraten, der von den Patienten berichtete Nutzen (PRO) und die Sicherheit.

Nach einer medianen Beobachtungszeit von 6,7 Monaten hatten die Patienten der Afatinib-Gruppe ein um 20% geringeres Risiko für Progression oder Tod als die Patienten der Methotrexat-Gruppe. Mit Afatinib blieben die Patienten im Schnitt 2,6 Monate progressionsfrei und mit Methotrexat im Median 1,7 Monate (Hazard Ratio: 0,80, p = 0,03). Im Vergleich zu den Chemotherapie-Patienten verlängerte Afatinib nicht nur das PFS. Auch die Verschlechterung der Symptomatik – etwa was Schmerzen und Schluckbeschwerden und den allgemeinen Gesundheitszustand angeht – verzögerte sich signifikant.  

Legt man als Kriterium den von den Patienten berichteten Nutzen zugrunde, so gab es im Afatinib-Arm bessere Ergebnisse. Die unerwünschten Wirkungen von Afatinib waren akzeptabel. Als häufigste Nebenwirkung vom Grad 3 und 4 traten Hautausschlag/Akne (9,7 %) und Durchfall (9,4%) auf.

Die Ansprechrate war mit 10,2% unter Afatinib und 5,6% unter Methotrexat nicht signifikant unterschiedlich (p = 0,101). Eine Krankheitskontrolle (objektives Ansprechen und stabile Erkrankung) wurde mit Afatinib bei 49,1% und mit Methotrexat bei 38,5% der Patienten erreicht (p = 0,035). Das Gesamtüberleben zwischen den beiden Gruppen unterschied sich nicht.

„Hierfür gibt es mehrere Gründe“, erklärte Machiels. „So kann es einfach so sein, dass Afatinib das Überleben nicht verbessert. Allerdings erhielt die Hälfte der Patienten in beiden Armen nachfolgend Therapien, die das Überleben beeinflusst haben können. Beispielsweise wurden im Methotrexat-Arm 16 Prozent der Patienten mit Cetuximab behandelt, erhielten also eine  Anti-EGFR-Therapie“.

In weiteren Studien sollte nach Ansicht der Forscher untersucht werden, welche der Patienten möglicherweise von Afatinib besonders gut profitieren. „Wir hoffen, dass auf der Basis neuer molekularer Daten und durch Fortschritte im Verständnis der molekularen Grundlagen dieser Erkrankung in naher Zukunft neue Therapiemöglichkeiten untersucht werden können“, so die Autoren. Als besonderen Vorteil der Studie strich Machiels nicht zuletzt ihr Design heraus: „Im Vergleich zu anderen Studien ist unsere Patientengruppe sehr homogen. Das könnte sich auch bei der Konzeption nachfolgender Studien als sinnvoll erweisen.“

Referenzen

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Susanne Heinzl
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Machiels J-P: Advisory Board von Boehringer Ingelheim

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