Grippe-Impfung: „Ärzte sollten ihre Verantwortung wahrnehmen“

Heike Dierbach | 13. Oktober 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Elisabeth Pott

Der Oktober ist die beste Zeit, um sich gegen Grippe impfen zu lassen. Doch immer noch lassen sich in den Risikogruppen zu wenige Personen impfen. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) und das Robert-Koch-Institut starten deshalb die Kampagne „Wir kommen der Grippe zuvor“ [1]. Materialien für die verschiedenen Patientengruppen können kostenlos bei der BzGA bestellt werden. Medscape Deutschland sprach mit Prof. Dr. Elisabeth Pott, Direktorin der BzGA, über folgenreiche Irrtümer bei Patienten und die besondere Verantwortung von Ärzten und Pflegepersonal.

Medscape Deutschland: Warum sind die Grippe-Impfquoten in den Risikogruppen immer noch so niedrig?

Prof. Pott: Die Impfquoten sind in den verschiedenen Gruppen sehr unterschiedlich. Die repräsentative Bevölkerungsumfrage der BZgA zum Infektionsschutz in 2012 zeigt, dass Menschen, die über 60 Jahre alt sind, mit 49 Prozent die höchste Impfquote aufweisen [2]. Bei den chronisch Kranken sind es 40 Prozent. Was uns besonders Sorge macht, ist das medizinische Personal. In dieser Gruppe gaben nur 23 Prozent der Befragten an, dass sie sich regelmäßig gegen Grippe impfen lassen. Das ist nicht nur ein Risiko für diese Gruppe, sondern auch für ihre Patienten, die möglicherweise angesteckt werden.

Medscape Deutschland: Liegt es an mangelnder Information oder am fehlenden Willen?

Prof. Pott: Es ist unsere Aufgabe Informationslücken zu schließen, aber auch die Motivation zu stärken. Deshalb halten wir Informationsmaterialien für die verschiedenen Indikationsgruppen vor, in denen die Vorteile einer Impfung noch einmal dargestellt werden. Wer mit Menschen in Kontakt kommt, hat ein erhöhtes Risiko, sich mit Grippe zu infizieren. Zudem kann man Grippeviren übertragen, ohne es zu bemerken, zum Beispiel weil die Grippe nur leicht verläuft oder weil keine typischen Krankheitszeichen verspürt werden. So kann beispielsweise ein Arzt unwissentlich einen Patienten anstecken, der vielleicht nicht geimpft werden konnte.

„Das medizinische Personal bereitet uns besonders Sorge.“

Medscape Deutschland: Auch von Schwangeren waren in der Saison 2012/13 nur 23 Prozent geimpft. Diese Gruppe ist regelmäßig beim Frauenarzt. Weisen Gynäkologen zu selten auf die Grippeimpfung hin?

Prof. Pott: Die Empfehlung der Grippeimpfung für Schwangere besteht erst seit 2010. Erfahrungsgemäß dauert es einige Zeit bis sich eine derartige Empfehlung durchsetzt. Nach einer Befragung von Schwangeren, die das Bundesministerium für Gesundheit in Auftrag gegeben hat, wussten 30 Prozent der Schwangeren nicht, dass sie sich gegen Influenza impfen lassen sollten. Bei den anderen spielte vielleicht die Sorge eine Rolle, ob eine Impfung dem Kind schaden könnte. Sie hören ja in der Schwangerschaft, dass sie möglichst keine oder wenig Medikamente nehmen sollen. Das wird dann auch auf die Grippeimpfung übertragen. Tatsächlich ist diese für das Kind aber ungefährlich. Im Gegenteil: Es ist dann nach der Geburt auch selbst gegen Grippe geschützt.

Medscape Deutschland: Eine Rolle spielt sicher auch die Art der Information. Reicht ein Plakat oder eine Broschüre im Wartezimmer?

„30 Prozent der Schwangeren wissen nicht, dass sie sich gegen Influenza impfen lassen sollten.“

Prof. Pott: Nein. Die Empfehlung der Grippeimpfung durch den Arzt ist die wichtigste Motivation für die Impfung. Wir gehen davon aus, dass der Arzt ein Beratungsgespräch führt. Die Broschüre kann er seinen Patienten zur Information mitgeben.

Medscape Deutschland: Ist der Arzt bei Risikopatienten verpflichtet, auf die Impfung hinzuweisen?

Prof. Pott: Grundsätzlich ja. Wie nachdrücklich das passiert, hängt natürlich auch vom einzelnen Mediziner ab. Ich kann nur appellieren, diese Verantwortung ernst zu nehmen. Wenn der Arzt allerdings selbst eine Impfung nicht für notwendig hält, wird er natürlich auch den Patienten nicht leicht überzeugen.

Medscape Deutschland: Viele Menschen unterschätzen vermutlich auch immer noch die Gefährlichkeit einer Grippe. Müsste man nicht noch mehr darüber aufklären, dass die Krankheit tödlich enden kann?

Prof. Pott: Viele denken sicher immer noch, dass eine Grippe ähnlich wie eine Erkältung verläuft. Man muss den Unterschied immer wieder erklären, damit sich die Erkenntnis nach und nach durchsetzt. Dazu gehört auch die Information, dass man eine Grippe, wenn sie ausgebrochen ist, nicht ursächlich behandeln kann. Wir wollen keine Ängste schüren. Allerdings müssen die Gefahren realistisch dargestellt werden. Die Motivation muss aber mit positiven Argumenten erfolgen. Die Grippeimpfung schützt. Sie verhindert Krankheit und Leid.

„Die Empfehlung
der Grippeimpfung durch den Arzt ist die wichtigste Motivation für die Impfung.“

Medscape Deutschland: Googelt man „Grippeimpfung“ wird bereits an sechster Stelle eine naturheilkundliche Seite genannt, die behauptet, die Impfung schütze kaum. Welchen Einfluss haben solche Ratschläge?

Prof. Pott: Solche Seiten haben leider großen Einfluss. Verbreitet sind abschreckende Schilderungen von Impfreaktionen, die bei vielen Menschen Angst auslösen. Informationen darüber, dass die Auswirkungen einer Grippe viel dramatischer sind, unterbleiben oft. Wir können nur versuchen, die großen Vorteile den minimalen Risiken einer Impfung gegenüber zu stellen. Wichtig ist, dass man selbst als Institution glaubwürdig bleibt. Gerade weil viele Impfgegner die Risiken von Impfungen dramatisieren, müssen wir sachlich bleiben. Die Bevölkerung muss sich auf das, was wir sagen, verlassen können.

Medscape Deutschland: Auch unter Ärzten gibt es etliche, die die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission bewusst nicht umsetzen und dies auch ihren Patienten vermitteln. Wie könnte man diese überzeugen?

Prof. Pott: Das ist nun mal eine Realität, die man zur Kenntnis nehmen muss. Hintergrund einer solchen Ablehnung ist oft eine bestimmte Weltanschauung, die auch im Gegensatz zum medizinischen Studium steht. Da gilt es, Vorurteile abzubauen und immer wieder den wissenschaftlichen Erkenntnisstand darzulegen. Aber das sind dicke Bretter, die wir bohren müssen.

Medscape Deutschland: Brauchen wir eine Impfpflicht für medizinisches Personal?

„Gerade weil
viele Impfgegner
die Risiken von Impfungen dramatisieren, müssen wir
sachlich bleiben.“

Prof. Pott: Das wäre in Deutschland nicht durchzusetzen. Schließlich geht es letztlich um einen Eingriff in den Körper. Der Einzelne würde wahrscheinlich gute Gründe finden, warum er sich nicht impfen lassen kann. Ich halte eine Pflicht auch nicht für sinnvoll. Ärzte und Pfleger sollten eigentlich so gut ausgebildet sein, dass sie ihre Verantwortung selbst erkennen und wahrnehmen. Sicherlich wäre es gut, diesen Punkt in der Aus-, Fort- und Weiterbildung noch stärker zu vermitteln.

Medscape Deutschland: Im letzten Winter verlief die Grippewelle relativ mild. Was erwarten Sie für dieses Jahr?

Prof. Pott: Jede Grippesaison ist anders. Daher ist der letzte Winter kein Grund für eine Entwarnung, es kann jederzeit auch immer wieder schwerere Verläufe geben. Sicher ist: Die Grippe kommt.

Referenzen

Referenzen

  1. BzGA: Schutzmöglichkeiten gegen Grippe nutzen.September 2014
    http://www.bzga.de/presse/pressemitteilungen/?nummer=931
  2. BzGA: Einstellungen, Wissen und Verhalten der Allgemeinbevölkerung zu Hygiene und Infektionsschutz. Juni 2013
    http://www.bzga.de/forschung/studien-untersuchungen/studien/impfen-und-hygiene/?sub=79

Autoren und Interessenkonflikte

Heike Dierbach
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Pott E: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.