Diabetespatienten: Erektile Dysfunktion „schlimmer“ als Augen- und Nierenprobleme?

Simone Reisdorf | 13. Oktober 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Wien – Die distale symmetrische sensomotorische Neuropathie (DSPN) betrifft keineswegs nur Beine und Füße, sie kann auch sensomotorische Störungen im Urogenitaltrakt mitverursachen. So haben Typ-1-Diabetiker mit dieser Neuropathie ein erhöhtes Risiko, unter erektiler Dysfunktion und Beschwerden der unteren Harnwege zu leiden. Aktuelle Studien dazu sind kürzlich beim EASD-Kongress in Wien präsentiert worden [1].

„Die Sexualfunktion ist bedeutsam für die Lebensqualität, deshalb sollten Menschen mit Diabetes von ihren Diabetologen und Hausärzten aktiv darauf angesprochen werden“, fordert Prof. Dr. Dan Ziegler, Stellvertretender Direktor des Instituts für Klinische Diabetologie am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf, im Gespräch mit Medscape Deutschland. Er verweist auf die Nationale Versorgungsleitlinie zur diabetischen Neuropathie und den dort empfohlenen IIEF5-Fragebogen. „Viel zu oft wird das Thema noch tabuisiert“, kritisiert der Experte.

„Die Sexualfunktion ist bedeutsam für
die Lebensqualität, deshalb sollten Menschen mit Diabetes von ihren Diabetologen
und Hausärzten
aktiv darauf angesprochen werden.“
Prof. Dr. Dan Ziegler

Als Datenbasis für 2 aktuelle Studien diente die schon seit 30 Jahren laufende DCCT/EDIC-Studie mit Typ-1-Diabetikern: Der Diabetes Control and Complications Trial (DCCT) endete 1993, seitdem läuft die Nachfolgestudie Epidemiology of Diabetes Interventions and Complications (EDIC).

Von den ursprünglich knapp 700 männlichen EDIC-Teilnehmern wurden 635 auch noch 17 Jahre später, im Jahre 2009/2010, beobachtet. Sie waren inzwischen durchschnittlich 52 Jahre alt und seit 30 Jahren Diabetiker. Der Anteil der Patienten mit Bluthochdruck ist von 20% auf 70% angestiegen.

Unkomplizierte Patientenbefragung zu ED und LUTS

„Das Vorliegen von DSPN wurde bereits 2006/2007 ermittelt“, berichtete Dr. Rodica Pop-Busui vom Michigan Comprehensive Diabetes Center in Ann Arbor, USA [2]. Dieser Befund basierte auf Sensibilitäts- und Reflexstörungen, auffälligen Nervenleitungsmessungen und/oder einem pathologischen Wert im Michigan Neuropathy Screening Instrument (MNSI). Bei mehr als 40% der männlichen Teilnehmer haben die Studienautoren einen pathologischen Wert gefunden.

„Der kumulative Effekt der lang anhaltenden Hyperglykämie fördert die Entstehung von Folgekomplikationen an den Gefäßen.“
Prof. Dr. Dan Ziegler

Die Autoren haben 2009/2010 untersucht, wer inzwischen an erektiler Dysfunktion (ED) oder Beschwerden der unteren Harnwege (lower urinary tract syndrome, LUTS) litt. ED wurde mittels einer einfachen Schlüsselfrage erfasst: Die Studienautoren haben den Befund als positiv gewertet, wenn die Männer „wenig“ oder „sehr wenig“ zufrieden waren mit dem Erreichen und Aufrechterhalten ihrer Erektionen in den letzten 4 Wochen.

Moderate bis schwere Harnwegsbeschwerden wurden bescheinigt, wenn die Teilnehmer 8 bis 35 Punkte laut American Urological Association Symptom Index (AUASI) hatten. Der Fragebogen erfasst häufiges und nächtliches Wasserlassen, großen Harndrang, Anstrengung beim Harnlassen, einen schwachen, unterbrochenen Harnstrahl und das Gefühl unvollständiger Entleerung.

Nicht überraschend: Diabetiker mit ED sind älter, schlechter eingestellt und häufiger hypertensiv

„LUTS fanden wir bei 10% der Männer, eine ED bei 30% und beide zusammen bei 15%“, so Pop-Busui. Sowohl LUTS- als auch ED-Patienten. Die Patienten mit beiden Erkrankungen waren im Durchschnitt einige Jahre älter als die Männer ohne urogenitale Begleiterkrankungen. Zudem hatten Männer mit ED einen signifikant schlechteren HbA1c-Wert (8,2% vs. 7,8%), einen geringfügig, aber signifikant höheren Blutdruck (2 bis 3 mmHg), sie bekamen mehr Antihypertensiva einschließlich Betablocker, und sie litten häufiger an Mikroalbuminurie.

„In der Pathophysiologie von ED und LUTS spielen viele Faktoren eine Rolle“, erklärt Ziegler im Gespräch mit Medscape Deutschland. „Neben Alter und Diabetesdauer gehört oftmals auch eine ungenügende Diabeteseinstellung dazu. Denn der kumulative Effekt der lang anhaltenden Hyperglykämie fördert die Entstehung von Folgekomplikationen an den Gefäßen.“

Weitere kardiovaskuläre Risikofaktoren wie Übergewicht, Hyperlipidämie und Hypertonie und deren Therapie, etwa die antihypertensive Therapie mit Betablockern, können das Risiko für ED oder deren Schweregrad steigern, so Ziegler.

DSPN häufiger Mitverursacher der urogenitalen Probleme?

Offenbar spielt auch die Neuropathie eine große Rolle: Sie wurde umso häufiger gefunden, je mehr urogenitale Probleme die Männer hatten. So hatten nur 22% der Männer ohne LUTS und ED eine DSPN, verglichen mit 31% der Männer mit LUTS allein, 41% der Männer mit ED allein und 62% der Männer mit LUTS plus ED.

Bei den Typ-1-Diabetikern mit bestätigter DSPN war somit das Risiko, an LUTS plus ED zu leiden, im Vergleich zu den Typ-1-Diabetikern mit intakten peripheren Nerven um den Faktor 3,8 erhöht – nach Adjustierung für alle relevanten Kofaktoren [2]. Gegenüber Medscape Medical News bezeichnete Pop-Busui das Ausmaß dieses Effekts als „überraschend.”

Lebensqualität leidet bei erektiler Dysfunktion am meisten

In einer weiteren Analyse der DCCT/EDIC-Daten haben die Autoren ermittelt, welchen Einfluss die erektile Dysfunktion auf die Lebensqualität der Männer mit Typ-1-Diabetes hat [3]. Grundlage der Bewertung war der Fragebogen zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität (health-related quality of life, HR-QoL). Der Psychiater Prof. Dr. Alan M. Jacobson, Mineola, USA, Senior VicePresident am Joslin Diabetes Center in Boston, stellte die Studie vor.

Auch in dieser Analyse wurde nach einer komorbiden Neuropathie gefahndet: Sie lag bei 42% der Patienten vor. Weitere mikrovaskuläre Folgeerkrankungen kamen ebenfalls häufig vor, etwa eine Retinopathie (20%), Nephropathie mit eingeschränkter Nierenfunktion unter 60 ml/min (4%) oder kardiale autonome Neuropathie (37%).

Der Anteil der Patienten mit erektiler Dysfunktion ist über die Jahre stetig angestiegen, von knapp 6% auf ca. 40%. Wenig überraschend war, dass die Lebensqualität von Männern, die niemals unter ED gelitten hatten, mit 78 von 100 Punkten im HR-QoL deutlich besser war als bei Männern mit früherer ED (76 Punkte) oder aktuell bestehender ED (73 Punkte). Und je länger die ED anhielt, desto mehr schrumpfte die Lebensqualität, von 79 Punkten (keine ED) über 75 und 74 auf 71 Punkte (ED über 1 bis 3 Jahre vs. 4 bis 7 Jahre vs. mindestens 8 Jahre).

Eine Überraschung hat die Auswertung der Fragebögen aber doch geboten: Erektile Dysfunktion macht den Patienten offenbar mehr zu schaffen als die übrigen Folgekomplikationen zusammen, die ja ihrerseits keineswegs harmlos sind. Männer ohne sexuelle Beeinträchtigung hatten in jedem Falle eine höhere Lebensqualität als die ED-Patienten – egal, wie viele mikrovaskuläre Probleme sie sonst noch hatten. „Der Einfluss der erektilen Dysfunktion blieb auch nach Adjustierung für die weiteren mikrovaskulären Komplikationen signifikant“, ergänzte Jacobson.

Referenzen

Referenzen

  1. 50th Annual Meeting, European Association for the Study of Diabetes (EASD), 15. bis 19. September 2014, Wien, Österreich
    http://www.easdvirtualmeeting.org
  2. s. 1. „Diabetic neuropathy and urologic complications in men with type 1 diabetes in the DCCT/EDIC study“ || Oral Presentation #127
    http://www.easdvirtualmeeting.org/resources/18632
  3. s. 1. „Erectile dysfunction and health-related quality of life in type 1 diabetes: longitudinal follow-up of the DCCT/EDIC cohort“ || Oral Presentation #128
    http://www.easdvirtualmeeting.org/resources/19405

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Ziegler D: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

Pop-Busui R: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Jacobson AM: Unterstützung durch die National Institutes of Health (NIH)

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