Notaufnahmen in Not: Viel zu viele Patienten dort wären eigentlich ein Fall für Niedergelassene

Christian Beneker | 7. Oktober 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Deutschlands Krankenhäuser fordern von den Kassenärztlichen Vereinigungen mehr Geld für die Behandlung ambulanter Patienten in ihren Notaufnahmen. Doch einfach nur mit mehr Geld ist das Problem nicht gelöst, das sich seit einiger Zeit in den Notaufnahmen auftut. Denn hier erscheinen auch immer mehr Patienten, die eigentlich in die Praxis des Niedergelassenen oder – wenn die Praxen geschlossen sind – in den Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen gehören und sie behindern im Zweifel die Versorgung der tatsächlichen Notfallpatienten.

Das Problem in den Krankenhäusern liegt auf der Hand: Die großen Kliniken halten in ihren Notaufnahme rund um die Uhr eine große und teure Palette an Behandlungs- und Diagnosemöglichkeiten für den Notfall bereit. Aber dieser Apparat wird im Zweifel blockiert, wenn „Patienten nachts um drei mit Rückenschmerzen zu uns kommen, die sie eigentlich schon seit drei Wochen plagen“, sagt Dr. Karsten Kraatz, Internist und leitender Oberarzt der Notaufnahme am Helios-Klinikum Salzgitter, „dann wäre das eigentlich ein Fall für den Hausarzt oder niedergelassenen Orthopäden“. Aber abweisen dürfen die Krankenhäuser die ambulanten Patienten nicht. „Das wäre unterlassene Hilfeleistung“, so Kraatz.

„Manche wollen einfach nicht so
lange auf einen Facharzttermin warten und
kommen in
die Klinik.“
Uwe Zimmer

Die ambulante Versorgung verschiebt sich

Das Problem hat viele Gründe. „Manche wollen einfach nicht so lange auf einen Facharzttermin warten und kommen in die Klinik“, meint etwa Uwe Zimmer, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Bremen (HBKG). „Andere waren im betreffenden Krankenhaus schon einmal Patient und sehen es nun als erste Anlaufstation.“ Auch die Lage des Krankenhauses hat Einfluss auf die Patientenströme. So verzeichnet etwa die Medizinische Hochschule am Verkehrsknotenpunkt Hannover (MHH) viele durchreisende ambulante Patienten in der Notaufnahme. Vor allem aber argwöhnen die Krankenhäuser, die ambulanten Patienten kämen vor allem in den sprechstundenfreien Zeiten zu ihnen.

Die Dimensionen jedenfalls sind beträchtlich: Allein das Klinikum Braunschweig verzeichnet im Jahr 25.000 ambulante Notfallpatienten, so Stefan Hofmann, Geschäftsführer der Bezirksstelle Braunschweig der KVN. Für ihn ist dies eine „offensichtliche Fehlversorgung“.

Nach Angaben der Bremer Krankenhausgesellschaft decken die Kliniken an der Weser mit 60.000 bis 70.000 ambulanten Notfallpatienten 2 Drittel aller Fälle im Land Bremen ab. Bundesweit habe die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) im Jahr 2012 rund 9 Millionen ambulanter Behandlungen in den Notaufnahmen der Kliniken gezählt, so Haffke. Von diesen Patienten hätten 20% gar nicht in einer Notaufnahme behandelt werden müssen, so Martin Scheibel, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin e.V. (DGINA). Es geht also um rund 1,8 Millionen Behandlungsfälle im Jahr.

Die Kliniken fordern mehr Geld

Wenn sie schon diese Patienten der KV-Vertragsärzte versorgen müssen, dann wollen die Kliniken auch mehr Geld dafür haben. Die Kassenärztlichen Vereinigungen zahlen für einen ambulanten Notfall an Niedergelasse oder Kliniken den gleichen Fallwert. Er beträgt derzeit rund 33 Euro in Niedersachsen und Bayern, durchschnittlich 31,81 Euro in Berlin, 49,09 Euro für die Erstversorgung und 18,51 Euro für die Nachbehandlung in Bremen oder 25,71 Euro in Nordrhein.

Die Kliniken machen jedoch ein Vielfaches an Aufwand geltend. Sie verweisen auf den Vorhalt von Großgeräten, die aufwändige Ausschlussdiagnostik oder die teuren Nachtdienste und Kosten von „deutlich über 100 Euro pro Fall“, so Helge Engelke, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Niedersachsen (NKG), bis hin zu „129 Euro, wie die DGINA errechnet hat“ [1]. Bei solchen Unterschieden zwischen Kosten und Ertrag schmerzen Behandlungen, die eigentlich von Niedergelassenen vorgenommen werden sollten, die Klinikgeschäftsführer besonders.

Allerdings ist sich die DKG selbst nicht so sicher, wie hoch die Kosten tatsächlich sind. „Derzeit läuft eine Umfrage unter den Krankenhäusern, die den tatsächlichen Kostenrahmen erheben soll“, sagt Engelke. Eine zweite Studie soll ermitteln, welcher Art eigentlich die Notfälle sind, die in den Notaufnahmen ambulant versorgt werden. Klar ist indessen: Den Krankenhäusern reicht das Honorar nicht.

Der Geldforderung hält Detlef Haffke, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) entgegen, es stimme zwar, dass in den Klinik-Notaufnahmen immer mehr leicht Erkrankte erschienen. „Aber diese Entwicklung stellen wir auch im Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen fest. Im Jahr 2012 verzeichnete der KV-Bereitschaftsdienst bundesweit 8,3 Millionen Fälle. Das Verhältnis zu den rund 9 Millionen ambulanten Fällen in den Kliniken ist seit Jahren konstant“, so Haffke.

Zudem hätten Stichprobenprüfungen in 3 Kliniken in Niedersachsen ergeben, dass das Aufkommen ambulanter Patienten in den Krankenhäusern immer dann besonders hoch war, wenn die Praxen der Niedergelassenen noch geöffnet hatten. Dass die Klinikambulanzen ausgerechnet in den sprechstundenfreien Zeiten besonders belastet seien, kann man bei der KVN also nicht nachvollziehen.

Unterdessen haben die Geldforderungen der Klinken einen Dämpfer erhalten, und zwar vom Bundessozialgericht (BSG). Es entschied mit dem Urteil von 2. Juli 2014, dass Krankenhausambulanzen in den sprechstundenfreien Zeiten kein höheres Honorar für die ambulante Behandlung in Notaufnahmen verlangen können als Ärzte im KV-Bereitschaftsdienst [2].

Was nun?

Eine mögliche (Teil-)Lösung des Problems haben z.B. Niedersachsen und Bayern gefunden. Dort liegen die Bereitschaftsdienstpraxen der Niedergelassenen in der Regel in den Krankenhäusern. Laufen in deren Notaufnahme ambulante Patienten auf, können die Klinikkollegen sie rasch zum KV-Bereitschaftsdienst schicken. In Bayern arbeiten laut Kassenärztlicher Vereinigung 51 Bereitschaftsdienste so [3]. Allerdings entlasten sie nur während der Öffnungszeiten und nur an den Krankenhäusern, die eine solche Praxis am Haus haben.

Die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) beschreitet einen anderen Weg. Sie hat in der Notaufnahme kurzerhand einen Hausarzt angestellt. Denn von den jährlich 36.000 Patienten der MHH-Notaufnahme können ein Drittel ambulant versorgt werden und von diesen viele durch einem Hausarzt.

Referenzen

Referenzen

  1. Deutschen Gesellschaft interdisziplinäre Notfall- und Akutmedizin e.V. (DGINA): Positionspapier http://www.dgina.de/media/arbeitsgruppen/Positionspapier%20DGINA%20Ambulante%20Notfallversorgung%202013.pdf
  2. BSG-Urteil vom 2. Juli 2014, AZ B 6 KA 30/ 13 R 
    http://juris.bundessozialgericht.de/cgi-bin/rechtsprechung/document.py?Gericht=bsg&Art=en&Datum=2014-7-2&nr=13501&pos=0&anz=1
  3. Kassenärztliche Bundesvereinigung Bayern: Pressemitteilung „KVB-Vorstand für Zusammenarbeit von Praxen und Kliniken im Bereitschaftsdienst“, 11. Juli 2014
    http://www.kvb.de/presse/presseinformationen/presseinformationen-2014/11072014

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Zimmer U, Kraatz K, Haffke D, Hofmann S, Engelke H, Scheibel M: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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