Statussymbol statt eHealth-Revolution: Die Apple Watch enttäuscht beim Gesundheitstracking

Shari Langemak | 2. Oktober 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Shari Langemak

Wer hätte vor ein paar Jahren noch gedacht, dass sich die Schlagzeilen der Welt einmal um eine Uhr drehen würden. Letztlich erschien sie lange wie das Relikt aus einer uralten Zeit: Mehr Statussymbol als technisches Hilfsmittel. Wer täglich ein Smartphone mit sich herumträgt und die meiste Zeit vor dem Bildschirm verbringt, braucht eigentlich keinen zusätzlichen Zeitmesser mehr. Das bestätigen auch zahlreiche Studien wie die des Marktforschungsunternehmens YPulse. Laut ihrer Umfrage trägt weniger als ein Drittel der 18- bis 29-Jährigen noch regelmäßig eine Uhr.

„Apple schafft zumindest gute Grundlagen für
ein sich weiter verbesserndes, digitales
Gesundheits-Management.“

Doch gerade in dieser Altersklasse soll die Armbanduhr eine Renaissance erleben – allerdings nicht als Zeit-, sondern als Gesundheitsmesser und Kommunikationsmittel. Zu Beginn des Monats wurde die Apple Watch der Öffentlichkeit präsentiert. Längst ist noch nicht alles über das neue Gadget bekannt und doch wird die Apple Watch bereits jetzt als Durchbruch in Sachen Gesundheitstracking gefeiert.

Kein Wunder, schließlich klingen zumindest die Ideen hinter ihren Funktionen vielversprechend: Körperliche Aktivität und Trägheit aufzeichnen, Sport- und Kalorienmessung mittels Puls- und Beschleunigungssensoren präziser machen und all das noch eingebettet in Apples neuestes Meisterstück – das Healthkit, eine Art Meta-App für all die Daten, die mittels anderer Gesundheitsapps gesammelt werden.


Apple Watch

Aber es gibt ein Problem: Apple musste beim Basteln seines neuen Experiments einige Kompromisse eingehen. Der vermeintlichen Smartwatch-Revolution für den eHealth-Markt stehen daher die folgenden Probleme entgegen:

  • Die Apple Watch ersetzt nicht das Smartphone. Sie ist ohne iPhone nicht einmal komplett funktionsfähig. Zu Gunsten der kompakten Größe verzichtete Apple darauf, seine Smartwatch mit einem eigenem GPS und Wi-Fi auszustatten. Wer also seine körperliche Aktivität aufzeichnen und verfolgen möchte, muss sich nicht nur die Apple Watch zum Joggen umschnallen, sondern gleichwohl auch noch das iPhone mit in die Hosentasche stecken. Wirklich komfortabel ist das nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass die Apple Watch nur mit iPhones und nur mit denen der 5. und 6. Generation funktioniert.
  • Die Tracking-Möglichkeiten sind bisher sehr begrenzt. Einen großartigen Mehrgewinn an Sport- und Gesundheitsdaten dürfen wir zunächst nicht erwarten. Im Wesentlichen erlaubt die Apple Watch die Puls- und die Beschleunigungsmessung, und bietet damit nicht vielmehr als bereits erhältliche Tracking-Devices. Vielleicht bietet sie sogar ein bisschen weniger, denn bislang ist noch unklar, ob mit ihr auch das Schlaf-Tracking möglich oder zumindest komfortabel sein wird. Für tatsächliche Gesundheitsdaten – wie Blutdruck oder Blutzucker – wird es zusätzliche Gerätschaften brauchen. All das macht die erste Generation der Apple Watch eher zu einem Fitness- als einem Gesundheits-Tracker.
  • „Die Apple Watch setzt auf wenige, dafür allerdings ausgefeilte Features.“
  • Bei der Akku-Leistung droht ein altes Apple-Problem. iPhone-Nutzer können bereits ein (Klage-)Lied darüber singen: Ihr Smartphone ist mindestens einmal täglich an die Steckdose gefesselt. Wer das iPhone mit all seinen Features nutzt, muss entsprechend häufig den Akku aufladen. Bereits jetzt gab der Tech-Gigant zu, dass es bei seiner Uhr nicht sehr viel anders sein wird. Apple geht davon aus, dass die Nutzer ihre Smartwatch jede Nacht aufs Neue aufladen müssen – ein weiterer Hinweis darauf, dass das Schlaftracking zumindest in dieser Generation vermutlich keine große Rolle spielen wird.

Also aus der Traum von der Smartwatch-Revolution für den Gesundheitsmarkt? Nicht ganz. Apple schafft mit ein paar Features zumindest gute Grundlagen für ein sich weiter verbesserndes, digitales Gesundheits-Management.

Pulsmessung: Auf der Rückseite der Apple Watch gibt es 2 LEDs: Eine misst Infrarot-Licht, die andere Licht im sichtbaren Bereich. Zusammen ermöglichen sie eine sehr genaue Pulsmessung, indem sie Licht in die Blutgefäße des Handgelenks aussenden, und dann das reflektierte Licht messen.

Beschleunigungsmessung: Der M8 Co-Prozessor der Apple Watch ermittelt zusammen mit dem GPS & WiFi des iPhones die tägliche Aktivität. Er kann außerdem zwischen Laufen und Radfahren unterscheiden.

Kommunikation: Hier werden neue Wege der Kommunikation erprobt. Die Apple Watch ermöglicht es, kleine Zeichnungen und den eigenen Herzschlag mit anderen zu teilen oder durch einen kurzen Fingertipp anzuzeigen, dass man aneinander denkt.

Aktivitäts-App: Mit einem interessanten Design will Apple zu mehr Bewegung motivieren. 3 Ringe zeigen dabei an, wie viel der Nutzer täglich sportelt, sich bewegt und steht.


Damit setzt die Apple Watch auf wenige, dafür allerdings ausgefeilte Features. Sollte sich das neue Produkt als Erfolg erweisen, werden mit Sicherheit weitere in den folgenden Generationen hinzukommen, wahrscheinlich mit einem stärkeren Gesundheitsfokus. Bis dahin bleibt die Uhr aber wohl erst einmal das, was sie bereits in den letzten Jahren war: ein Statussymbol.

Referenzen

Referenzen

  1. YPulse: “Watches are time-less accessory for gen Y”, 4. Oktober 2012
    http://www.ypulse.com/post/view/watches-are-a-timeless-accessory-for-gen-y

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Shari Langemak
Editorial Director Medscape Deutschland

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