Jedes Kilo zählt: Gewichtskontrolle ist das A und O für schwangere Diabetikerinnen

Simone Reisdorf | 30. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Wien – Das Kind einer Diabetikerin wehrt sich bereits im Mutterleib gegen hohe Glukosespiegel und schüttet selbst vermehrt Insulin aus. Deshalb sind viele dieser Kinder bei der Geburt größer als der Durchschnitt. So haben 50% der Neugeborenen von Typ-1-Diabetikerinnen ein Geburtsgewicht oberhalb der 90. Perzentile. Sie sind damit „large for gestational age“ (LGA), groß im Verhältnis zur Schwangerschaftsdauer. In der Allgemeinbevölkerung liegen dagegen – definitionsgemäß – nur 10% der Kinder zum Geburtszeitpunkt jenseits dieser Gewichtsgrenze.


Prof. Dr. Elisabeth R. Mathiesen

Das hohe Geburtsgewicht hat Folgen, wie Prof. Dr. Elisabeth R. Mathiesen beim Kongress der European Society for the Study of Diabetes in Wien betonte [1]: „37 Prozent der Kinder diabetischer Mütter werden zu früh geboren; Kaiserschnitte und Schulterdystokien sind ebenfalls häufiger als sonst”, erläuterte die Chefärztin am Universitätsklinikum von Kopenhagen in Dänemark.  

Auch nach der Geburt haben die allzu großen Kinder schlechte Karten: Sie haben eine erhöhte Wahrscheinlichkeit, selbst an Typ-2-Diabetes, Adipositas und kardiovaskulären Störungen zu erkranken.

Übergewicht vor der Schwangerschaft weniger kritisch als ein Diabetes

Der Body-Mass-Index (BMI) der Frauen vor der Schwangerschaft hat offenbar nur wenig zu tun mit dem hohen Geburtsgewicht des Babys. So haben laut schwedischem Geburtenregister Typ-1-Diabetikerinnen – unabhängig vom BMI – jeweils zu einem ähnlichen Prozentsatz ein LGA-Kind: 47% bei den normalgewichtigen Schwangeren, 50% bei denen mit Übergewicht und 51% unter den adipösen [2].

„37 Prozent der Kinder diabetischer Mütter werden
zu früh geboren; Kaiserschnitte und Schulterdystokien sind ebenfalls häufiger als sonst.“
Prof. Dr. Elisabeth R. Mathiesen

Die Hauptursache des hohen Geburtsgewichts ist offenbar der gestörte mütterliche Glukosestoffwechsel selbst. Dies bestätigt eine Analyse des britischen Northern Diabetes in Pregnancy Survey (NorDIP). Hier war ein um 1%  höherer HbA1c-Wert bei Typ-1- und Typ-2-Diabetikerinnen im letzten Trimenon mit einem um 310,5 g höheren Geburtsgewicht assoziiert. Dagegen brachte ein Plus von 1 kg/m² beim präkonzeptionellen BMI nur 9,5 g mehr an Geburtsgewicht mit sich [3].

Wie sich der Anteil an LGA-Kindern reduzieren lässt, dafür ist eine Lösung noch nicht in Sicht: Selbst ein kontinuierliches Glukosemonitoring oder der Einsatz von Insulinpumpen bei Typ-1-Diabetikerinnen senkt die Rate von 50% auf 40 bis 50%. „Ein Grund dafür könnten die bei strenger Blutzuckerkontrolle vermehrt auftretenden Hypoglykämien mit nachfolgenden Zwischenmahlzeiten und weiterer Gewichtszunahme sein”, meint Mathiesen.

Und die Gewichtszunahme während der Schwangerschaft als dritter Risikofaktor könnte etwas leichter zu steuern sein. In einer dänischen Registerstudie zogen 5 Kilogramm Gewichtszunahme der Mutter je 95 Gramm mehr Geburtsgewicht beim Kind nach sich.

In der Schwangerschaft gar nicht zunehmen?

Laut Leitlinie des American Institute of Medicine (IOM) „dürfen” normalgewichtige gesunde Frauen in der Schwangerschaft 11,5 bis 16 kg zunehmen, übergewichtige 7 bis 11,5 kg und adipöse 5 bis 9 kg.

Für Diabetikerinnen ist aber laut Mathiesen selbst das noch zu viel: In ihrem Institut wird schon seit 2008 den adipösen Diabetikerinnen gewissermaßen eine Nullrunde empfohlen. Sie sollen in der Schwangerschaft nur 0 bis 5 kg an Gewicht zulegen. „Bei Adipösen ohne Diabetes sah man damit in skandinavischen Beobachtungsstudien die besten Ergebnisse”, erklärt sie den Hintergrund dieser Zielvorgabe.


Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer

Die Frage ist, ob man so das Kind mit dem Bade ausschüttet: „Es steht zu befürchten, dass zwar weniger Kinder mit LGA geboren werden, auf der anderen Seite aber der Anteil der Kinder mit zu niedrigem Geburtsgewicht ansteigt”, gibt Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer im Gespräch mit Medscape Deutschland zu bedenken. Die Internistin und Professorin für Gender-Medizin an der Medizinischen Universitätsklinik Wien hält fest, dass es keine Verbesserung darstellt, wenn Kinder mit ihrem Gewicht unter der 90. Perzentile liegen, also „small for gestational age“ (SGA) sind: „Das Outcome der Kinder mit SGA ist langfristig nachgewiesenermaßen ungünstig.” Sie selbst rät adipösen Diabetikerinnen zu 2 bis 3 kg Gewichtszunahme, ist aber auch mit 6 oder 7 kg noch zufrieden.

Mathiesen dagegen beruhigt: „Natürlich ist bei nur 0 bis 5 kg Gewichtszunahme der Anteil an SGA-Kindern etwas höher, dieser Anstieg ist aber bisher in Studien nicht alarmierend.” In ihrer täglichen Praxis erlebt sie, dass selbst Mütter mit einem Start-BMI um 40 kg/m², die manchmal aus eigenem Antrieb in der Schwangerschaft abnehmen, mehrheitlich normalgewichtige Kinder bekommen. „Empfehlen würde ich eine Gewichtsabnahme in der Schwangerschaft aber nicht”, räumt sie ein und ist damit wieder auf einer Linie mit Kautzky-Willer.

„Es steht zu befürchten, dass zwar weniger Kinder mit LGA (zu hohem Geburtsgewicht) geboren werden, auf der anderen Seite aber der Anteil der Kinder mit zu niedrigem Geburtsgewicht ansteigt.“
Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer

Studie liefert beruhigende Daten

Um die „Nullrunden-Empfehlung” abzusichern, unternahmen Mathiesen und Kollegen eine retrospektive Studie mit ihrer eigenen Patientenklientel. Sie betrachteten die Daten von 58 adipösen Schwangeren mit Typ-2-Diabetes, die von 2008 bis 2011 in ihrem Institut ein Kind (aber keine Zwillinge) zur Welt gebracht hatten. „17 Frauen war es gelungen, unsere Empfehlung umzusetzen und weniger als fünf Kilogramm zuzunehmen. Das war fast ein Drittel der Gruppe”, berichtet sie. „Die übrigen 41 schafften das nicht, sie bildeten die Vergleichsgruppe.” Im Median lag die Gewichtszunahme bei 3,7 kg (-4,7 bis +5 kg) vs. 12,1 kg (5,5 bis 25,5 kg).

Tatsächlich hatten die Kinder der adipösen Diabetikerinnen, die wenig zunahmen, ein geringeres Geburtsgewicht: Der Z-Score (der bei einem „perfekten” Geburtsgewicht gleich null wäre), betrug minus 0,44, verglichen mit  plus 0,84 in der Kontrollgruppe. „Die absolute Abweichung vom Z-Score war in der Gruppe mit wenig Gewichtszunahme geringer, also günstiger”, erläuterte Mathiesen die Bedeutung der Studienergebnisse.

Der Anteil der LGA-Kinder betrug 12% vs. 39%, andererseits gab es 18% vs. 10% SGA-Kinder [4]. Für Mathiesen ist das kein Grund zur Sorge, sie sieht in der Empfehlung von nur 0 bis 5 kg Gewichtszunahme für adipöse Diabetikerinnen weiterhin den besten Kompromiss.

„Empfehlen
würde ich eine Gewichtsabnahme in der Schwangerschaft aber nicht.“
Prof. Dr. Elisabeth R. Mathiesen

Die Frage, wie eine adipöse Schwangere mit manifestem Diabetes es schafft, weniger als 5 kg zuzunehmen, sieht Kautzky-Willer eher gelassen, Medscape Deutschland erklärt sie: „Das fällt den Frauen gar nicht so schwer, zum einen, weil sie genügend Reserven haben, zum anderen, weil sie in der Schwangerschaft hochmotiviert und meist gut geschult sind.”

Auch für Frauen mit Gestationsdiabetes und für adipöse Schwangere, die noch keinen Diabetes entwickelt haben, ist es laut Kautzky-Willer wichtig, auf ihr Gewicht zu achten. Neben einer angepassten Ernährung setzt sie vor allem auf ein Bewegungsprogramm, das idealerweise schon vor der Konzeption beginnen sollte.

Referenzen

Referenzen

  1. 50th Annual Meeting, European Association for the Study of Diabetes (EASD), 15. bis 19. Sept. 2014, Wien
    http://www.easdvirtualmeeting.org/users/2474
  2. Persson M, et al: BMJ Open 2012;2(1):e000601
    http://dx.doi.org/10.1136/bmjopen-2011-000601
  3. Glinianaia SV, et al: Diabetologia 2012; 55(12):3193-3203
    http://dx.doi.org/10.1007/s00125-012-2721-z
  4. Asbjornsdottir B, et al: Diabetes Care 2013; 36(5):1102-1106
    http://dx.doi.org/10.2337/dc12-1232

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Mathiesen ER, Kautzky-Willer A:
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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