Anamorelin wirkt anabol: Mehr Appetit und Gewichtszunahme bei fortgeschrittenem Bronchialkarzinom

Dr. Susanne Heinzl | 29. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

„Anorexie und Kachexie gehören
bei Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen zu den Symptomen, die die Kranken
selbst und ihre Angehörigen am stärksten belasten.“
Dr. Jennifer Temel

Madrid – Der Ghrelin-Rezeptoragonist Anamorelin bessert Appetit und Körpergewicht bei anorektischen und kachektischen Krebspatienten mit fortgeschrittenem Bronchialkarzinom. Dies ist das Ergebnis der Phase-3-Studien ROMANA 1 und 2, das beim ESMO-Kongress der European Society of Medical Oncology, der ESMO 2014, in Madrid vorgestellt worden ist [1].

„Anorexie und Kachexie gehören bei Patienten mit fortgeschrittenen Krebserkrankungen zu den Symptomen, die die Kranken selbst und ihre Angehörigen am stärksten belasten“, erläuterte Dr. Jennifer Temel aus dem Massachusetts General Hospital in Boston, USA, auf der Konferenz in Madrid. Patienten mit fortgeschrittenem Bronchialkarzinom leiden unter den Symptomen des Anorexie-Kachexie-Syndroms wie Verlust von Gewicht und Muskelmasse, Fatigue, Schwäche und Appetitlosigkeit besonders häufig.

Für Prof. Dr. Florian Strasser vom schweizerischen Kantonsspital St. Gallen sind die Ergebnisse vielversprechend. Erstmals lägen Daten aus 2 placebokontrollierten, doppelblinden Phase-3-Studien vor, die einen konsistenten Effekt auf unterschiedliche Komponenten des Anorexie-Kachexie-Syndroms zeigten, sagte der Vorsitzender der Arbeitsgruppe Palliativpflege der ESMO in Madrid.

Weitere Untersuchungen müssten nun klären, ob der Anstieg der Muskelmasse auch von einer Zunahme des Körperfetts begleitet werde. Dies wäre dann ein Hinweis darauf, dass die Patienten bei verbessertem Appetit auch Reserven aufbauen können. Eine Substanz, die den Appetit so stimulieren könne, dass mehr Muskelmasse aufgebaut werde und mehr Fettreserven angelegt werden könnten, wäre nach Aussage von Strasser ein deutlicher Fortschritt.

Anamorelin steigert die anabolen Ghrelin-Effekte

Mit Anamorelin befindet sich ein oral applizierbarer, selektiver Ghrelin-Rezeptoragonist in klinischer Prüfung, der die Wirkung des Peptids Ghrelin potenziert. Ghrelin wird vor allem in den Epithelzellen des Magenfundus gebildet. Das gastrointestinale Hormon hat vielfältige Wirkungen im Organismus. Es ist unter anderem an der Steuerung von Hunger- und Sättigungsgefühlen beteiligt. Anamorelin kann die Ghrelineffekte verstärken und auf diese Weise den Appetit ankurbeln und eine anabole Wirkung entfalten.

„Wenn wir ein sicheres und verträgliches Arzneimittel zur Verfügung haben,
mit dem … Anorexie und Kachexie gebessert werden können, wird dies einen deutlichen Effekt auf die Patienten und ihre Angehörigen haben.“
Dr. Jennifer Temel

In den beiden von dem Hersteller Helsinn finanzierten Phase-3-Studien ROMANA 1 (484 Teilnehmer) und 2 (495 Teilnehmer) wurden nun Wirksamkeit und Verträglichkeit von Anamorelin auf das Anorexie-Kachexie-Syndrom bei Patienten mit nicht resezierbarem Bronchialkarzinom im Stadium III oder IV untersucht. Randomisiert wurden die Teilnehmer über 12 Wochen mit 100 mg Anamorelin pro Tag oder mit Placebo behandelt.

In der ROMANA-1-Studie stieg bei den Patienten der Anamorelin-Gruppe die Lean Body Mass (Körpergewicht minus Speicherfett = Magermasse) innerhalb von 3 Monaten um 1,1 kg, während sie in der Placebo-Gruppe um 0,44 kg fiel. Die Anamorelin-Patienten nahmen im Mittel 2,2 kg an Gewicht zu, die Placebo-Patienten um 0,14 kg. Die Anorexie-Kachexie bedingten Symptome besserten sich unter Anamorelin, der Appetit nahm zu. Die häufigsten unerwünschten Wirkungen waren Hyperglykämie und Übelkeit.

Ähnliche Ergebnisse wurden in der ROMANA-2-Studie gefunden. Das Körpergewicht stieg unter Anamorelin im Mittel um 0,95 kg, unter Placebo sank es um 0,57 kg. „Wenn wir ein sicheres und verträgliches Arzneimittel zur Verfügung haben, mit dem die sehr stark beeinträchtigenden Symptome von Anorexie und Kachexie gebessert werden können, wird dies einen deutlichen Effekt auf die Patienten und ihre Angehörigen haben“, kommentierte Temel die Ergebnisse.

Referenzen

Referenzen

  1. European Society of Medical Oncology / Annual Meeting (ESMO 2014): 26. bis 30. September 2014, Madrid
    http://www.esmo.org/Conferences/ESMO-2014-Congress
  2. Temel J, et al: s. [1] Abstract 1483O_PR
    http://www.esmo.org/Conferences/ESMO-2014-Congress/Press-Media/Anamorelin-Shown-to-Improve-Appetite-and-Body-Mass-in-Patients-with-Cancer-Anorexia-Cachexia

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Susanne Heinzl
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Temel J, Strasser F: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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