Mit Software gegen Spastik: Videospiele für Kinder mit Zerebralparese

Petra Plaum | 29. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Leipzig – Ein Mädchen im Grundschulalter springt vor dem Fernseher hin und her, ihre Bewegungen steuern ein animiertes Boot durch den Fluss. Jungen trainieren an Fitnessgeräten, erklimmen Kletterwände. Alle diese Kinder leiden an schwerwiegenden Erkrankungen wie infantiler Zerebralparese, spinaler Muskelatrophie oder Osteogenesis imperfecta.

„Die Aktivität
des Kindes steht
im Mittelpunkt,
das Lernen durch Probieren. Motivation spielt eine große Rolle, das Spiel dient als Medium und die Therapeuten sind Animateure.“
Dr. Wolfgang Deppe

Wie sie dennoch mittels solcher Geräte und Spiele beachtliche Fortschritte erzielen, wurde auf dem Symposium „Innovationen in der Rehabilitation“ deutlich. Es fand auf dem Kinderärztekongress statt, als interdisziplinäre Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), dem Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland (BeKD) und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie (GKJR) [1].

Die Botschaft: Hieß es für Therapeuten früher meistens „Hands on“, also den Patienten stützen und bewegen, lautet die Devise nun immer öfter „Hands off“. Dr. Wolfgang Deppe, Chefarzt des Neurologischen Rehabilitationszentrums für Kinder und Jugendliche Klinik Bavaria in Kreischa, drückte es so aus: „Die Aktivität des Kindes steht im Mittelpunkt, das Lernen durch Probieren. Motivation spielt eine große Rolle, das Spiel dient als Medium und die Therapeuten sind Animateure.“

Studien belegen: Videospiel und Krafttraining machen selbstständiger

„Heute weiß
man, dass das dynamische Training die motorischen Funktionen positiv beeinflusst.“
Prof. Dr. Eckhard Schönau

Wissenschaftliche Belege für die Wirksamkeit solcher Therapieansätze, speziell für Kinder mit Zerebralparese, präsentierte Prof. Dr. Eckhard Schönau, der Leiter der Abteilung für Pädiatrische Endokrinologie, Stoffwechselstörungen und Osteologie in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsklinik Köln.

Eine Metaanalyse spricht für das Krafttraining: Ideal sind demnach 3 wöchentliche Trainingseinheiten von je 40 bis 50 Minuten. Jüngere Kinder profitieren stärker als ältere [2]. Krafttraining, aber auch Physiotherapie mit Vibrationsunterstützung stärken die Muskeln von Kindern mit Zerebralparese effektiver als zum Beispiel die spezifische Vojta-Physiotherapie [3]. Gleichgewicht und Alltagsfähigkeiten von Schulkindern bessern sich beim Einsatz von Videospielsystemen wie der XBox 360 Kinect, die die Bewegungen der Spieler auf die des Spielhelden überträgt [4].

2 bis 3 von 1.000 Neugeborenen haben eine Zerebralparese, die meisten weisen eine Spastik auf. Früher habe man bei den Patienten ein Gerätetraining vermieden, wie Schönau kritisch anmerkte: „Da hieß es, nein, die Muskeln sind doch schon so kräftig. Aber heute weiß man, dass das dynamische Training die motorischen Funktionen positiv beeinflusst.“

„Wichtig ist,
dass man bis
zur Ermüdung trainiert.“
Prof. Dr. Eckhard Schönau

Auf eigenen Beinen dank Laufband und Vibrationsplatte

Schönau zeigte auch ein Reha-Programm, das auf Kinder mit Zerebralparese oder anderen Erkrankungen mit Bewegungseinschränkungen zugeschnitten ist. Die Intervallrehabilitation „Auf die Beine“ der Universitätsklinik Köln und der angegliederten UniReha GmbH beinhaltet stationäre Phasen und Trainingsphasen im Elternhaus.

In das Training integriert sind unter anderem robotergestützte Laufbänder, andere Fitness-Geräte, das speziell für die Reha entwickelte MOTOmed-System und Galileo-Vibrationsplatten: MOTOmed sind motorbetriebene Bewegungstrainer für Arme, Oberkörper und Beine, die sich auch für Rollstuhlfahrer eignen. Die Vibrationen bei Galileo sorgen dafür, dass Übungen stärker wirken, das Kind sein Gleichgewicht besser hält und Muskeln schneller aufgebaut werden.

Der Elternteil, der sein Kind auf die Station begleitet, lernt, wie er es später daheim beim Training unterstützen kann – auch die Vibrationsplatte steht zuhause zur Verfügung. „Wichtig ist, dass man bis zur Ermüdung trainiert“, hob Schönau hervor – und das gelinge besser, wenn ein Kind sein Training möge.

61% der Kinder, die „Auf die Beine“ bislang absolviert haben, sind Zerebralparetiker. Eine Studie zeigt, wie 355 Patienten von dem Programm profitiert haben: Ob beim Krabbeln, Stehen oder Gehen – die Kinder haben signifikante Fortschritte erzielt, die bis zum Ende des Beobachtungszeitraums von 12 Monaten erhalten blieben [5].

Zwei vielversprechende Reha-Ansätze für Kinder mit Hemiparese

Neuigkeiten gab es auf dem Symposium auch für Ärzte, die mit einer Subgruppe der Zerebralparetiker zu tun haben, den unilateral beeinträchtigten Patienten. Sie lernten 2 innovative Rehabilitationsansätze für diese Kinder und Jugendlichen kennen. Der erste heißt CIMT, was für Constraint-Induced Movement Therapy steht. Hier werden die nicht beeinträchtigte Hand und der dazugehörige Arm vorübergehend ruhiggestellt.

„Fast alle unilateral-spastischen Kinder mit Zerebralparese lernen laufen, dennoch stehen im Mittelpunkt der Physiotherapie und des ärztlichen Interesses meist die unteren Extremitäten“, berichtete Deppe, an dessen Klinik ein kid-CIMT-Programm speziell für Kinder ab 3 Jahren angeboten wird. Wenn Therapeut und Patient den paretischen Arm und dessen Hand vernachlässigten, verkümmerten beider Fähigkeiten. Das stehe einer späteren Selbstständigkeit im Leben entgegen.

Beim kid-CIMT wird der bislang benutzte Arm mit einem umgearbeiteten Gilchristverband immobilisiert, und dies für mehrere Stunden am Tag, über 3 Wochen hinweg. Die Therapeuten motivieren ihre jungen Patienten, den paretischen Arm und die paretische Hand für alles zu nutzen. Sie greifen so wenig wie möglich ein, ihre Aufgabe liegt eher im Coachen, Ermuntern und positiven Verstärken.

Jedes Kind wird soweit möglich selbst aktiv, zum Beispiel beim Essen, Bauen, Basteln, Stemmen, Stützen und Turnen. Am Ende der Übungen steht der Transfer zu Tätigkeiten, für die es beide Hände und Arme braucht. Ein Highlight des insgesamt mindestens vierwöchigen Programms kann das Erklimmen einer Kletterwand sein.

Programm für Patienten mit Spiegelbewegungen ausgezeichnet

Kletterwand-Fotos gab es auch vom neuen Programm, das ein Team der Schön-Klinik Vogtareuth – Klinik für Neuropädiatrie, Neurologische Rehabilitation und Epilepsiezentrum für Kinder und Jugendliche – entwickelt hat. Anders als kid-CIMT ist es ein bimanuelles Trainingsprogramm und wendet sich an jene Kinder und Jugendlichen mit kongenitaler Hemiparese, deren paretische Hand Spiegelbewegungen zeigt.

„Unserer Erfahrung nach sind Kinder mit Spiegelbewegungen deutlich eingeschränkter
als Kinder ohne Spiegelbewegungen.“
Prof. Dr. Martin Staudt

Prof. Dr. Martin Staudt, Chefarzt der Klinik, erläuterte: „Wenn die gesunde Hand gesteuert wird, wird die paretische Hand mitgesteuert. Unserer Erfahrung nach sind Kinder mit Spiegelbewegungen deutlich eingeschränkter als Kinder ohne Spiegelbewegungen.“ Um Verpackungen zu öffnen oder Flaschendeckel aufzudrehen, brauchen sie länger als jene, die nur mit einer Hand arbeiten – die paretische Hand stört, wenn sie automatisch die Bewegungen der gesunden Hand imitiert.

In Vogtareuth sollen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene im Alter zwischen 4 und 20 Jahren in Kleingruppen den koordinierten Umgang mit beiden Händen einüben. Auch hier spielen Sport und der Spaßfaktor Hauptrollen. Mehrere Studien belegen, dass bimanuelle ebenso wie CIMT-Trainings das Potenzial haben, den Patienten signifikant voranzubringen [6, 7].

Staudt und sein Team aus Ärzten, Physio- und Ergotherapeuten bekamen für die Etablierung ihres Programms auf dem Leipziger Kongress den Versorgungspreis der Stiftung „Kindness for Kids“, einer Stiftung für Kinder mit seltenen Erkrankungen.

Referenzen

Referenzen

  1. 110. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin, 11. bis 14. September 2014, Leipzig
    Veranstaltung der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), dem Berufsverband Kinderkrankenpflege Deutschland (BeKD) und der Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie (GKJR): „Innovationen in der Rehabilitation“, 13.09.2014
    http://dgkj2014.de
  2. Park EY, et al: Res Dev Disabil. 2014; 35(2):239-249
    http://dx.doi.org/10.1016/j.ridd.2013.10.021
  3. Novak I, et al: Dev Med Child Neurol. 2013; 55(10):885-910
    http://dx.doi.org/10.1111/dmcn.12246
  4. Luna-Oliva L, et al: Neurorehabilitation 2013; 33(4):513-521
    http://dx.doi.org/10.3233/NRE-131001
  5. Stark C, et al: Monatsschr Kinderheilk. 2013; 161(7):625-632
    http://dx.doi.org/10.1007/s00112-013-2910-y
  6. Deppe W, et al: Clin Rehabil. 2013; 27(10):909-920
    http://dx.doi.org/10.1177/0269215513483764
  7. Sakzewski L, et al: Arch Phys Med Rehab. 2011; 92(4):531-539
    http://dx.doi.org/10.1016/j.apmr.2010.11.022

Autoren und Interessenkonflikte

Petra Plaum
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schönau E, Deppe W, Staudt M: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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