Sport gegen Parkinson und Multiple Sklerose – „egal wie alt und krank“

Gerda Kneifel | 18. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Frankfurt/M – Neurodegenerative Erkrankungen lassen sich mit Bewegungstherapie zwar nicht heilen, aber der Verlauf lässt sich deutlich verzögern. Das zeigen neue Ergebnisse zur Bewegungstherapie bei Parkinson, aber auch bei Multipler Sklerose, die auf dem Deutschen Sportärztekongress  2014 vorgestellt worden sind [1].

„Die wesentliche Botschaft ist: Bewegung steht in der Mitte einer mehrsäuligen Behandlung“, formulierte es PD Dr. Daniela Berg, Zentrum für Neurologie der Universitätsklinik Tübingen in Bezug auf Parkinson. Und Prof. Dr. Jürg Kesselring, Chefarzt des Rehabilitationszentrums Klinik Valens, Schweiz, sagte: „Multiple Sklerose ist Thema auf jedem Neuro-Kongress. Ich bin sehr dankbar, dass es nun auch in der Sportmedizin auftaucht.“

„Multiple Sklerose
ist Thema auf jedem Neuro-Kongress. Ich bin sehr dankbar, dass es nun auch in der Sportmedizin auftaucht.“
Prof. Dr. Jürg Kesselring

Parkinson zählt zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen in Europa. In Deutschland sind rund 300.000 Menschen betroffen, berichtete Berg. Es zeigen sich aufgrund eines Mangels an Dopamin im Gehirn zunächst Defizite beim Gehen und in der Feinmotorik. Im Krankheitsverlauf werden die Bewegungen dann immer langsamer und kleiner, Gleichgewichtsdefizite und Gehunsicherheit und damit verbunden Sturzgefahren nehmen zu – Symptome, die sich durch Medikamente kaum behandeln lassen.

Auch ein krankes Gehirn kann noch lernen

„Die Erkrankung ist verbunden mit viel Unsicherheit und einer veränderten Körperwahrnehmung. Die Patienten haben eine verkürzte Schrittlänge, sie schlucken weniger und sprechen leiser“, so Berg. Das Ziel der Therapie ist daher unter anderem, die verlernten „großen Bewegungen“ zu trainieren – und das regelmäßig, denn die falsche Körperwahrnehmung schleicht sich immer wieder ein.

Es müssen genau die Abläufe trainiert werden, die nicht mehr richtig funktionieren. Daher sind Geh- und Balanceübungen ein wichtiger Bestandteil der täglichen Parkinson-Therapie. Im fortgeschrittenen Stadium kommt es dann immer häufiger zu Bewegungsblockaden (Freezing), die durch sensorische Hinweisreize, so genanntes Cueing, wie etwa das Antippen des Fußes oder auch Lichtreize, gelöst werden können. Physiotherapie, Kraft- und Ausdauertraining helfen dabei, diesen Ablauf zu verlangsamen.

Dass bestimmte Bewegungen irgendwann überhaupt nicht mehr möglich sind, sollte trotzdem nicht dazu führen, dass die Physiotherapie diesen Bereich ausklammert. „Die Menschen verlernen bestimmte Bewegungsschleifen, während andere wunderbar funktionieren. Weil aber eine bestimmte Bewegung nicht geht, trauen sie sich bald gar nichts mehr“, erläutert Berg das Dilemma.

Zudem hätten Versuche an Mäusen, bei denen eine Körperseite durch künstlichen Dopaminmangel unbeweglich gemacht wurde und deren „gesunde“ Seite eingegipst wurde, gezeigt, dass die Tiere, die unter Dopaminmangel leidende Seite bewegen können: „Das Gehirn hatte sozusagen gar keine Chance, krank zu sein“, erläuterte Berg. Ob das auf Menschen übertragbar ist? „Das menschliche Gehirn kann lernen, egal wie alt und wie krank es ist“, so ihr Fazit.

Nervenzellen bilden bei Parkinson-Patienten zwar weniger leicht neue Verknüpfungen, aber sie werden dennoch gebildet. Das zeigt unter anderem eine Untersuchung in Tübingen, bei der Parkinson-Patienten 3 Monate lang Nordic Walking ausübten. Die Kernspin-Aufnahmen vorher und nachher belegten eine deutliche Aktivierung des Kleinhirns, also einer Hirnregion, die nicht direkt in das Krankheitsgeschehen involviert ist. „Es zeigt, dass auch bei Menschen mit Parkinson das Gehirn neue Strategien zu entwickeln vermag, um Aufgaben zu lösen. Das ist das Geheimnis der Neuroplastizität und Kompensation.“

„Je früher mit Bewegung und
Sport begonnen
wird, desto besser. Zur Parkinson-Therapie aber gehört es wie das Frühstück zum Start in den Tag.“
PD Dr. Daniela Berg

Sport passt in jedes Krankheitsstadium

Ob nun aber Sport oder doch Medikamente die besser Wahl sind, sei bei der Behandlung die falsche Frage, so Berg: „Man kann nicht ohne Öl im Motor, also ohne Dopamin trainieren. Auf der anderen Seite vergessen viele Kollegen bei gut eingestellten Parkinson-Patienten jedoch immer wieder Sport und Bewegungstherapien. Ohne Bewegung verliert das Gehirn die Kontrolle über den Körper. Die Patienten müssen immer wieder aufs Neue lernen, große Bewegungen zu machen. Dieses Wissen sollte aus der Sportmedizin in die Neurologie herübergetragen werden.“

Auf die Frage, wann man bei Parkinson am besten mit Sport beginnt, antwortete Berg: „Erst wenn über 50 Prozent der Dopamin produzierenden Nervenzellen abgestorben sind, zeigen sich die ersten Symptome. Das heißt, wir sind sehr spät dran mit der Diagnose. Sport passt also in jedes Krankheitsstadium.“ Hinzu komme, dass schon mäßiger Sport, wenn er im mittleren Lebensalter zwischen 35 bis 39 Jahren begonnen wird, das Risiko für Parkinson um bis zu 40% reduzieren kann. „Es gibt also mehrere wesentliche Botschaften: Je früher mit Bewegung und Sport begonnen wird, desto besser. Zur Parkinson-Therapie aber gehört es wie das Frühstück zum Start in den Tag.“

Sinn der Therapie ist dabei nicht nur die motorische Aktivität, sondern auch die Lebensfreude und sozialen Komponenten, die etwa mit dem Gruppentraining verbunden sind, zu steigern. Eine neuere argentinische Studie habe gezeigt, dass die kognitive Leistung von Patienten deutlich gesteigert werden konnte, wenn sie Tango tanzten. „Es spielt eben nicht nur die Bewegung eine Rolle, sondern auch der Spaß, der damit verbunden ist. Freude übt einen zusätzlichen Effekt aus und aktiviert das Gehirn sehr viel stärker“, erläuterte Berg. „Wenn wir in die Therapie auch Lebensfreude und Lebenssinn integrieren, dann können wir unseren Patienten substanziell helfen.“

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Referenzen

  1. 45. Deutscher Sportärztekongress, 12. bis13. September 2014, Frankfurt/Main
    http://dgsp.de/kongress
  2. Mostert S, Kesselring J: Mult Scler.2002;8(2):161-168
    http://dx.doi.org/10.1191/1352458502ms779oa 

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Berg D, Kesselring J: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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