Sparpotenzial: Verzicht auf stationäre zugunsten ambulanter Versorgung wirkt als Kostenbremse

Ute Eppinger | 16. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Würden Patienten bundesweit mehr ambulant und weniger stationär behandelt, ließen sich jährlich 2 Milliarden Euro sparen. Das ist das Fazit einer Studie von Wissenschaftlern des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Versorgung (Zi) in Berlin [1].

Thomas Czihal und seine Kollegen haben die Arbeitsteilung zwischen niedergelassenen Ärzten und Krankenhäusern in Landkreisen und kreisfreien Städten untersucht. Das Team identifizierte bundesweit 21 Kreisregionen (5%) mit vorbildlicher Arbeitsteilung, die so genannten „Best-Practice-Regionen“. Diese bieten nicht nur eine gute medizinische Versorgung, sie sparen auch Geld. Die aktuelle Studie ist im Versorgungsatlas veröffentlicht. Der Versorgungsatlas – ein Angebot des Zi – nimmt speziell regionale Unterschiede in der medizinischen Versorgung und deren Ursachen unter die Lupe [2].

Best-Practice-Regionen finden sich in acht Bundesländern

Gemeinsames Merkmal der „Best-Practice-Regionen“: Dort gibt es mehr niedergelassene Ärzte pro 100.000 Einwohner als im Bundesdurchschnitt und eine unterdurchschnittliche Zahl von Krankenhausbetten. In den 21 „Best-Practice-Regionen“ entsprach die ambulante Versorgung mindestens dem Bundesdurchschnitt oder lag darüber, die Rate der stationären Behandlungen war dagegen unterdurchschnittlich.

Diese Konstellation gilt als Merkmal hoher Versorgungsqualität. Bei den als Best Practice identifizierten Regionen handelt es sich um Regionen mit sehr unterschiedlichen strukturellen Gegebenheiten, mehrheitlich aber um städtisch geprägte Regionen, so die Autoren. Unterschiede bestünden vor allem in der Versorgungsstruktur, der Qualität der Versorgung und in den ökonomischen und soziodemographischen Rahmenbedingungen.

In einigen dieser „Best-Practice-Regionen“ lag die ambulante Versorgung 13% über dem Bundesdurchschnitt und die stationäre Versorgung 15% unter dem Bundesdurchschnitt. In diesen Regionen leben insgesamt 11 Millionen Menschen. „Es kann also von einer relevanten Referenzgröße ausgegangen werden“, schreibt Czihal.

Mit insgesamt 7 „Best-Practice-Regionen“ ist Baden-Württemberg Spitzenreiter, gefolgt von Niedersachsen mit 5 und von Bayern und Hessen mit jeweils 2 vorbildlichen Regionen. In Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern stimmt das Verhältnis zwischen ambulanter und stationärer Versorgung in den Städten Leipzig und Rostock. Auch in den Stadtstaaten Berlin und Hamburg ist es positiv.

„Der regionale Vergleich vermittelt uns greifbar, welches ambulante Potenzial heute schon realisiert wird. Das können andere Regionen nachmachen.“ meint Dr. Dominik Graf von Stillfried, Geschäftsführer des Zi und einer der Studienautoren.

„Der regionale Vergleich vermittelt uns greifbar, welches ambulante Potenzial heute schon realisiert wird. Das können andere Regionen nachmachen.“
Dr. Dominik Graf von Stillfried

Weniger Best-Practice-Regionen auf dem Land

Keine Best-Practice-Regionen fanden sich hingegen „in ländlichen Regionen mit schlechter allgemeiner Infrastruktur und schlechter medizinischer Infrastruktur. Auffällige Regionen sind z.B. Westfalen-Lippe oder Sachsen-Anhalt“, erklärt von Stillfried auf Nachfrage von Medscape Deutschland.

Er warnt aber vor Verallgemeinerungen: „Ein hoch ausgeschöpftes ambulantes Potenzial findet sich auch in Kreisregionen, die hinsichtlich der Rahmenbedingungen eher untypisch sind, z.B. in Neubrandenburg und Bad Doberan, Chemnitz oder Wesermarsch in Niedersachsen.“ Diese Regionen wiesen einen niedrigen Urbanitätsgrad und eine eher belastete Sozialstruktur auf. „Es scheint also weniger allein auf die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und mehr auf die Förderung der ambulanten Versorgung und die Struktur der medizinischen Arbeitsteilung vor Ort anzukommen“, vermutet von Stillfried.

Simulationsdaten zeigen: Vorfahrt für ambulante Behandlung spart Milliarden

Um abschätzen zu können, welche ökonomischen Auswirkungen das Ausmaß der Arbeitsteilung zwischen ambulant und stationär auf die Gesundheitskosten bis 2020 hat, simulierten Czihal und Kollegen 2 Szenarien. In Szenario 1 ermittelten sie die Auswirkungen auf die Kosten, wenn alles beim Alten bliebe. In Szenario 2 wurden die Konsequenzen simuliert, wenn in allen Regionen Deutschlands das Verhältnis zwischen ambulanter und stationärer Versorgung der in den Best-Practice-Regionen entspräche. Das Resultat: Beim Status-Quo-Szenario lägen die Ausgaben im Jahr 2020 4 Milliarden höher als heute, beim „Best-Practice“-Szenario nur 2 Milliarden.

Welche Kostenunterschiede zwischen ambulanter und stationärer Behandlung bei Patienten mit identischer Symptomatik bisweilen klaffen, haben Forscher der University of Michigan um Dr. Keith Kocher herausgefunden [3]. Kocher und Team haben untersucht, welche finanziellen Folgen es hat, wenn ein Patient mit nicht lebensbedrohlicher Erkrankung in der Notaufnahme ambulant behandelt wird, ein anderer Patient mit identischer Erkrankung hingegen nach der Notfallbehandlung auf die Station gelegt wird. „Allein diese Unterschiede in der Entscheidung ob solche Patient stationär behandelt werden, verursachen Extrakosten von fünf Milliarden Dollar in den USA im Jahr“, schätzen die Studienautoren.

Höhe der Einsparungen hängt davon ab, wie schnell gehandelt wird

„Je früher eine Orientierung an
den Best-Practice-Regionen stattfindet, desto größer der Einspareffekt.“
Dr. Dominik Graf von Stillfried

„Die vorgestellten Simulationsrechnungen können als Bestätigung der These verstanden werden, dass eine zunehmende „Ambulantisierung“ der Medizin die zu erwartenden Kostenanstiege aufgrund des demographischen Wandels mildern kann“, schreibt Czihal. Klar ist aber auch: „Ob eine solche Reduktion der demografisch bedingten Mehrkosten erreicht werden kann, hängt davon ab, wie schnell Krankenhausbehandlungen durch ambulante Behandlungen ersetzt werden. Je früher eine Orientierung an den Best-Practice-Regionen stattfindet, desto größer der Einspareffekt“, erklärt von Stillfried.

Fazit der Autoren: Die Förderung der ambulanten vertragsärztlichen Versorgung, zu der auch ermächtigte Krankenhausärzte oder Medizinische Versorgungszentren gehören, sollten besonders unterstützt werden. Darüber hinaus müsste der Strukturwandel in den Krankenhäusern begonnen werden, gut ausgebaute ambulante Pflegestrukturen, Sozialdienste, eine gute Verkehrsinfraktruktur, Mobilität der Patienten durch Fahrdienste oder Taxi, eine gute Erreichbarkeit von Apotheken, Sanitätshäusern, Physiotherapeuten und Ergotherapeuten gewährleistet sein, zählt von Stillfried auf. „Analysieren müssten wir dazu auch die Relevanz funktionierender familiärer und sonstiger sozialer Unterstützungsstrukturen.“

Referenzen

Referenzen

  1. Czihal T, et al: Arbeitsteilung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung, 8.9.2014
    http://www.versorgungsatlas.de/fileadmin/ziva_docs/53/Bericht_Arbeitsteilung_VA-53-2014_final_NEU.pdf
  2. Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland: Versorgungsatlas. Die medizinische Versorgung – regional betrachtet
    http://www.versorgungsatlas.de
  3. Amber K, et al: Health Aff 2014; vol. 33 no. 9 1655-1663
    http://dx.doi.org/10.1377/hlthaff.2013.1318

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Czihal T, von Stillfried D, Kocher K: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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