Leichte Verletzung, schwere Folgen: Schädel-Hirn-Traumata beim Kind

Petra Plaum | 16. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Leipzig Selbst leichte Schädel-Hirn-Traumata (SHT) können bisweilen epileptische Anfälle, Schmerzattacken und Verhaltensänderungen nach sich ziehen. Warum dies Ärzten, Sanitätern und vor allem Eltern deutlicher vor Augen geführt werden muss, war Thema auf der 110. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin [1].

„Das Schwierige ist, dass man nicht absehen kann, welches Kind sich nach der Verletzung wie entwickelt“, hob der Diplom-Psychologe Rainer John vom Interdisziplinären Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) der Charité in Berlin im Gespräch mit Medscape Deutschland hervor. Manch ein initial schwerverletztes Kind erhole sich komplett, während einige aus medizinischer Sicht zunächst unkomplizierte Fälle schwerwiegende Folgen haben.

Schädel-Hirn-Traumata gibt es vor allem bei Kindern und Jugendlichen häufig – die Inzidenz wird für Personen unter 16 Jahre auf jährlich 581 pro 100.000 Einwohner geschätzt. Die Schwere des Schädel-Hirn-Traumas bestimmen Experten mithilfe der Glasgow-Koma-Skala (GCS): Die Ärzte oder Sanitäter vergeben für das Augenöffnen, verbale Antworten und motorische Antworten der Patienten Punkte. Je höher die Punktzahl, desto besser das Ergebnis. Werte zwischen 3 und 8 repräsentieren ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit mehrstündigem Koma, Werte zwischen 13 und 15 ein leichtes SHT – mehr als 90% aller Patienten gehören in diese Kategorie [2].


Prof. Dr. Hans-Georg Dietz

Prof. Dr. Hans-Georg Dietz, Leitender Oberarzt für Kindertraumatologie und Kinderurologie an der Kinderchirurgischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums München, wies in Leipzig darauf hin, dass 63% der vom leichten SHT Betroffenen das Symptom Benommenheit aufweisen und 55% sich erbrechen. Auch eine kurze Bewusstlosigkeit komme häufig vor. „Mit der GCS-Skala kann man die Schwere des Schädel-Hirn-Traumas leicht und sicher bestimmen“, betonte er.

Aber: Nicht an jedem Unfallort und in jeder Klinik wird der GCS-Wert ermittelt, hielt John fest. Außerdem könne selbst eine Commotio cerebri mit einem GCS von 15 mit einem langen Leidensweg für Betroffene assoziiert sein.

Banaler Unfall, dramatische Konsequenzen

John erwähnte ein Beispiel aus dem Sozialpädiatrischen Zentrum, einen 13-Jährigen mit besonders banaler Unfallursache. Beim Hinsetzen war ihm der Stuhl weggezogen worden. Nach 2 Tagen Beobachtung in der Klinik durfte der Schüler nach Hause. Als er 2 Wochen später Kopfschmerzen entwickelte, sich müde und benommen fühlte, fanden sich noch keine Auffälligkeiten in der Kernspintomografie.

Nach 2 Monaten ging es dem Gymnasiasten indes immer noch schlecht, die Eltern stellten ihn im SPZ vor. Nun litt er zudem unter allgemein gedrückter Stimmungslage sowie Reizbarkeit und hatte schon viel Unterricht versäumt. Neurologische und internistische Untersuchungen blieben ohne Befund, Denk- und Sprachvermögen erwiesen sich als unbeeinträchtigt.

„Eine neue Studie sieht selbst nach
einer Commotio cerebri ein erhöhtes Anfallsrisiko.“
Prof. Dr. Ulrich Brandl

Der Junge erhielt die Diagnose postkommotionelles Syndrom – dieses betrifft einer Untersuchung zufolge mehr als jeden 10. jungen Patienten mit einem GCS-Wert von 13 bis 15 in den 3 Monaten nach dem SHT [3]. Nur bei wenigen Betroffenen persistieren die Symptome. Bei dem Jungen, von dem John berichtete, sind nach 9 Monaten noch Beeinträchtigungen vorhanden, wenn auch in abgeschwächter Form.

Schmerztagebuch und Bedarfsmedikation linderten den Kopfschmerz, was noch half, war eine Lesehilfe. Zusätzlich gestaltete die Familie den Alltag so um, dass der Junge weniger Stressfaktoren im Alltagsleben hat. Auch von einer Psychoedukation und Physiotherapie profitierte er bereits, weitere Schritte sind in Planung. Seine Prognose ist gut, betonte John. Aktuell jedoch gilt: Der Sturz hat das Familienleben gravierend verändert.

Erhöhtes Anfallsrisiko auch nach leichtem SHT

Dies gilt erst recht, wenn ein Kind nach einem Trauma epileptische Anfälle entwickelt. Diese sind zwar vor allem mit dem schwerem SHT assoziiert, doch im Symposium betonte Prof. Dr. Ulrich Brandl, Direktor der Neuropädiatrie der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Jena: „Eine neue Studie sieht selbst nach einer Commotio cerebri ein erhöhtes Anfallsrisiko.“ In die Studie waren 238 Kinder und Jugendliche einbezogen, von denen 172 die Diagnose Gehirnerschütterung erhalten hatten. Insgesamt 26 (10,9%) der Patienten erlitten mindestens einen Anfall, 14 von diesen hatten die Diagnose Commotio cerebri erhalten [4]. Als mögliche Ursache könnten laut Brandl minimale Blutungen infrage kommen.

„Bei Kindern
mit leichtem SHT braucht es nur bei posttraumatischen Auffälligkeiten
ein EEG.“
Prof. Dr. Ulrich Brandl

Von einer prophylaktischen Medikation, um Anfällen vorzubeugen, riet Brandl ab. Es gelte jedoch, die Epilepsie schnell zu identifizieren und adäquat zu behandeln. Bei Frühanfällen binnen 7 Tagen nach dem SHT sei der aktuellen Studienlage nach die Prognose gut, mit Phenytoin und Levetiracetam intravenös könne weiteren Anfällen oft vorgebeugt werden. Eine Langzeitmedikation sei so meistens unnötig. Anders bei Spätanfällen, diesen folgten meist weitere Anfälle und sie müssten oft lange, manchmal lebenslang behandelt werden.

Auch nach einem leichten Schädel-Hirn-Trauma sollten Ärzte also reagieren, wenn ein Patient veränderte kognitive Funktionen zeige, empfahl Brandl. Bei Kindern mit schwerem SHT, die ein hohes Epilepsierisiko aufweisen, sei das Elektroenzephalogramm (EEG) immer angebracht. „Bei Kindern mit leichtem SHT braucht es nur bei posttraumatischen Auffälligkeiten ein EEG“, sagte der Neuropädiater.

„Ein Schädel-Hirn-Trauma bekommen kleine Kinder, weil sie vom Wickeltisch fallen, größere Kinder eher im Straßenverkehr oder beim Sport.“
Prof. Dr. Hans-Georg Dietz

Die Rolle der Eltern nicht unterschätzen

John bedauerte, dass Kinder mit postkommotionellem Syndrom relativ selten den Weg in ein SPZ finden – das Bewusstsein, dass man diesen Kindern helfen kann, und zwar am besten interdisziplinär, müsse noch wachsen. Ärzte seien auch gefordert, um die Eltern für das Thema zu sensibilisieren: Manche nehmen die Diagnose Gehirnerschütterung noch auf die leichte Schulter, andere bemerken lange nicht, wenn ihr Kind sich im Empfinden und Verhalten verändert.  

Der Familie und dem sozialen Umfeld kommt John zufolge eine große Rolle zu, was die Chancen für Kinder und Jugendliche nach jeder Art eines SHT betreffe. Sie sind es allerdings auch, die manch einen Unfall verhindern können.

Dietz nannte in der Pressekonferenz die wichtigsten Ursachen für SHT in den frühen Lebensjahren: „Ein Schädel-Hirn-Trauma bekommen kleine Kinder, weil sie vom Wickeltisch fallen, größere Kinder eher im Straßenverkehr oder beim Sport.“ Aufmerksamkeit kann das Risiko vermindern, ebenso ein guter Kindersitz beim Autofahren. „Und natürlich sollen Kinder sich bewegen, so viel sie wollen! Nur mit dem Fahrrad oder beim Skifahren bitte mit Helm.“

Referenzen

Referenzen

  1. DGKCH Herbsttagung und DGKJ-Kongress 2014, 11. – 14. September 2014, Leipzig
    http://www.sessionplan.com/dgkj2014
  2. AWMF (Hg.): S2k-Leitlinie (Stand 13.02.2011)
    http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/024-018l_S2k_Schaedel-Hirn-Trauma_im_Kindesalter-2011-03.pdf
  3. Barlow KM, et al: Pediatrics 2010;126(2):e374-e381
    http://dx.doi.org/10.1542/peds.2009-0925
  4. Petridis AK, et al: Clin Pract 2012;2(3):164-167
    http://dx.doi.org/10.4081/cp.2012.e66

Autoren und Interessenkonflikte

Petra Plaum
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Brandl U, HG Dietz, John R: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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