Nach Splenektomie ist trotz Sepsisgefahr kaum jemand ausreichend geimpft

Ute Eppinger | 12. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Die Milz ist der größte Lymphknoten des menschlichen Körpers, filtert das Blut und schützt vor Bakterien und Viren. Mehr als 80.000 Menschen in Deutschland müssen ohne Milz leben. Zwar ist seit über 50 Jahren bekannt, dass solche Patienten gefährdet sind, schwer verlaufende bakterielle Infektionen (Overwhelming Post Splenectomy Infection, OPSI) zu entwickeln, doch die Studienlage dazu war bislang dürftig und veraltet.


Prof. Dr. Ulrich Fölsch

Ein aktueller Zwischenbericht der SPLEEN OFF Studie an 183 deutschen Intensivstationen bestätigt jetzt: Nach einer Splenektomie steigt das Risiko einer lebensbedrohlichen Infektion [1]. Was die Studie noch offenbart: Nicht einmal jeder zehnte unter den Splenektomierten ist ausreichend gegen Pneumokokken geimpft, obwohl eines der zentralen Abwehrorgane gegen diese Bakterien fehlt.

Jährlich muss in Deutschland in rund 8.000 Fällen die Milz entfernt werden, meist als Folge von Unfällen oder Krebs. „Die meisten Patienten erholen sich zwar schnell von einer Splenektomie“, sagt Prof. Dr. Ulrich Fölsch, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) aus Kiel [2]. Fölsch fügt hinzu: „Sie können aber nur dann ein normales Leben führen, wenn sie sich vor Infekten wirksam schützen.“ Die DGIM weist darauf hin, dass nur 20% der Menschen ohne Milz ausreichend geimpft sind. Sie nimmt den Welt-Sepsis-Tag am 13. September 2014 zum Anlass, auf diese Versorgungslücke hinzuweisen.

Essenziell: Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae

„Die meisten Patienten erholen
sich zwar schnell von einer Splenektomie. Sie können aber nur dann ein normales Leben führen, wenn sie sich vor Infekten wirksam schützen.“
Prof. Dr. Ulrich Fölsch

Die DGIM rät zu Impfungen gegen Pneumokokken, Meningokokken und Haemophilus influenzae. „Insbesondere Pneumokokken können bei splenektomierten Patienten schwerste Verläufe von Lungen- und Hirnhautentzündungen hervorrufen, die überproportional häufig zu einer schweren Sepsis und Kreislauf- und Organversagen führen“, erläutert Fölsch. Der Körper reagiert auf die Bakteriengifte mit einer heftigen Entzündungsreaktion.

Eine solche Sepsis kann lebensbedrohlich verlaufen, am Ende versagen sämtliche Organe. Zu einem Multiorganversagen kommt es bei 3 bis 5% der Patienten, bestätigt Prof. Dr. Winfried Kern, Leiter der Abteilung Infektiologie am Universitätsklinikum Freiburg und Leiter der SPLEEN OFF Studie. „Verläuft die Infektion so schwer, stirbt die Hälfte der Patienten an dieser Komplikation“, so Kern.

Splenektomierte Sepsispatienten: Nur 9% gegen Pneumokokken geimpft

In SPLEEN OFF wird jeder Patient mit ambulant erworbener schwerer Sepsis bzw. bei septischem Schock bei Aufnahme auf die Intensivstation auf eine Splenektomie gescreent. Als Hinweise gelten die Anamnese, Arztbriefe, eine Operationsnarbe am linken Oberbauch, Zufallsbefunde im Ultraschall oder in der Computertomografie. Im Rahmen der initialen Sepsisdiagnostik wird dann neben 2 Blutkulturpaaren zusätzlich Serum, EDTA-Blut und Urin abgenommen.

„Insbesondere Pneumokokken können bei splenektomierten Patienten schwerste Verläufe von Lungen- und Hirnhaut-
entzündungen hervorrufen.“
Prof. Dr. Ulrich Fölsch

Eine Analyse der Krankenakten von 52 Patienten ohne Milz mit schwerer Sepsis hatte dabei ergeben, dass die meisten von ihnen keinen ausreichenden Impfschutz hatten: „Nur neun Prozent waren in den letzten fünf Jahren gegen Pneumokokken geimpft worden“, berichtet Kern, der auch der Task Force Infektiologie der DGIM angehört. Bei einem Drittel der Patienten waren Pneumokokken die Verursacher der schweren Sepsis. „Eine Impfung hätte wohl viele Erkrankungen und damit auch Todesfälle verhindert“, ist sich der Experte sicher.

DGIM empfiehlt Notfallpass

Der Impfstoff gegen Pneumokokken sei in den letzten Jahren verbessert worden, auch die Impfungen gegen Meningokokken und Haemophilus influenzae seien hoch wirksam und gut verträglich für Patienten ohne Milz, betont Kern. Die Impfungen erfolgen in der Regel 14 Tage nach der Splenektomie, ist der Eingriff geplant, sollte bereits 14 Tage vor der Operation geimpft werden.

„Nur neun Prozent waren in den letzten fünf Jahren gegen Pneumokokken geimpft worden.“
Prof. Dr. Winfried Kern

Wichtig ist, die Impfungen gegen Pneumokokken und Meningokokken regelmäßig auffrischen zu lassen. Die DGIM rät Menschen ohne Milz auch zur jährlichen Grippeimpfung, da eine Virusgrippe oft den Boden für eine bakterielle Lungenentzündung bereite. „Da es sich um Risikopatienten handelt, sollte zudem ein Notfallpass verfügbar sein, in dem die Milzentfernung eingetragen ist – und dieser Ausweis sollte auch immer mitgeführt werden“, ergänzt Fölsch. Dies könne lebensrettend sein.

Referenzen

Referenzen

  1. Asplenie-Net: Spleen Off Studie
    http://asplenie-net.org/spleen-off
  2. Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) zum Welt-Sepsis-Tag 13.9.2014
    DGIM sieht Versorgungslücke im Impfschutz:
    Blutvergiftung für Menschen ohne Milz besonders gefährlich
    http://www.dgim.de/portals/pdf/Presse/20140910_Home%20PM%20DGIM%20Weltsepsistag.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Ute Eppinger
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Fölsch U, Kern W: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.