Nicht nur Stress: Den „funktionellen Bauchschmerz“ beim Kind verstehen und behandeln

Petra Plaum | 12. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Leipzig – Was tun, wenn Kinder immer wieder oder anhaltend über starke Bauchschmerzen klagen und sich die Beschwerden keiner organischen Ursache zuordnen lassen? Dann sollte der Arzt von mehreren Auslösern ausgehen – und nicht resignieren, wenn er keine eindeutige Ätiologie findet. Denn auch für funktionelle Beschwerden ohne identifizierbare Ursache gibt es inzwischen vielversprechende Therapieansätze.

„Wenn ein noch
nicht diagnostiziertes Gilbert-Meulengracht-Syndrom vorliegt, …wird es dem Kind unter Umständen übel, gerade weil es nichts gegessen hat.“
Dr. Thomas Schneider

So lautet das Fazit eines Symposiums zu chronischem Bauchschmerz auf der 110. Jahrestagung der Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Leipzig, deren Vorsitz PD Dr. Friedrich Ebinger von der Deutschen Schmerzgesellschaft hat. Medscape Deutschland sprach vor dem Kongress mit den Referenten.

Gastrointestinale Schmerzen zählen bei Kindern und Jugendlichen zu den häufigsten Beschwerden. Im Alter zwischen 3 und 10 Jahren ist Bauchweh das häufigste Schmerzsymptom, gefolgt von Kopfschmerz. Bei den 11- und 17-Jährigen ist es dann umgekehrt: Am häufigsten ist Kopfschmerz, aber Schmerzen im Magen-Darm-Bereich liegen auf Platz 2. [2].

Die Ursachensuche kann manchmal dauern. Der Grund: „Viele kleine Faktoren können sich zu einem großen Problem addieren“, erläutert Dr. Thomas Schneider, Kindergastroenterologe mit eigener Praxis in Hamburg:

Nicht immer ist es die Nahrungsunverträglichkeit schuld

Woran Pädiater in solchen Fällen häufig denken, sind Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Dann gilt es auszuprobieren, inwieweit der Verzicht auf bestimmte Speisen und Getränke die Symptome lindert. Doch kann dies neue Probleme verursachen: „Was, wenn ein  Kind mit Verdacht auf Fruktosemalabsorption und Histaminunverträglichkeit nicht mehr frühstückt, weil es Schmerzen fürchtet, aber ein noch nicht diagnostiziertes Gilbert-Meulengracht-Syndrom vorliegt? Dann wird es dem Kind unter Umständen übel, gerade weil es nichts gegessen hat.“

Tatsächlich ist das Gilbert-Meulengracht-Syndrom, eine meist ungefährliche Störung des Bilirubinstoffwechsels, nicht selten Ursache gastrointestinaler Beschwerden bei Kindern. Diese erbliche Anomalie findet sich bei  2 bis 12% aller Deutschen [3]. Symptomatisch werden Betroffene oft erst, wenn sie Diät halten, fasten oder nüchtern bleiben.

Gallensteine, die man zwar bei manchem Kind auch findet, sind dagegen meist eher nicht die Ursache wiederholter Bauchschmerzen. Schneider berichtet von einer jugendlichen Patientin: Sie kam ein Jahr nach einer Gallensteinoperation, die ihre chronischen Bauchschmerzen nicht lindern konnte, in seine Praxis. Auch eine Psychotherapie hatte nicht geholfen. Schließlich erhielt das Mädchen 2 Diagnosen: Morbus Meulengracht und Laktoseintoleranz. Eine Nahrungsumstellung – sowie das Gefühl, endlich ernst genommen zu werden – halfen schließlich.


Dr. Martin Claßen

Funktionelle Bauchschmerzen – oft eine Familiensache

Bei manchem Kind oder Teenager findet sich jedoch trotz akribischer Suche überhaupt keine Erkrankung oder Unverträglichkeit. Nach Schätzungen haben nur 10 bis 15% aller chronischen, d.h. länger als 3 Monate anhaltenden oder immer wiederkehrenden Bauchschmerzen bei Kindern organische Ursachen [4]. „Früher kamen viele Ärzte zu dem Schluss, dass der Patient sich die Schmerzen einbilde und zum Psychiater oder zum Psychologen gehen sollte“, kritisiert Gastroenterologe Dr. Martin Claßen. Der Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Links der Weser in Bremen stellt klar, dass wer einfach nur Stress als Auslöser für funktionelle Bauchschmerzen annimmt, es sich zu einfach macht.

„Wir wissen inzwischen, dass diesen Schmerzen oft Infekte vorausgehen“, erklärt Claßen. Auf die Erfahrung von Schmerz folgt dann die Erwartung desselben – und dessen dauerhafte Wahrnehmung. Er erinnert auch an das Konzept der viszeralen Hypersensitivität – manche Menschen nehmen normale Darmbewegungen als belastend wahr. Dies kommt in manchen Familien gehäuft vor. Im Übrigen neigen viele, die funktionelle Bauchschmerzen haben, auch zu Kopfschmerzen.

„Wir wissen inzwischen, dass diesen Schmerzen oft Infekte vorausgehen.“
Dr. Martin Claßen

Ärzte benötigen vor allem Einfühlungsvermögen, etwa für die Ansprache der Eltern: „Ihr Kind hat glücklicherweise keine schwerwiegende Erkrankung, bildet sich die Schmerzen aber auch nicht ein.“ Besser als Medikamente wirkt oft eine Verhaltenstherapie, etwa in Form einer Patientenschulung für Eltern und Kinder. Das zeigt nicht nur die Erfahrung im Klinikum Links der Weser in Bremen, das belegen inzwischen auch mehrere internationale Studien [5, 6].

Mit Stress und Schmerz umzugehen, lässt sich trainieren

Den Inhalt solcher Schulungsprogramme erläutert Prof. Dr. Angelika A. Schlarb von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld. „Die Eltern und Kinder erhalten Antworten auf Fragen wie: Wie funktioniert das Verdauungssystem? Warum kann es zu Schmerzen kommen? Was kann Stress dazu beitragen?“ Die eigene Prädisposition zu Schmerzen und Ängstlichkeit, individuelle Stressoren und die Abläufe im Familienleben werden hinterfragt.

Das Ganze ist altersgerecht konzipiert – einige Programme eignen sich schon für Fünfjährige. Die Patienten trainieren unter anderem Entspannungstechniken. Die Eltern erfahren, wie sie mit den Beschwerden ihres Nachwuchses umgehen und an welchen Stellschrauben sie drehen können, damit Stressoren reduziert und ungünstige Muster im familiären Miteinander aufgelöst werden.

„Lässt ein Kind
sich dagegen
immer wieder
wegen Schmerzen
aus dem Unterricht abholen, sind organische Ursachen wahrscheinlich.“
Dr. Thomas Schneider

Schlarb berichtet: „Bei den Kindern, die nach der Schulung regelmäßig üben, sehen wir nach vier Wochen bereits eine deutliche Reduktion der Stunden mit Schmerzen und der Fehltage in Kindergarten und Schule. Und wir sehen eine Steigerung der Lebensqualität.“ Über einen längeren Zeitraum seien weitere Verbesserungen zu beobachten.

Schulungsprogramme für Patienten mit funktionellen Bauchschmerzen und deren Eltern werden in sozialpädiatrischen Zentren, bei niedergelassenen Psychotherapeuten und in Kliniken angeboten – allerdings noch nicht flächendeckend.

Alle Referenten plädieren dafür, anhaltende und wiederkehrende Bauchschmerzen beim Kind und Jugendlichen ernst zu nehmen. Dies gilt auch, wenn die jungen Patienten etwa nach einer Schulung und vorübergehenden Besserung mit Beschwerden wiederkommen. Dann gilt es erneut nach Ursachen zu fahnden – vielleicht ist es diesmal ja eine Appendizitis.

Schließlich hat Schneider hat noch einen Tipp für die Differentialdiagnose: „Will ein Kind morgens der Bauchschmerzen wegen regelmäßig nicht in die Schule, sind selten organische Ursachen schuld am Schmerz. Lässt ein Kind sich dagegen immer wieder wegen Schmerzen aus dem Unterricht abholen, sind organische Ursachen wahrscheinlich.“

Referenzen

Referenzen

  1. Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin: DGKJ-Kongress 2014, 11. bis 14. September 2014, Leipzig
    http://www.sessionplan.com/dgkj2014
  2. Ellert U, et al: Bundesgesundheitsblatt 2007;50(5-6):711-717
    http://dx.doi.org/10.1007/s00103-007-0232-8
  3. Mitteldeutscher Praxisverbund Humangenetik (Hg.) Informationen zu Morbus Meulengracht Stand 2013 (online)
    http://www.genetik-dresden.de/node/80
  4. Kulmer U, et al: Monatsschr Kinderheilkd. 2012;160(1):32-39
    http://dx.doi.org/10.1007/s00112-011-2512-5
  5. Levy RL, et al: JAMA Pediatr 2013;167(2):178-184
    http://dx.doi.org/10.1001/2013.jamapediatrics.282
  6. Van der Veek: Pediatrics 2013;132(5):e1163-1172
    http://dx.doi.org/10.1542/peds.2013-0242

Autoren und Interessenkonflikte

Petra Plaum
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Claßen M, Schneider D: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schlarb A: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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