Eine Überdosis Sport: Zuviel Training steigert das Sterberisiko von Herzinfarktpatienten

Susanne Rytina | 4. September 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Für Menschen, die einen Herzinfarkt erlitten haben, ist moderater Sport unbestritten die beste Medizin. Doch es gibt auch eine Überdosis Sport – eine Schwelle, die nicht überschritten werden sollte, weil sonst das Sterberisiko steigt. Dieser Umschlagpunkt lässt sich offenbar recht genau bestimmen und liegt bei 7,2 MET-Stunden pro Tag (Metabolic Equivalent Task), wie US-Kardiologen in einer prospektiven Studie mit Joggern und Walkern, die einen Herzinfarkt überlebt haben, herausgefunden haben.

Jenseits dieser Schwelle stieg die Sterberate an ischämischen Herz-Erkrankungen auf das 2,6-fache an. Die aktuelle Studie liefert „unseres Wissens die ersten Daten zu einem statistisch signifikanten Anstieg des kardiovaskulären Risikos in den höchsten Trainingsbereichen.“ So schreiben die Autoren Dr. Paul T Williams vom Lawrence Berkeley National Laboratory in Kalifornien und Dr. Paul Thompson vom Hartford Hospital in Conneticut in ihrer Publikation. Die Untersuchungsergebnisse werden in der nächsten Ausgabe der Mayo Clinic Proceedings veröffentlicht und sind bereits vorab online erschienen [1].


Prof. Dr. Martin Halle

„Das sind neue, interessante Ergebnisse, weil sie einen Schwellenwert definieren“, sagt Prof. Dr. Martin Halle, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin der Technischen Universität München (TUM). Die Grenze für Sportler mit vorgeschädigtem Herzen liege demnach bei einer Stunde moderatem Jogging am Tag, erklärt Halle. 

Das „Metabolic Equivalent of Task“ (MET)-Instrument wird benutzt, um den Energieverbrauch verschiedener Aktivitäten zu vergleichen. Es beschreibt dabei dem Umsatz von 3,5 ml Sauerstoff pro Kilogramm Körpergewicht pro Minute. 1 MET entspricht laut Halle ungefähr dem Ruhezustand, auf 6 MET kommt man mit langsamem Jogging und 10 MET mit schnellem Jogging. 7,2 MET-Stunden täglich entsprechen demnach einem Energieaufwand von ungefähr 50 Kilometer Jogging pro Woche oder schnellem Walking über 75 Kilometer pro Woche.

Ausgeklügelte Methodik, um den Schwellenwert zu finden

Insgesamt ereigneten sich in der US-Studie 526 Todesfälle, davon 376 aufgrund einer kardiovaskulären oder damit assoziierten Erkrankung.  Von den 2.377 Teilnehmern der Studie trainierten 136 Personen (6%) mehr als 7,2 MET-Stunden pro Tag – in dieser Gruppe traten 14 Todesfälle auf. Bei den 654 Personen mit weniger als 1,1 MET (27%) gab es 30 Todesfälle. Aufgrund der niedrigen absoluten Zahl an Todesfällen in den intensivsten Trainingsbereichen seien jedoch Verzerrungen der Ergebnisse nicht auszuschließen, warnt Halle.

„Das sind neue, interessante Ergebnisse, weil sie einen Schwellenwert definieren.“
Prof. Dr. Martin Halle

Er fasst das Ergebnis in eigenen Worten so zusammen „Je mehr Sport, desto besser – dieser lineare Zusammenhang trifft eben nur bis zu einem bestimmten Grenzwert zu.“ Außerdem war in der Studie weder der positive Effekt, noch der negative einer Überdosis davon abhängig, ob gewalkt oder gejoggt wurde – in den Gruppen der Walker und der Jogger waren die Ergebnisse nicht signifikant verschieden.

Couchpotatos haben das höchste Mortalitätsrisiko

Auf keinen Fall solle man aus der Studie ableiten, dass körperliches Training ein Fehler sei. „Couchpotatos haben ein noch höheres Risiko als diejenigen, die sich zu viel bewegen“, stellt Halle klar. Der Grund für die höhere Mortalität innerhalb der Gruppe, die sich am intensivsten sportlich betätigt, bleibt laut Williams und Thompson unklar. Ob es tatsächlich auf ein Zuviel an Training zurückzuführen ist, ist unklar. Es ließ sich zeigen, dass in dieser Gruppe kardiovaskuläre Risikofaktoren, etwa erhöhtes Cholesterin, sogar geringer ausgeprägt waren. Halle geht davon aus, dass sich Störungen der Mikrozirkulation bei hoher Blutdruckbelastung sowie eine Erweiterung der rechten Herzkammer negativ auswirken.

Die aktuelle US-Studie findet Bestätigung durch eine deutsche Studie, die vor kurzem in der Fachzeitschrift „Heart“ erschienen ist. Auch hier untersuchten die Forscher um Dr. Ute Mons von der Abteilung für Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg den Dosis-Wirkungs-Effekt erschiedener Aktivitätsstufen auf die Prognose in einer Kohorte von 1.038 Menschen mit koronarer Herzerkrankung [2].

„Je mehr Sport, desto besser – dieser lineare Zusammenhang trifft eben nur bis zu einem bestimmten Grenzwert zu.“
Prof. Dr. Martin Halle

Hauptautorin Mons verweist auf frühere Studien, die bereits darauf hingedeutet haben, dass der Zusammenhang zwischen körperlicher Betätigung und Herzinfarkt nicht linear ist. Doch fehlten dazu bislang Langzeitbeobachtungen. In der ebenfalls auf 10 Jahre angelegten deutschen Studie hatten diejenigen, die sich am wenigsten bewegten, ein doppelt so hohes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall und ein 4-fach höheres Mortalitäts-Risiko wie die moderat aktiven Teilnehmer. Aber auch hier verdoppelte sich bei denjenigen, die sich extrem sportlich betätigten, die Wahrscheinlichkeit, an einem Myokardinfarkt oder Schlaganfall zu sterben, im Vergleich zu den moderat Trainierenden.

Unterschiedliche Teilnehmer – aber ähnliche Befunde

„Der Unterschied zur US-Studie liegt in unserer Selektion der Teilnehmer“, erklärt Mons gegenüber Medscape Deutschland. „Wir haben auf Personen zurückgegriffen, die wir aus Reha-Kliniken rekrutiert haben. Williams und Thompson griffen auf Sportler- und Walker-Kohorten zurück und suchten die heraus, die per Selbstauskunft einen Herzinfarkt angegeben hatten. „Das Interessante ist, dass die Befunde sehr ähnlich sind, obwohl sich die Teilnehmer unterscheiden.“

Die US-Studie lege darüber hinaus mit dem Metabolischen Äquivalent (MET) eine bessere Messung der körperlichen Aktivität vor. Eine Limitation der Studie liege allerdings darin, dass es sich um Selbstauskünfte der Teilnehmer handele, obwohl, wie auch Williams und Thompson betonten, falsche Angaben bei einem gravierenden Erlebnis wie einem Herzinfarkt wohl selten sein sollten.

Halle fällt in der US-Studie, die auch die Medikamenten-Einnahme als Variable erfasste, zudem auf, dass die Jogger, die sich mehr als 7,2 MET-Stunden pro Tag anstrengten, die wenigsten Medikamente nahmen – nur 23% verwendeten blutdrucksenkende Mittel und nur 29% Cholesterinsenker. Unabhängig vom Fitnessgrad ist aber auch für Sportler nach einem Herzinfarkt die Einnahme eines Cholesterinsenkers ein Muss. Halle: „Es muss natürlich auch zusätzlich eine gute Revaskularisation gewährleistet werden, so dass alle Gefäße offen sind.“

Meta-Analyse: Topp-Athleten leben länger

„Couchpotatos haben ein noch höheres Risiko als diejenigen, die sich zu viel bewegen.“
Prof. Dr. Martin Halle

Dass auch Extremsport nicht unbedingt ungesund sein muss, belegt eine spanische Meta-Analyse von 10 Kohortenstudien, die gleichzeitig in den Mayo Clinic Proceedings veröffentlicht worden ist. Sie ergab, dass frühere Topathleten länger leben als die Allgemeinbevölkerung und niedrigere Mortalitätsraten für kardiovaskuläre Erkrankungen haben sowie seltener an Krebs erkranken [3].

Die Analyse schloss über 42.000 Topathleten aus unterschiedlichen Sportarten wie American Football, Baseball und Radfahren ein. Die Schlussfolgerung der Autoren um Dr. Nuria Garatachea von der Universität Saragossa und ihren Kollegen: Auch frühere sehr intensive sportliche Betätigung hat keinen negativen Effekt auf die Langlebigkeit.

Allerdings bemängeln Dr. James H. O’Keefe vom Saint Luke’s Mid America Heart Institut der Universität von Missouri-Kansas City und seine Mitautoren im Editorial gewisse methodische Mängel der Meta-Analyse [4]. Einer davon: Es seien viele unterschiedliche Sportarten untersucht worden, einige davon erforderten keine intensiven anaeroben Anstrengungen, die für das kardiale Risiko bei einer Überdosis Sport eine Rolle spielen könnten.

Zudem seien professionelle Sportler meist jung, in den 20ern. In diesem Lebensalter aber sind das kardiovaskuläre System und andere Organe eher resilient gegen den Stress selbst intensivster körperlicher Betätigung. Viele professionelle Athleten reduzieren ihre Trainingsintensität, wenn sie sich vom Sport zurückziehen. Zudem ernährten sich viele Top-Sportler gesundheitsbewusst und rauchen nicht. Doch, so O’Keefe, müsse man dank der Studie, zumindest nicht befürchten, dass hochintensive körperliche Belastung bei jüngeren Topathleten widrige Effekte auf die Lebenserwartung habe.

„Extreme körperliche Belastungen wie ein Marathon-Lauf sollten vor allem für Sportler, die eine koronare Vorgeschichte haben, tabu sein.“
Prof. Dr. Martin Halle

Auf das richtige Maß kommt es an

„Extreme körperliche Belastungen wie ein Marathon-Lauf sollten vor allem für Sportler, die eine koronare Vorgeschichte haben, tabu sein, weil sie mit erhöhten Entzündungsreaktionen einhergehen und  Stress für die Gefäße bedeuten“, betont der Kardiologe Halle. Er verweist auf  neue Daten aus den USA, nach denen wöchentliches regelmäßiges Laufen von insgesamt 50 Minuten mit einer Geschwindigkeit von 10 km/h ausreicht, um die Sterblichkeit zu reduzieren [5].

Unter dem Strich komme es auf das richtige Maß von körperlicher Betätigung an. Wenn sich Menschen mit kardialer Vorgeschichte moderat bewegten, könnten sie ihr Risiko enorm senken, wie es ansonsten kein Medikament bewirken könne. Aber – wie in vielen Bereichen des Lebens auch – sei eine Überdosis an körperlicher Betätigung ungesund, so Halle.

Referenzen

Referenzen

  1. Williams PT, et al: Mayo Clin Proc. (online)
    12. August 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/j.mayocp.2014.05.006
  2. Mons U, et al: Heart 2014;100(13):1043-1049
    http://dx.doi.org/10.1136/heartjnl-2013-305242
  3. Garatachea N, et al: Mayo Clin Proc. (online) 12. August 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/j.mayocp.2014.06.004
  4. O’Keefe J, et al: Mayo Clin Proc. (online) 12. August 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/j.mayocp.2014.07.007
  5. Lee DC, et al: J Am Coll Cardiol. 2014;64(5):472-481
    http://dx.doi.org/10.1016/j.jacc.2014.04.058

Autoren und Interessenkonflikte

Susanne Rytina
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Halle M, Mons U: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.