Mutiertes Polio-Virus: Erkrankt trotz Impfung

Inge Brinkmann | 27. August 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Es war nicht der einzige Poliomyelitis-Ausbruch der letzten Jahre, aber die Epidemie in der Republik Kongo im Jahr 2010 verlief außergewöhnlich schwer. 445 Menschen, meist junge Erwachsene, wurden nachweislich infiziert, 209 von ihnen starben. Überraschend erwies sich bei dem Ausbruch jedoch nicht nur die hohe Sterblichkeit. Bei nachfolgenden Befragungen von 149 Überlebenden erinnerte sich knapp die Hälfte der Patienten (49%) daran, die vorgeschriebenen 3 Impfdosen des oralen Polio-Impfstoffs (OPV) erhalten zu haben.

„Dieser Ausbruch widersprach damit dem bisherigen Lehrbuchwissen“, berichtet Prof. Dr. Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, im Gespräch mit Medscape Deutschland. Denn bislang galt die Impfung als hochwirksame Waffe gegen Kinderlähmung, auch weil man davon ausging, dass der Polio-Erreger – anders als etwa das Influenza-Virus – nicht mutieren und damit der Immunabwehr entgehen kann.

„Dieser Ausbruch widersprach damit dem bisherigen Lehrbuchwissen.“
Prof. Dr. Christian Drosten

Eine Fehleinschätzung, wie sich in der von Drosten geleiteten nachfolgenden Untersuchung zeigte. Die Ergebnisse des internationalen Wissenschaftlerteams sind kürzlich in den Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht worden [1].

Nachweis einer noch nie gesehenen Mutation

Durch Isolierung und Sequenzierung des Virus aus Proben von Menschen, die während der Epidemie im Kongo an Kinderlähmung gestorben waren, wies Drostens Team zunächst einen ursprünglich aus Mittelasien stammenden Virus-Wildtyp mit einer noch nie gesehenen Mutation der Oberflächenantigene nach.

Ob der mutierte Erreger dem Immunsystem aber tatsächlich entgehen kann oder ob nicht doch zu geringe Antikörpertiter bei den Menschen im Kongo für die Epidemie verantwortlich gewesen sein könnten, wurde anschließend mittels Neutralisationstests mit einem Impfvirus und dem mutierten Virus-Wildtyp überprüft.

Mögliche Infektionen trotz Impfschutz – auch bei deutschen Testpersonen

Neben Proben von im Kongo verstorbenen Infizierten (n=24) untersuchte Drostens Team auch Blutproben von Deutschen. „Wir wollten wissen, welche Folgen der – durchaus denkbare – Import eines solchen Virus nach Deutschland haben könnte“, erklärt Drosten das Vorgehen.

„Wir wollten wissen, welche Folgen der – durchaus denkbare – Import eines
solchen Virus
nach Deutschland haben könnte.“
Prof. Dr. Christian Drosten

So flossen in die Untersuchung auch 17 Proben aus Deutschland mit ein, die zur Abklärung eines Immunschutzes an das Nationale Referenzzentrum für Poliomyelitis am Robert Koch-Institut gesandt worden waren, sowie Blutproben von 34 deutschen Medizinstudenten.

Die Auswahl der Proben erfolgte nicht zufällig. Drosten: „Einen besseren Immunschutz als bei den Medizinstudenten findet man in keiner anderen deutschen Bevölkerungsgruppe.“ So sei zum einen davon auszugehen, dass die Studenten in ihrer Kindheit aufgrund der allgemeinen Impfempfehlungen die OPV erhalten hatten. Überdies wurden alle Studenten vor Beginn ihres Mikrobiologie-Praktikums erneut mit inaktivierter Polio-Vakzine (IPV) geimpft. Eine Kombination, die nach neuesten Daten den besten Immunschutz verspricht [2].

Umso beunruhigender erwiesen sich die Ergebnisse der Belastungstests. So ließ sich zwar in allen von Deutschen genommenen Proben ein Antikörpertiter gegen den Impfstamm von mindestens 1:8 nachweisen, welcher nach bisherigen Kenntnissen einen sicheren Schutz gegen die Poliomyelitis verspricht. Bei zumindest 5 Medizinstudenten (15%) und 5 der auf ihren Immunschutz untersuchten Deutschen (29%) musste man jedoch davon ausgehen, dass sie sich mit dem mutierten Wildtyp hätten infizieren können (Titer unter 1:8).

Zudem wiesen auch die Proben der im Kongo gestorbenen Infizierten fast durchgängig Impfstamm-Titer auf, die auf eine vorangegangene Immunisierung schließen lassen.

Was geschieht, wenn ein mutiertes Virus nach Deutschland importiert wird?

„Möglicherweise hat es solche Mutationen auch schon zuvor gegeben.“
Prof. Dr. Christian Drosten

Inwiefern sich diese Entdeckung auf das Risiko einer Polio-Epidemie in Deutschland oder auf das globale Poliomyelitis-Eradikationsprogramm der WHO auswirken könnte, lässt sich indes schwer vorhersagen. „Möglicherweise hat es solche Mutationen auch schon zuvor gegeben“, gibt Drosten zu bedenken, nur habe man sie vielleicht nicht bemerkt. So könne es einen Unterschied ausmachen, ob ein mutiertes Virus in einer Region auftaucht, in der der Polio-Wildtyp noch zirkuliert – und der Immunschutz der Bevölkerung dadurch quasi geboostert wird – oder ob der Wildtyp dort bereits eliminiert wurde (wie im Kongo).

Die gute Nachricht ist indes, dass eine interventionelle Impfung mit der oralen Vakzine die Polio-Epidemie im Kongo stoppen konnte. Eine Strategie, die gegebenenfalls auch in anderen Ländern Anwendung finden könnte, so Drosten. Vorausgesetzt die behördlichen Strukturen dafür seien vorhanden. „In Deutschland kann man zur Not auch Zwangsimpfungen durchsetzen“, sagt er. In einem Land wie Syrien, welches etwa aktuell vermehrt Fälle von Kinderlähmung meldet, sei dies ungleich schwerer.

Referenzen

Referenzen

  1. Drexler JF, et al: Proc Natl Acad Sci USA (online) 18. August 2014
    http://dx.doi.org/10.1073/pnas.1323502111
  2. Jafari H, et al: Science 2014; 345(6199):922-925
    http://dx.doi.org/10.1126/science.1255006

Autoren und Interessenkonflikte

Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Drexler JF: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Drosten C: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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