Länger leben mit Metformin – erneut schneiden Sulfonylharnstoffe bei Typ-2-Diabetes nicht so gut ab

Inge Brinkmann | 26. August 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Typ-2-Diabetiker, die mit dem Erstlinienmedikament Metformin behandelt werden, leben offenbar genauso lange, wenn nicht sogar etwas länger als Nicht-Diabetiker. So zumindest lautet das Fazit einer umfangreichen britischen Beobachtungsstudie eines Autorenteams um Prof. Dr. Craig J. Currie, School of Medicine, Cardiff University [1].

„Überraschenderweise deuten die Ergebnisse darauf hin, dass dieses preiswerte und verbreitete Diabetesmedikament nicht nur vorteilhaft für Diabetespatienten sein könnte, sondern auch für Personen ohne diese Erkrankung“, erklärte Currie anlässlich der Veröffentlichung der Ergebnisse im Fachblatt Diabetes, Obesity and Metabolism [2].

„Ethisch fragwürdige“ Verwendung von Sulfonylharnstoffen in der Nutzenbewertung


Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland

Für Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland, Leiter der I. Medizinischen Abteilung der Hamburger Asklepios Klinik St. Georg und Mediensprecher der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), ist dieser Aspekt durchaus interessant. Für ihn steht jedoch ein weiteres Ergebnis der Untersuchung von Currie und Kollegen im Vordergrund.

„Bei der Behandlung von Patienten mit Typ-2-Diabetes führte die Monotherapie mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe im Vergleich zu untherapierten Nicht-Diabetikern zu einem fast zweifach erhöhten und gegenüber mit Metformin behandelten Diabetikern zu einem etwa dreifach erhöhten Sterberisiko“, fasst der Diabetologe und Endokrinologe im Gespräch mit Medscape Deutschland das Ergebnis der Beobachtungsstudie zusammen.

„Dieses Ergebnis unterstützt die anhaltende Kritik der DDG an der Verwendung von Sulfonylharnstoffen als Vergleichssubstanzen bei der Bewertung des Zusatznutzens neuer Diabetes-Präparate“, betont Müller-Wieland.

Die für die Nutzenbewertung durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bzw. den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) herangezogene Vergleichssubstanz für die Bewertung neuer oraler Diabetes-Medikamente sei in aller Regel ein Sulfonylharnstoff, so Müller-Wieland. „Die DDG hat wiederholt kritisiert, dass hierdurch die Sulfonylharnstoffe als der ‚Goldstandard’ in der Therapie definiert werden, obgleich es zunehmend Hinweise dafür gibt, dass diese nicht nur zu Unterzuckerungen führen können, sondern mit einem erhöhten Risiko für Komplikationen des Herz-Kreislaufsystems und sogar Sterblichkeit verbunden sind.“

Der Hamburger Experte hält dies zumindest für ethisch fragwürdig. Insbesondere, da die Risiken der Sulfonylharnstoffe bei der Nutzenbewertung neuer oraler Diabetes-Medikamente gar nicht berücksichtigt würden.

Deutlich erhöhte Mortalität bei der Therapie mit Sulfonylharnstoffen

Für ihre Beobachtungsstudie verglichen Currie und Kollegen die Gesamtmortalität (primärer Endpunkt) von kürzlich diagnostizierten Typ-2-Diabetikern, die im Jahr 2000 entweder initial mit Metformin (n = 78.241) oder mit einem Wirkstoff aus der Gruppe der Sulfonylharnstoffe (n = 12.222) behandelt worden waren.

„Überraschenderweise deuten die Ergebnisse darauf hin, dass
dieses preiswerte
und verbreitete Diabetesmedikament nicht nur vorteilhaft für Diabetespatienten sein könnte, sondern auch für Personen ohne diese Erkrankung.“
Prof. Dr. Craig J. Currie

Darüber hinaus – und das unterscheidet die aktuelle Studie von vorherigen Untersuchungen – verglichen sie die jeweiligen Sterblichkeitsraten auch mit 2 u.a. nach Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand gematchten Kontrollgruppen von Nicht-Diabetikern. Die Beobachtungszeit endete entweder mit dem Tod eines Studienteilnehmers, spätestens 90 Tage nach einem Therapiewechsel oder 5,5 Jahre nach Aufnahme in die Studie.

Der Beobachtungszeitraum für die Studienteilnehmer betrug so im Durchschnitt 2,8 Jahre. Während der Studie dokumentierten die Autoren 7.498 Todesfälle, was einer Rate von 18,1 Todesfällen pro 1.000 Personenjahren entsprach.

Letztlich erwies sich die Sterblichkeitsrate der mit Sulfonylharnstoffen behandelten Diabetiker sowohl im Vergleich mit den Metformin-Patienten (50,9 vs 14,4 Todesfälle pro 1.000 Personenjahre) als auch gegenüber der gematchten Kontrollgruppe (50,9 vs 28,7 Todesfälle pro 1.000 Personenjahre) als deutlich erhöht.

Eine weitere aktuelle Studie, die amerikanische Forscher gerade in Diabetes Care veröffentlicht haben, untermauert das größere Risiko, das von Sulfonylharnstoffen ausgeht [3]. Die Wissenschaftler hatten Daten aus der Nurses‘ Health Study (NHS) analysiert und festgestellt, dass das relative Risiko (RR) für eine kardiovaskuläre Erkrankung unter Sulfonylharnstoffen erhöht war – und zwar umso mehr, je länger diese eingenommen wurden. Nach 10 und mehr Jahren war es doppelt so hoch (RR: 2,15) wie das der Diabetikerinnen, die keinen Sulfonylharnstoff verwendeten.

„Dieses Ergebnis unterstützt die anhaltende Kritik
der DDG an der Verwendung von Sulfonylharnstoffen als Vergleichs-
substanzen bei
der Bewertung des Zusatznutzens neuer Diabetes-Präparate.“
Prof. Dr. Dirk Müller-Wieland

Ist Metformin auch für Nicht-Diabetiker nützlich?

Als „überraschend“ beschreiben die Autoren um Currie das Ergebnis der mit Metformin behandelten Diabetiker im Vergleich zu den Nicht-Diabetikern. Denn die Sterblichkeitsrate der Typ-2-Diabetiker war sogar etwas geringer als die der gematchten Kontrollpersonen (14,4 vs 15,2 Todesfälle pro 1.000 Personenjahre, p = 0,054).

Ihre Ergebnisse unterstützen nach Ansicht der Autoren deshalb zum einen den weiteren Einsatz von Metformin als Erstlinienmedikation, deuteten aber gleichzeitig auch auf einen möglichen Nutzen von Metformin für Nicht-Diabetiker hin.

Müller-Wieland rät hier allerdings zur Zurückhaltung bei der Interpretation der Ergebnisse. „Der Metformin-Effekt ist zwar interessant, aber klein“, sagt er. Und gerade bei retrospektiven Beobachtungsstudien könne es leicht zu Verzerrungen kommen.

Hinweise auf solche Verzerrungen gebe es in der vorliegenden Studie zwischen den mit Metformin behandelten Patienten mit Diabetes und denjenigen, die keinen Diabetes hatten: „Trotz des Matchings unterschieden sich beide Gruppe in wesentlichen Punkten“, sagt der Hamburger Experte. So hätten die mit Metformin behandelten Patienten z.B. einen höheren Body-Mass-Index (BMI) aufgewiesen (32,4 vs 27,4 kg/m2) und auch häufiger Lipidsenker verordnet bekommen (50 vs 20%). Letztere wirken sich bekanntlich nachweislich günstig auf die Sterberate aus.

Trotzdem – sollten Ernährungs- und Lebensstilumstellungen nicht greifen, findet Müller-Wieland die Vorstellung „durchaus reizvoll“, Metformin bereits bei Patienten mit Diabetes-Vorstufen einzusetzen, um die Manifestation und damit vielleicht auch Diabeteskomplikationen hinauszuzögern. Für einen solchen Einsatz ist das Biguanid allerdings in Deutschland nicht zugelassen.

Referenzen

Referenzen

  1. Bannister CA, et al: Diabetes Obes Metab. (online) 31. Juli 2014
    http://dx.doi.org/10.1111/dom.12354
  2. Cardiff University: Pressemitteilung „Can people with type 2 diabetes live longer?”, 8. August 2014
    http://www.cardiff.ac.uk/news/articles/can-people-with-type-2-diabetes-live-longer-13395.html
  3. Yanping L, et al: Diabetes Care (online) 22. August 2014
    http://dx.doi.org/10.2337/dc14-1306

Autoren und Interessenkonflikte

Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Bannister CA: Erklärungen zu Interessenkonflikten finden sich in der Originalpublikation.

Müller-Wieland D: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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