17 Jahre mehr oder weniger – mit gesundem Lebensstil lässt sich viel Lebenszeit gewinnen

Petra Plaum | 14. August 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Beinahe 90 werden – und das ohne übermäßiges Fasten, mit ab und zu einem Drink. Wie das heute 40-Jährigen gelingen kann, zeigt die neue Kohortenstudie von Epidemiologen des Deutschen Krebsforschungszentrums in Heidelberg um Prof. Dr. Rudolf Kaaks, Leiter der EPIC-Studie Heidelberg. Das günstigste Risikoprofil und damit die größte Lebenserwartung hatten in der im Journal BMC Medicine erschienen Studie Nichtraucher mit einem Body-Mass-Index zwischen 22,5 und 24,9, die wenig Alkohol tranken, körperlich aktiv waren und wenig rotes Fleisch aßen [1].

Die Wissenschaftler errechneten unter anderem, um wie viele Jahre die Lebenserwartung von Menschen mit optimalem Risikoprofil von jenen mit allen erfassten gesundheitsschädlichen Lebensstilfaktoren abweicht. 17 Jahre Differenz ermittelten sie für Männer, 13,9 für Frauen [2].

„Oft werden wissenschaftliche Hinweise auf einen gesunden Lebensstil als erhobener Zeigefinger empfunden“, gibt Kaaks zu bedenken. „Deswegen ist es ganz wichtig, dass wir beziffern, was jeder Einzelne an Lebenszeit gewinnen kann, wenn er frühzeitig auf ungesunde Angewohnheiten verzichtet.“  

Um die Zusammenhänge von Lebensstil und Lebenserwartung zu berechnen, nutzten die Wissenschaftler die Daten von 22.469 Teilnehmern von EPIC (European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition). Seit 20 Jahren werden für EPIC Lebensstil- und Gesundheitsdaten von Menschen ab 40 ohne ernste Vorerkrankungen aus ganz Europa gesammelt – insgesamt nehmen mehr als 500.000 Personen an EPIC teil.

„Oft werden wissenschaftliche Hinweise auf einen gesunden Lebensstil als erhobener Zeigefinger empfunden.“
Prof. Dr. Rudolf Kaaks

Lebenszeit verraucht

Für gesund lebende Frauen ermittelten die Wissenschaftler eine Lebenserwartung von 88,7 Jahren, für Männer 87,5 Jahre. Dies sind allerdings extrapolierte Werte, da die meisten Teilnehmer der EPIC-Studie bislang noch am Leben sind. Bis zum Ende des Studienzeitraums für die vorliegende Analyse, dem 31. Dezember 2009, waren aus der Heidelberger Kohorte 1.040 Männer und 559 Frauen gestorben. Die bis dato ältesten Studienteilnehmer waren 82 Jahre alt.

Die Heidelberger Auswertung belegt einmal mehr: Rauchen raubt Männern wie Frauen statistisch gesehen die meisten Lebensjahre [2]. Mit mehr als 10 Zigaretten pro Tag büßt ein Mann im Durchschnitt 9,4 Lebensjahre ein, eine Frau immerhin 7,3. Ein Nikotinkonsum, von bis zu 10 Zigaretten täglich, kostet beide Geschlechter jeweils 5 Jahre.

Streitpunkt gesundes Gewicht

Wie aber lebt man rundum gesund? Ausreichend Bewegung ist wünschenswert, aber der Verzicht darauf verkürzt das Leben offenbar nicht signifikant, zeigen die Berechnungen der Heidelberger Wissenschaftler. Und das im Hinblick auf ein langes Leben ideale Gewicht liegt deutlich oberhalb dessen eines Fotomodells.

Männer, deren Body-Mass-Index (BMI) unter 22,5 liegt, sterben im Durchschnitt 3,5 Jahre früher, entsprechend schlanke Frauen 2,1 Jahre früher als Normalgewichtige. Adipositas schadet, statistisch gesehen, zumindest Männern weniger als das geringe Gewicht: Ein BMI über 30 kostet sie rein rechnerisch 3,1 Jahre (Frauen 3,2). Nicht behandlungsbedürftiges, leichtes Übergewicht ab einem BMI von 25 ist für Männer mit einer Reduktion der Lebenserwartung von 1,1 Jahren assoziiert.

Ob das weltweit gilt und mit welchem Gesundheitszustand das Gewicht allgemein korreliert, verrät diese Arbeit nicht. Hierzu liefert eine Kohortenstudie aus Großbritannien Daten, die gerade im Lancet publiziert wurde [3]. „Vorausgesetzt, der gefundene Zusammenhang ist kausal, resultieren 41 Prozent aller Fälle von Krebs der Gebärmutter und zehn Prozent oder mehr aller Fälle von Krebs der Gallenblase, Nieren, Leber und des Kolons aus Übergewicht“, betonen Dr. Krishnan Bhaskaran und seine Kollegen vom Department of Non-Communicable Diseases Epidemiology der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

„Vorausgesetzt,
der gefundene Zusammenhang
ist kausal, resultieren 41 Prozent aller Fälle von Krebs der Gebärmutter und zehn Prozent oder mehr aller Fälle von Krebs der Gallenblase, Nieren, Leber und
des Kolons aus Übergewicht.“
Dr. Krishnan Bhaskaran

Sie haben Daten von 5,24 Millionen Menschen, darunter 166.955 mit Krebs, ausgewertet und um Einflussfaktoren wie das Rauchen bereinigt. Für 10 Krebsarten zeigen sie nun einen Zusammenhang zwischen steigendem BMI und Krebsrisiko auf – und dies bereits ab einem BMI, der noch im oberen Bereich des Normalgewichts liegt.

Trinke in Maßen, spare mit Wurst

Nicht nur die Kalorienzufuhr insgesamt hat Einfluss auf die Lebenserwartung. Die Studienautoren von EPIC konnten aus den Daten auch einzelne Ernährungsgewohnheiten identifizieren, die sich auf die Lebensspanne auswirken. So hatten 0,6 bis 1,0 Alkoholeinheiten von je 12 g pro Tag auf die weiblichen Teilnehmerinnen der Heidelberger Studie einen leicht lebensverlängernden Effekt . Statistisch gesehen war dieser allerdings nicht signifikant.

Die Folgen eines hohen Alkoholkonsums (ab 4 Alkoholeinheiten à 12 Gramm) konnten für Frauen nicht ermittelt werden. Dieses Kriterium erfüllten zu wenige. Anders die Männer: Durch diesen hohen Alkoholkonsum, so die Autoren, leben sie 3,1 Jahre weniger als Wenig- oder Nichttrinker.

Auch der Verzehr von 120 oder mehr Gramm rotem Fleisch oder Wurstwaren pro Tag schadet offenbar: Frauen verlieren hierdurch rein rechnerisch 2,4 Lebensjahre, Männer 1,4.

Referenzen

Referenzen

  1. Deutsches Krebsforschungszentrum: Pressemitteilung „Was uns Lebenjahre raubt“, 12. August 2014
    http://www.idw-online.de/de/news599363
  2. Li K, et al: BMC Medicine 2014;12:59
    http://dx.doi.org/10.1186/1741-7015-12-59
  3. Bhaskaran K, et al: Lancet (online) 14. August 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)60892-8

Autoren und Interessenkonflikte

Petra Plaum
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Kaaks R, Bhaskaran K, Seltmann S, Li K: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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