Wann kommt Dr. Smartphone? Die eHealth-Technologie in Deutschland lahmt noch

Gerda Kneifel | 28. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Und die Technologien hierfür gibt es bereits. Die Investitionen in Healthcare-Startups haben sich in den vergangenen 5 Jahren verdreifacht. „Es gibt eine sprunghafte Entwicklung in der E-Health-Branche“, konstatiert Krolop, „Wenn auch noch nicht alle Unternehmen schwarze Zahlen schreiben, der Markt ist viel weiter als das Gesundheitssystem.“

Google, Apple und Co. – alle mischen mit

Andernorts ist das anders. In den USA haben sich erst kürzlich Accenture und Philips mit Google Glass zusammengetan. In einem Proof-of-Concept wurden Anästhesisten mit der Google-Brille ausgestattet. Der am Kopf getragene Minicomputer verbindet das aufgenommene Bild – also hier der betrachtete Patient – mit Informationen aus dem Internet, die in das Sichtfeld projiziert werden. Die derart ausgestatteten Anästhesisten haben also die Krankenakte des Betroffenen regelrecht vor Augen.

„Bei uns herrscht noch immer die
Fax-Kultur.“
Dr. Sebastian Krolop

Erst vor wenigen Tagen wurde die Kooperation von Google und Novartis bekannt. Im Juli 2014 hatten sie angekündigt, die den Blutzucker messende Kontaktlinse von Google gemeinsam weiterzuentwickeln. Novartis arbeitet an einem Verfahren, die Linse gleichzeitig zur Vorbeugung gegen Altersweitsichtigkeit zu nutzen.

In den USA prescht zudem Apple mit dem Plan vor, eine mobile E-Health-Plattform zu etablieren. Das Unternehmen forderte Softwareentwickler auf, Produkte hierfür zu entwickeln, mit dem Ziel, verschiedene Dienstleistungen miteinander verbinden zu können. Denkbar wäre zum Beispiel eine digitale Waage, mit der der Nutzer sein Gewicht kontrolliert. Dieses wiederum könnte weitergeleitet werden an einen Dienstleister, der die Ernährungsgewohnheiten erfasst und bei deutlicher Gewichtszunahme die Ernährung umstellt.

Apples Healthbook macht ebenfalls Fortschritte. Es gibt Kollaborationen mit Epic, einem Softwarehersteller für mittelgroße und große medizinische Nutzer. Die US-amerikanische Mayo Clinic und die Cleveland Clinic, die die Epic-Software verwenden, beteiligen sich ebenfalls an der Konzeption des Healthbook. „Das Potenzial ist enorm“, freut sich Krolop.

Und spätestens, wenn Patienten ihre E-Daten mit ins Krankenhaus bringen, müssten sich andere Kliniken umstellen – auch hierzulande. Allerdings wird es in Deutschland vermutlich noch deutlich länger dauern. In den USA und andernorts sei die Vernetzung zwischen Krankenhäusern, Arztpraxen und Patienten wesentlich weiter als hier. „Bei uns herrscht noch immer die Fax-Kultur.“

Bei allem Fortschritt, so betonte Krolop jedoch, könne und wolle man den Arzt auf keinen Fall ersetzen. „Beim tiefen medizinischen Know-how in Diagnose und Therapie ist der Arzt unersetzbar. Das betrifft 20 Prozent der Behandlungsvorgänge. Doch Informationstechnologien können Informationen und Daten liefern beziehungsweise vorfiltern und den Arzt unterstützen, ihm quasi eine Leitplanke für die Therapie geben. Hier sehe ich einen enormen Bedarf.“

Flexibilisierung durch Module

Auch Christoph Peters, Wirtschaftsinformatiker an der Universität Kassel, betonte in seinem Vortrag: „Wir sind an einem spätestmöglichen Zeitpunkt, uns mit der Digitalisierung der Gesundheitsbranche zu beschäftigen.“

Auch er betonte die Effizienz vieler E-Health-Maßnahmen und berichtete von einer multimorbiden Patientin, deren Medikationsplan über stündliches Telemonitoring, also die elektronische Überwachung ihrer Vitalparameter, von 42 Medikamenten auf 8 Medikamente täglich reduziert werden konnte. „Das wäre früher nur auf Station möglich gewesen, vielleicht sogar nur auf der Intensivstation.“ An solchen Beispielen zeige sich, dass E-Health beziehungsweise Mobile Health schon heute realisiert sei.

Allerdings, und auch das ist ein Punkt, an dem noch viel getan werden müsse, müsse die Flexibilität der elektronischen Lösungen gewährleistet werden. „Ziel muss eine systematische Modularisierung der Technologien sein, um flexible, wirtschaftliche und individuelle Lösungen zu entwickeln“, so Peters.

Das bedeutet: Einzelne Elemente eines E-Health-Konzepts können flexibel zusammengesetzt werden. Ein Datenübertragungsmodul etwa, einmal entwickelt, kann in verschiedenen Dienstleistungen zum Einsatz kommen. Die Module könnten wie in einem Baukastensystem für unterschiedlichste Anwendungen neu kombiniert werden. Ziel sei ein Plug-and-play-Ansatz für digitale ebenso wie für mobile Module. „Diese Module können wieder verwendet werden und ermöglichen damit eine schnellere Entwicklung von E-Health-Anwendungen.“

„Wir sind an einem spätestmöglichen Zeitpunkt, uns mit
der Digitalisierung der Gesundheitsbranche zu beschäftigen.“
Christoph Peters

E-Health-Gesetz geplant

Schließlich müsse in jedem einzelnen Fall entschieden werden, an welcher Stelle der Arzt notwendig ist, wo eventuell eine Krankenschwester ausreichend sein könnte oder auch die Unterstützung eines Verwandten ausreicht. Für eine Anwendung, die einen Mehrwert zum bisherigen System schafft, müssen sämtliche Stakeholder einbezogen werden, seien es Krankenhäuser, Apotheken, Ärzteverbände, Niedergelassene, Pflegedienste oder Patienten.

Auch wenn noch viele Probleme nicht gelöst sind, und insbesondere auch datenschutzrechtliche Bestimmungen zur Handhabung der sensiblen Gesundheitsdaten dringend erforderlich sind: Die Bundesregierung scheint sich der Tatsache bewusst zu sein, dass sie womöglich den internationalen Anschluss im Bereich E-Health verpasst.

Laut einem Bericht des „Spiegel“ plant die Große Koalition ein E-Health-Gesetz, um unter anderem die elektronische Gesundheitskarte voran zu treiben [2]. Die Gesundheitsexperten aller Parteien wollen Schnittstellen und Software-Standards vereinheitlichen, um so beispielsweise Fernkonsultationen und den Austausch von Patientendaten zu vereinfachen. Entlassungsdokumente könnten künftig einfacher digital verschickt werden. Dann wäre vielleicht doch bald Schluss mit der Fax-Kultur.

Referenzen

Referenzen

  1. Mobile Health Forum der Innovationsberatung der IHK Frankfurt, 22. Juli 2014, Frankfurt/Main
    www.mobilehealthforum.de
  2. Der Spiegel: „Große Koalition plant E-Health-Gesetz – Elektronischer Medikationsplan soll kommen“, 6. Juli 2014
    http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/grosse-koalition-elektronischer-medikationsplan-soll-kommen-a-979411.html

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Matzner G, Krolop S, Peters C: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.