Wann kommt Dr. Smartphone? Die eHealth-Technologie in Deutschland lahmt noch

Gerda Kneifel | 28. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Frankfurt/Main – Als im Jahr 2007 das iPhone auf den Markt kam, war das im Grunde der Startschuss auch für mobile Gesundheitsdienste. Doch noch immer haben es E-Health-Anwendungen im Bereich Gesundheit schwer, sich am Markt zu etablieren – und das trotz vielfach erwiesenen Nutzens.

„In Europa sind durch den Mobile-Health-Markt 100 Milliarden Euro einsparbar“, wird Georg Matzner auf dem Mobile Health Forum der IHK Frankfurt/Main am 22. Juli 2014 konkret. Er ist Leiter von Referat 6, das u.a. für Informationstechnologie zuständig ist, vom Hessischen Ministerium für Wirtschaft, Energie, Verkehr und Landesentwicklung:„Es ist eine Win-Win-Win-Chance, mit der das Gesundheitssystem Geld spart, die Gesundheit der Menschen verbessert wird und der Mittelstand Geld verdienen kann.“

Neben der fehlenden Finanzierung durch die Krankenkassen ist in Deutschland jedoch vor allem die fehlende Vernetzung von Informations- und Kommunikationstechnikbranche auf der einen und Gesundheitsbranche auf der anderen Seite ein großes Manko.

„Die Medizin wird sich mit den neuen Technologien völlig neu aufstellen.“
Dr. Sebastian Krolop

Trotz aller Schwierigkeiten: „Die Medizin wird sich mit den neuen Technologien völlig neu aufstellen. Davon bin ich überzeugt“, ist sich Dr. Sebastian Krolop, Mediziner und einer der Geschäftsführer der Accenture GmbH, einer Unternehmensberatung für technologiebasierte Strategien, sicher.

„Wir sind auf der zweiten Hälfte des Schachbretts“

An der technischen Weiterentwicklung liege es jedenfalls nicht, dass elektronische beziehungsweise mobile Gesundheitsdienstleistungen im deutschen Gesundheitssystem noch nicht Fuß gefasst haben, so Krolop. „Die Rechnerleistung, die die Mission Control 1969 benötigte, um zwei Leute auf den Mond zu bringen, haben Sie heute in einem Smartphone.“ Nach dem Mooreschen Gesetz verdoppelten sich die Rechnerleistungen alle 18 bis 24 Monate, wachsen also exponentiell.

Um die Dimensionen klarer zu machen, nutzt Krolop das Schachbrett. Als der Erfinder des Schachspiels seinem König das Spiel vorstellte, war dieser so begeistert, dass er ihm einen Wunsch freigab. Der Erfinder wünschte sich, dass 1 Weizenkorn auf das erste Feld des Schachbretts gelegt werden sollte, 2 auf das zweite und so die Zahl von Feld zu Feld verdoppelt werde.

Der König willigte ein, sah aber bald, dass er diese Schuld niemals würde begleichen können – mit den Weizenkörnern, die sich nach den Verdoppelungen bis zum 64. Feld angesammelt hätten, könnte man die gesamte Erdoberfläche bedecken. „Wir befinden uns nun auf der zweiten Hälfte des Schachbretts, die Zahlen explodieren, aber noch wissen wir nicht, wohin uns das führen wird“, schlägt Krolop die Brücke zur Rechnerleistung.

Die Musik- und Medienbranche ist schon sehr stark digitalisiert, dafür sorgen Konzerne wie Apple und Amazon. Die Gesundheitsbranche dagegen steckt noch in den Kinderschuhen. Die Voraussetzungen, um E-Health-Anwendungen zu etablieren, teilt Krolop in 3 Stufen:

  • Die 1. Stufe beschreibt die interne Nutzung von IT innerhalb einer klinischen Praxis.
  • Die 2. Stufe beschreibt die Vernetzung von Kliniken mit niedergelassenen Ärzten oder anderen Organisationen.
  • Die 3. Stufe bezieht auch noch die Patienten mit ein.

„Schon bei Stufe 2 kränkelt es in Deutschland“, sagt der E-Health-Experte. Von der 3. Stufe, der kompletten Vernetzung, die auch die Patienten miteinbezieht, sowie der Analyse von Messwerten, die einen Mehrwert an Erkenntnissen bringen, ganz zu schweigen. Bekanntestes Beispiel: die elektronische Gesundheitskarte. „Andere Länder sind da schon wesentlich weiter“, moniert Krolop.

„Die Ärzte sind gerade in Deutschland sehr skeptisch.“
Dr. Sebastian Krolop

„Deutschland ist Schlusslicht“

Nach einer Untersuchung von Accenture ist Deutschland in einem 8-Länder-Vergleich Schlusslicht bezogen auf die Erfolgsfaktoren für E-Health. Länder wie Singapur, England, Spanien, Australien und Kanada, das zeigte Krolop in seinem Vortrag, stehen sehr viel besser da, so etwa bezogen auf robuste Technik-Infrastrukturen

Ärzte sehen hierzulande gleich mehrere Hindernisse, die sie davon abhalten, E-Health-Anwendungen in ihrer Praxis oder Klinik voranzutreiben: An erster Stelle steht dabei die Kostenfrage, gefolgt von Bedenken bezüglich Datensicherheit und Datenschutz. Als hinderlich betrachten sie auch nicht kompatible IT-Systeme und den Zeitverlust durch aufwändige Dateneingaben. Nicht zuletzt fehlt es Ärzten in Deutschland an finanziellen Anreizen, sich diesem Thema zu nähern.

Weltweit bezweifeln jedoch nur sehr wenige Ärzte den Nutzen des intelligenten Einsatzes von Informationstechnologien in der Gesundheitsbranche. Die große Mehrheit von ihnen glaubt, dass sich durch IT Fehler verringern und Diagnose- und Therapieentscheidungen verbessern lassen. Damit zweifelt auch kaum ein Arzt an besseren Behandlungsergebnissen für die Patienten.

Viele Unternehmen wagen den Sprung

„Die Ärzte sind gerade in Deutschland sehr skeptisch“, so die Einschätzung Krolops. Kritikpunkte sind die Kosten, der Datenschutz sowie die Schnittstellenprobleme. Seien allerdings die genannten Probleme erst einmal gelöst, glauben nach einer Befragung von Accenture Zweidrittel der hiesigen Ärzte an eine Therapieverbesserung durch E-Health. Gleichzeitig allerdings befürworten nur 12% der Ärzte, dass die Patienten über die elektronische Gesundheitskarte Zugriff auf ihre eigenen Daten bekommen.

„Wir haben dazu auch über 900 Patienten befragt“, fährt Krolop fort. „Von ihnen wollen 70 Prozent diesen Zugriff haben. Und 43 Prozent von ihnen würden ihren Arzt auch wechseln, wenn dieser ihnen den Zugriff verweigern würde.“ Und noch mehr Zahlen hält der Mediziner und Gesundheitsökonom bereit. Von den über 65 Jahre alten Internet-affinen Menschen wollen 2 Drittel ihre Daten selbst managen, an Untersuchungen erinnert werden oder andere Dienstleistungen im Gesundheitsbereich in Anspruch nehmen.

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Referenzen

  1. Mobile Health Forum der Innovationsberatung der IHK Frankfurt, 22. Juli 2014, Frankfurt/Main
    www.mobilehealthforum.de
  2. Der Spiegel: „Große Koalition plant E-Health-Gesetz – Elektronischer Medikationsplan soll kommen“, 6. Juli 2014
    http://www.spiegel.de/spiegel/vorab/grosse-koalition-elektronischer-medikationsplan-soll-kommen-a-979411.html

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Matzner G, Krolop S, Peters C: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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