HIV-Prävention: „Den größten Effekt hat die Entkriminalisierung der Sexarbeit“

Susanne Rytina | 25. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Sexarbeit müsse entkriminalisiert werden, wenn die HIV-Pandemie weltweit unter Kontrolle gebracht werden soll, sagte der Epidemiologe Dr. Chris Beyrer vom Johns Hopkins Center for Public Health & Human Rights (USA) anlässlich der Welt-AIDS-Konferenz in Melbourne. Beyrer ist Koordinator einer 7-teiligen Artikelserie, in der das Fachjournal Lancet  neue wissenschaftliche Belege zum Thema „HIV und Sexarbeit“ publiziert.

Mit dieser Reihe von Veröffentlichungen greifen Forscher aus aller Welt eine bislang vernachlässigte HIV-Hochrisikogruppe auf – männliche, weibliche und transsexuelle Prostituierte. Diese Gruppe dürfe nicht länger marginalisiert werden, wenn es darum gehe, die HIV-Prävention und -Behandlung zu verbessern, forderte Beyrer.

Daten zu HIV und Sexarbeit liegen allerdings vor allem für weibliche Prostituierte vor. So beträgt die HIV-Prävalenz von Sexarbeiterinnen 11,8% (95%-KI: 11,6 –12,0). Das Infektionsrisiko ist bei Sexarbeiterinnen 13,5-mal höher als unter anderen Frauen im gebärfähigen Alter. Am häufigsten sind Sexarbeiterinnen aus Afrika (36,9%) und Osteuropa (10,9%) mit HIV infiziert [1].

„Die Illegalität von Sexarbeit schafft Barrieren, HIV-Präventions- und Behandlungsprogramme aufzusuchen, weil Sexarbeiter Angst vor den Autoritäten haben und  befürchten, dass dies nicht vertraulich bleibt“, so die Mitautorin der Reihe Dr. Steffanie Strathdee, die den Bereich Global Public Health an der California San Diego School of Medicine leitet. Einer der größten Mythen sei, dass die Kriminalisierung Sexarbeit und HIV verhindere: „Das Gegenteil ist der Fall“, betonte die Forscherin in einem Lancet-Podcast zur Reihe. Übergriffe der Polizei, Razzien und Inhaftierungen wegen illegaler Sexarbeit verhinderten eher eine Eindämmung der Infektionen.

Die Angst vor der Polizei hindere die Sexarbeiter, sich gegen die HIV-Infektion zu schützen. Durch die Illegalität werden sie gezwungen, in den Untergrund abzutauchen, wo sie an isolierten Orten häufig Opfer von Gewalt durch Kunden, Fremde und sogar durch Polizeibeamte werden. In solcher Abgeschiedenheit werde es ihnen erschwert, sichere Arbeitsbedingungen und insbesondere den Schutz mit Kondomen einzufordern. Wie Einzelfälle belegen, verzichten Prostituierte aus Furcht vor der Polizei auf Kondome, weil diese als Beweismittel für illegale Sexarbeit konfisziert wurden.

Eine bessere Versorgung mit biomedizinischen Therapien sei nicht ausreichend, um die HIV-Pandemie zu bekämpfen. Bessere Strukturen müssten her. Dass dadurch die HIV-Infektionsraten enorm zu beeinflussen wären, belegt die Forschergruppe um Dr. Kate Shannon von der University of British Columbia in Vancouver aus den Daten von 87 Studien.  

„Die Illegalität von Sexarbeit schafft Barrieren, HIV-Präventions- und Behandlungsprogramme aufzusuchen, weil Sexarbeiter Angst vor den Autoritäten haben und befürchten, dass dies nicht vertraulich bleibt.“
Dr. Steffanie Strathdee

Das Ergebnis: Durch die Eliminierung von sexueller Gewalt könnte zum Beispiel in ärmeren und reicheren Ländern die HIV-Infektionsrate bei Sexarbeitern  in den nächsten 10 Jahren um ein Fünftel  zurückgehen. Ein Drittel weniger HIV-Infizierungen gäbe es in ärmeren Ländern, wenn Sexarbeiter Zugang zur antiretroviralen Therapie (ART)  hätten.

Die Forscher berechneten im einzelnen auch Modelle für verschiedene Settings: Eliminiert man etwa sexuelle Gewalt in Kenia, könnten 17% aller HIV-Infektionen dort verhindert werden; 34% weniger HIV-Infizierungen gäbe es in dem Land zudem, wenn es für alle Zugang zu ART gäbe. In Kanada, wo Sexarbeit (noch) illegal ist, könnte durch die konsequente Verwendung von Kondomen in den nächsten 10 Jahren 20% der HIV-Infektionen vermieden werden.

Legalisierung der Sexarbeit dämmt Gewalt ein

„Den größten Effekt hat die Entkriminalisierung der Sexarbeit“, berichten Shannon und ihre Kollegen. An allen untersuchten Settings würde bei einer Entkriminalisierung die HIV-Infektionsrate um 33% bis 46% zurückgehen. Diese Evidenz habe letztlich in Kanada dazu geführt, dass eine Umkehr in der Politik stattfinde, betonen die Wissenschaftler.

Wo Sexarbeit legal ist, wie etwa in Amsterdam, werde die Gewalt gegen Sexarbeiter reduziert, schreiben  Richard Horton und Pamela Das von der Lancet-Redaktion in einem der Kommentare zur Reihe. Hier schütze die Polizei die Prostituierten [2].

Doch mit welchen neuen Ansätzen lässt sich die HIV-Pandemie eindämmen? Hoffnungsvolle Ansätze wie Empowerment-Community-Projekte, in denen Sexarbeiter selbst die Verantwortung für die Prävention in einer entkriminalisierten Umgebung übernehmen, haben Dr. Deanna Kerrigan und Kollegen von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore in einer Metaanalyse untersucht  [3].

Das Forscherteam berichtet signifikante Rückgänge von HIV-Risiken und sexuell übertragbaren Infektionen (Odds Ratio: 0,61, 95%-KI: 0,46-0,82) verbunden mit einem konsequenteren Kondomgebrauch (OR: 3,27; 95%-KI: 2,32-4,62). Für solche Projekte sei jedoch noch zu wenig Spendenbereitschaft vorhanden, kritisieren die Autoren in einem Übersichtsartikel, der eine Handlungs-Agenda für HIV und Sexarbeiter an Politiker auflistet [4].

In biomedizinische Präventionsstrategien der nächsten Generation werden ebenfalls große Hoffnungen gesetzt, hier insbesondere in die so genannte Präexpositionsprophylaxe (PrEP). Es sollte internationale Priorität haben, dass Sexarbeiter Zugang zu solchen Präventionsmaßnahmen haben sollten, fordern Beyrer und die anderen HIV-Experten. Sowohl Empowerment-Ansätze als auch die biomedizinische Versorgung versprechen einen substantiellen Rückgang von HIV-Risiken. Dies könnte Behandlungskosten reduzieren und Leben retten.

Referenzen

Referenzen

  1. Shannon K, et al: The Lancet (online) 22. Juli 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)60931-4
  2. Das P, et al: The Lancet (online) 22. Juli 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)61064-3
  3. Kerrigan D, et al: The Lancet(online) 22.Juli 2014
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(14)60973-9
  4. Beyrer C, et al: The Lancet (online) 22. Juli 2014
    http://dx.doi.org/doi:10.1016/S0140-6736(14)60933-8

Autoren und Interessenkonflikte

Susanne Rytina
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Beyrer C, Strathdee S, Shannon K, Das P, Horton R, Kerrigan D: Erklärungen zu Interessenkonflikten finden sich in den Originalpublikationen.

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