Legalisiert – Gericht erlaubt Cannabis-Anbau in Deutschland zur Eigen-Therapie

Christian Beneker | 23. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Chronisch kranke Patienten dürfen im Einzelfall Cannabis anbauen, um ihre Leiden mit dem Konsum der Pflanze zu lindern. Das hat am Freitag das Verwaltungsgericht Köln entschieden [1]. „Von den fünf Klägern haben zwei verloren und drei haben gewonnen“, sagte ein Sprecher des Verwaltungsgerichtes zu Medscape Deutschland.

„Das Bundes-
verwaltungsgericht hat schon 2005 festgestellt, dass im Falle von Cannabis nur der Eigenanbau
in Frage kommt.“
Dr. Franjo Grotenhermen

Die Gewinner konnten nachweisen, dass sie ausreichend medizinische Alternativen geprüft hatten und die Hanfpflanzen so in ihrer Wohnung anbauen können, dass diese vor dem „Zugriff Dritter“ sicher sind, urteilte das Gericht. Die 5 Patienten sind zwischen 34 und 61 Jahre alt und seit Jahren chronisch krank. Von ihnen leiden 2 aufgrund von Verkehrsunfällen unter chronischen Schmerzen, 2 sind Multiple-Sklerose-Patienten und einer hat ADHS.

Die Patienten forderten vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) die Erlaubnis zum Anbau von Cannabis zu therapeutischen Zwecken, teilte das Gericht mit. Nur die Bundesopiumstelle beim BfArM kann die Genehmigung für die heimische Plantage erteilen. Die Bundesopiumstelle ist denn auch die Beklagte in dem Verfahren.

Weil sich die Kläger das teure Cannabis aus der Apotheke nicht leisten können, beantragten sie eine Erlaubnis nach dem Betäubungsmittelgesetz zum Eigenanbau von Cannabis. Das BfArM lehnte ab, unter anderem mit der Begründung, eine private Plantage sei nicht genug gesichert und verstoße außerdem gegen das internationale Suchtstoffabkommen.

Das Verwaltungsgericht in Köln folgte dieser Argumentation nicht. Zur Begründung wies das Gericht nochmals darauf hin, dass die Voraussetzungen für die Zulassung des Eigenanbaus in jedem Fall eingehend und individuell zu prüfen seien.

„Das BfArM weigert sich auf Anweisung des Bundesgesundheitsministeriums“


Dr. Franjo Grotenhermen

Noch nie hat das BfArM eine Genehmigung für den privaten Anbau von Cannabis erteilt.  „Und das, obwohl das Bundesverwaltungsgericht (BVG) schon 2005 festgestellt hat, dass im Falle von Cannabis nur der Eigenanbau in Frage kommt“, wie Dr. Franjo Grotenhermen betont, Vorsitzender der „Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin“ [2].

Ab 2007 wurden dann zwar Ausnahmegenehmigungen durch das BfArM erteilt, aber nur für den Bezug der Pflanze aus der Apotheke. Doch das kostet. „Wer täglich ein Gramm einnimmt, muss 450 Euro monatlich auf den Tisch legen“, so Grotenhermen, „das ist für Leute mit geringem Monatseinkommen nicht machbar.“

Eben das war die Ausgangssituation der Kölner Kläger. Schon 2010 wollte die Bundesopiumstelle Genehmigungen für den Selbstanbau erteilen, berichtet Grotenhermen. „Aber sie wurde vom Bundesgesundheitsministerium zurück gepfiffen. Das heißt: Die Opiumstelle handelt gegen ihre eigene Überzeugung.“

„Das heißt: Die Opiumstelle handelt gegen ihre eigene Überzeugung.“
Dr. Franjo Grotenhermen

Die Bundesopiumstelle selbst war am Dienstag nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Ärzte in der Zwickmühle

Weil Cannabis in Deutschland verboten ist, können Ärzte nur den synthetisch hergestellten Cannabis-Wirkstoff Dronabinol verschreiben, und auch das nur für wenige Patienten. Denn der Stoff gilt zwar laut Anlage 3 des Betäubungsmittelgesetzes (BTMG) ebenso wie Morphium als verschreibungsfähig. Im Arzneimittelgesetz ist er gleichwohl nicht zugelassen.

Der Arzt kann also Dronabinol oder das einzige Dronabinol-Fertigpräparat Marinol® auf BTM-Rezept verschreiben, wann immer er sich einen Behandlungserfolg davon verspricht. Außerdem ist das Mundspray Sativex® auf dem Markt. Es darf nur als Add-on-Medikation gegen schwere Spastiken bei Patienten mit Multipler Sklerose verschrieben werden, erklärt Grotenhermen.


„Wir kämpfen ja nicht unbedingt für den Eigenanbau, sondern dafür, dass alle, die Cannabis brauchen, auch einen Zugang finden.“
Dr. Franjo Grotenhermen

Die Präparate sind teuer und werden nur in Ausnahmefällen erstattet – oder der Patient zahlt selbst. 600 Milligramm Marinol® kosten laut Grotenhermen deutlich über 1.500 Euro und 500 Milligramm Dronabinol immer noch rund 450 Euro.

Für Grotenhermen wäre auch ein Fonds eine Möglichkeit oder die Erstattung der Kosten durch die Krankenkassen. „Mit dem entsprechenden politischen Willen würde man auch Lösungen finden“, so Grotenhermen. „Wir kämpfen ja nicht unbedingt für den Eigenanbau, sondern dafür, dass alle, die Cannabis brauchen, auch einen Zugang finden.“

Die Selbstversorgung durch eigenen Anbau sei zwar auch denkbar, aber nicht als einzige Lösung. „Da sich aber im Kostenbereich seit Jahren nichts tut, bleibt nur der Eigenanbau.“ Weil heute niemand eine Erlaubnis dazu erhält, bauen die Konsumenten trotzdem an – illegal. Grotenhermen: „Das ist doch kein Zustand!“


Dr. Bernd Mühlbauer

Abhängig, nicht süchtig

Als Argument gegen den Eigenanbau zählen auch die Bedenken, Cannabis könne süchtig machen. Tut es das? „Nein“, sagt Professor Dr. Bernd Mühlbauer, Direktor des Instituts für klinische Pharmakologie am Klinikum Mitte in Bremen, gegenüber Medscape Deutschland. Die klassische Sucht entstehe, wenn sich die entsprechenden körpereigenen Rezeptoren für die Substanz vermindern und der Körper eine Toleranz für den Stoff aufbaut. „Das ist zum Beispiel bei Heroin der Fall. Aber nicht bei Cannabis.“ Die Toxizität von Cannabis sei „weit entfernt von der des Heroins.“ 

Dennoch könne Cannabiskonsum zu körperlichem und mentalem Verfall führen und – obwohl nicht suchtstiftend – doch abhängig machen.

Beginnt nun für die Cannabis-Patienten trotz allem nach dem Kölner Urteil eine bessere Zeit? Grotenhermen bezweifelt das. Noch sei nichts gewonnen, meint er: „Wir können uns vorstellen, dass die Bundesrepublik Deutschland in Berufung geht – vor das Oberverwaltungsgericht, noch einmal vor das Bundesverwaltungsgericht und sogar vor das Bundesverfassungsgericht.“ Indessen sollte die Politik sich überlegen, „ob sie nicht einfach das Mauern beendet.“

Referenzen

Referenzen

  1. Pressemitteilung des Verwaltungsgerichtes Köln, 22. Juli 2014
    http://www.vg-koeln.nrw.de/presse/pressemitteilungen/14_140722/index.php
  2. AG Cannabis als Medizin
    http://www.cannabis-med.org/german/germany/acm.htm

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Grotenhermen F, Mühlbauer B: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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