UN-Gipfel zu nichtübertragbaren Krankheiten: Deutschland glänzt mit Abwesenheit

Nadine Eckert | 21. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

„Deutschland tut viel zu wenig, um die Epidemie an nichtübertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Adipositas oder Herzerkrankungen zu stoppen“, kritisiert Dr. Dietrich Garlichs, Geschäftsführer der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG). Bei einem Gipfeltreffen der UN-Generalversammlung gegen nichtübertragbare Krankheiten Mitte Juli in New York sei Deutschland erstaunlicherweise nicht anwesend gewesen. „Es ist bedauerlich, dass die Bundesregierung sich an dieser Debatte im höchsten UN-Gremium nicht beteiligt und damit die Chance auslässt, von internationalen Erfahrungen zu lernen“, sagt Garlichs gegenüber Medscape Deutschland.

„Deutschland tut
viel zu wenig, um
die Epidemie an nichtübertragbaren Krankheiten
wie Diabetes, Adipositas oder Herzerkrankungen
zu stoppen.“
Dr. Dietrich Garlichs

Das Bundesgesundheitsministerium erklärte auf Anfrage von Medscape Deutschland, dass es für den UN-Gipfel zu nichtübertragbaren Krankheiten nicht zuständig sei und verwies an das Auswärtige Amt.

Vorzeitige Sterblichkeit bis 2025 um 25 Prozent senken

Zum zweiten Mal in 3 Jahren trafen sich die UN-Mitgliedsstaaten in New York. 2011 hatten sie zugestimmt, die vorzeitige Sterblichkeit durch nichtübertragbare Krankheiten (NÜK) bis 2025 um 25% zu senken und die Zunahme von Adipositas, Diabetes, Krebs und Herzerkrankungen zu stoppen.

Bei ihrem zweiten Treffen vom 11. bis 12. Juli 2014 wurden die Ergebnisse dieser Bemühungen vorgestellt – und erwiesen sich dem Bericht „WHO NCD Country Profiles 2014“ nach als noch „unzureichend und uneinheitlich“ [1]. Der nach der politischen Deklaration von 2011 entwickelte „WHO Global Action Plan for the Prevention and Control of NCDs 2013–2020“ sieht unter anderem Maßnahmen wie die Regulierung von Tabakkonsum, Alkoholkonsum, ungesunder Ernährung und Bewegungsmangel vor [2].

Dennoch, so heißt es in dem Bericht, sei die weltweite Mortalität durch nichtübertragbare Krankheiten weiterhin inakzeptabel hoch und steige immer noch an. Jedes Jahr sterben weltweit 38 Millionen Menschen an nichtübertragbaren Krankheiten – fast 16 Millionen davon bevor sie das 70. Lebensjahr erreichen. Die Entwicklungsländer tragen mit 28 Millionen Todesfällen im Jahr die Hauptlast dieser Mortalität.

Schlusslicht Deutschland: „Nur hierzulande ist nichts passiert“

„2011 war bei
der Konferenz
in New York noch
ein Vertreter der deutschen Regierung anwesend, beteiligte sich aber schon damals kaum an
der Diskussion.“
Dr. Dietrich Garlichs

Auch wenn der Fortschritt der Staaten insgesamt eher bescheiden ist, Deutschland bildet scheinbar eines der Schlusslichter im Vergleich der Nationen. „In vielen anderen Ländern ist in den letzten 3 Jahren schon einiges in Gang gekommen“, sagt Garlichs. „In Südamerika und Kanada wird der Salzkonsum der Bevölkerung verringert, indem der Salzgehalt von Lebensmitteln wie zum Beispiel Brot gesenkt wurde. In Argentinien ist es so beispielsweise gelungen den Salzgehalt des Brotes in 4 Jahren um ein Viertel zu reduzieren. Andere Länder haben bereits oder planen eine Steuer auf besonders zucker- und fettreiche Lebensmittel einzuführen, etwa Mexiko, Frankreich oder Großbritannien. Nur hierzulande ist nichts passiert.“

Dabei gibt es auch in Deutschland Beispiele dafür, dass solche Maßnahmen Wirkung zeigen: „Im Zuge der steuerbedingten Preissteigerung sind Alkopops fast ganz vom Markt verschwunden und der Zigarettenkonsum von Jugendlichen hat sich in den letzten zehn Jahren nach drastischen Tabaksteuererhöhungen halbiert", so Garlichs.

Woher kommt der Mangel an Engagement? Schließlich hat auch Deutschland 2011 der politischen Deklaration, etwas gegen nichtübertragbare Krankheiten unternehmen zu wollen, zugestimmt. „2011 war bei der Konferenz in New York noch ein Vertreter der deutschen Regierung anwesend, beteiligte sich aber schon damals kaum an der Diskussion“, berichtet Garlichs, der als Vertreter der Deutschen Diabetes-Gesellschaft an beiden Konferenzen teilgenommen hat. „Und wenn man sich nicht an der internationalen Diskussion beteiligt, erkennt man auch die Relevanz des Problems nicht und kann nicht von anderen Ländern lernen“, so Garlichs.

Herausforderung für Entwicklungsländer zu groß

Ein Mangel an Engagement sieht WHO-Generaldirektorin Dr. Margaret Chang in den bislang geringen Fortschritten bei der Umsetzung des Aktionsplans der WHO in den meisten anderen Ländern nicht. Tatsächlich haben inzwischen 95% der Länder in ihren Gesundheitsministerien eine Abteilung, die speziell für die Bekämpfung von nichtübertragbaren Krankheiten zuständig ist. Die Hälfte der Länder hat zudem einen Operationsplan und ein ausgewiesenes Budget. Und die Zahl der Länder, die die Hauptrisikofaktoren überwachen oder regulieren – etwa den Tabakkonsum, ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel und Alkoholmissbrauch – hat sich seit 2010 verdoppelt [3].

„Aber es fehlt an Handlungsfähigkeit“, meint Chang laut einer Mitteilung der WHO. „Unsere aktuellsten Daten zeigen, dass 85% der vorzeitigen Todesfälle durch nichtübertragbare Krankheiten auf die Entwicklungsländer entfallen. Und die Herausforderungen, die diese Krankheiten darstellen, sind enorm.“

Lange Zeit hat sich die globale Gesundheitspolitik und die Entwicklungshilfe auf die Bekämpfung von Infektionskrankheiten konzentriert. „Doch in Afrika sterben inzwischen mehr Menschen an Krebs, Diabetes und Herzerkrankungen als an Infektionen, Hunger oder Schwangerschaftskomplikationen“, schreibt der Director des WHO Collaborating Center on Public Health Law and Human Rights an der Georgetown University in Washington D.C., Prof. Dr. Lawrence O. Gostin, im Vorfeld der Konferenz in einem Kommentar in Nature [4].

Mehr Geld für nichtübertragbare Krankheiten notwendig

Einkommensschwache Länder werden zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten ebenso internationale Unterstützung benötigen wie zur Bekämpfung von Infektionskrankheiten wie Malaria oder AIDS. „Bislang gibt die WHO nur acht Prozent ihres Budgets für nichtübertragbare Krankheiten aus – verglichen mit 39 Prozent für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten und die Ausrottung von Polio“, so Gostin. „Zum Teil liegt dieses Ungleichgewicht auch daran, dass große Geldgeber wie etwa die Bill&Melinda Gates Foundation ihre Spenden für Krankheiten wie AIDS oder Malaria zweckbinden.“ Bei diesen Krankheiten ließen sich schnell sichtbare Erfolge erzielen, so Gostin.

„Bislang gibt die
WHO nur acht Prozent ihres Budgets für nichtübertragbare Krankheiten aus – verglichen mit
39 Prozent für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten und die Ausrottung von Polio.“
Prof. Dr. Lawrence O. Gostin

Der Aktionsplan der WHO bietet eine Auswahl an politischen Optionen, die – wenn sie alle implementiert werden – die Erreichung des 25-by-2025-Ziels und 8 weiterer freiwilliger globaler Ziele sichern sollen. Auf dem UN-Gipfel bekräftigten die anwesenden Staaten nun noch einmal ihre Bereitschaft, gegen die zunehmende Epidemie an nichtübertragbaren Krankheiten vorzugehen [5]. In New York beschloss die UN-Generalversammlung, dass die Staaten bis zum kommenden Jahr nationale Ziele aufstellen und nationale Pläne entwickeln sollen, um die vorzeitige Sterblichkeit durch nichtübertragbare Krankheiten zu senken [6].

In Deutschland könnte das länger dauern: „Die Auswertung der Empfehlungen des WHO-Aktionsplans und Entscheidungen über mögliche Konsequenzen für Deutschland benötigen noch Zeit“, heißt es vom Bundesgesundheitsministerium. Zwischenzeitlich biete das deutsche Gesundheitssystem den Erkrankten eine gute haus- und fachärztliche Versorgung sowie Disease-Management-Programme für Diabetes und Asthma.

Ein Schritt in die richtige Richtung wäre zum Beispiel ein Nationaler Diabetesplan, wie er unter anderem von der DDG und der Deutschen Diabetes-Hilfe schon lange gefordert werde, sagt Garlichs. Immerhin soll es dieses Jahr endlich ein Präventionsgesetz geben. Ein Gesetzentwurf werde in der zweiten Jahreshälfte vorgelegt werden, so das Ministerium. Darin werde es unter anderem darum gehen, die Förderung eines gesundheitsbewussten Verhaltens eines jeden Einzelnen zu verbessern und ärztliche Vorsorgeuntersuchungen zu stärken. „Sollte sich allerdings im Vergleich zur letzten Gesetzesvorlage nicht viel geändert haben, wird der Inhalt eher dürftig ausfallen“, vermutet Garlichs.

Referenzen

Referenzen

  1. WHO:Bericht „Noncommunicable diseases country profiles 2014”
    www.who.int/nmh/publications/ncd-profiles-2014/en
  2. WHO: Globaler Aktionsplan zur Bekämpfung nichtübertragbarer Krankheiten
    www.who.int/nmh/publications/ncd-action-plan/en
  3. WHO: Mitteilung zum UN-Gipfel zu nichtübertragbaren Krankheiten, 10. Juli 2014
    www.who.int/mediacentre/news/notes/2014/action-on-ncds/en
  4. Gostin LO, et al: Nature 2014 Jul 10;511:147-149
    http://dx.doi.org/10.1038/511147a
  5. WHO: Mitteilung zum UN-Gipfel zu nichtübertragbaren Krankheiten, 11. Juli 2014
    www.who.int/mediacentre/news/releases/2014/UNGA-ncds-epidemic/en
  6. Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG): Pressemitteilung zum UN-Gipfel, 15. Juli 2014
    www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de/fileadmin/Redakteur/Presse/PM_diabetesDE_und_DDG__Ergebnisse_UN-Gipfel.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Garlichs D, Gostin LO, Chang M: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikten vor.

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