Studie in Hochrisikogruppe: Lässt sich mit Mittelmeerkost und Sport der Brustkrebs verhindern?

Dr. Sylvia Bochum | 18. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Ludwigsburg – Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnten bis zu 30% der Krebserkrankungen durch eine gesunde Ernährung, weitere 15% durch ausreichende körperliche Aktivität verhindert werden [1]. Das gilt insbesondere für das Mammakarzinom. Eine der Studien, die diese Zusammenhänge untermauern soll, ist die kürzlich initiierte LIBRE-Studie. Prof. Dr. Marion Kiechle, Direktorin der Frauenklinik rechts der Isar an der Technischen Universität München, stellte Details dazu beim Kongress „Ernährung 2014“ in Ludwigsburg vor [2].


Prof. Dr. Marion Kiechle

Die von der Deutschen Krebshilfe geförderte Studie untersucht bei Frauen mit erblichem Brust- und Eierstockkrebs den Einfluss einer Lebensstil-Intervention auf Inzidenz und Tumorprogression. „Wir erwarten eine Abnahme des Risikos um mindestens 50 Prozent“, so Kiechle. Langfristig soll die Studie zur Entwicklung eines Präventionskonzepts führen, von dem auch Frauen ohne genetische Prädisposition profitieren.

Lebensstil als risikomodifizierender Faktor

Frauen mit einer Keimbahnmutation in den Genen BRCA1 oder BRCA2 haben ein extrem hohes Risiko, im Laufe ihres Lebens an Brust- und/oder Eierstockkrebs zu erkranken. Das kumulative Brustkrebsrisiko für BRCA1-Mutationsträgerinnen beträgt 80% – im Vergleich zu lediglich 10% in der Allgemeinbevölkerung. Mit der prophylaktischen beidseitigen Mastektomie und Adnektomie stehen Mutationsträgerinnen bislang nur recht einschneidende präventive Maßnahmen zur Verfügung.

Infolge des Medienechos auf die Mastektomie von Angelina Jolie im vergangenen Jahr wurde auch einer breiten Öffentlichkeit bewusst, vor welchem Dilemma die Genträgerinnen stehen. Denn selbst ein intensives Früherkennungsprogramm ab dem 25. Lebensjahr stellt für viele Frauen keine echte Option dar. „Die wenigsten Frauen wollen einfach darauf warten, dass der Krebs kommt“, so Kiechle.

„Die wenigsten Frauen wollen
einfach darauf
warten, dass der
Krebs kommt.“
Prof. Dr. Marion Kiechle

Da trotz genetischer Prädisposition nicht alle Mutationsträgerinnen an Krebs erkranken, geht man von der Existenz zusätzlicher, risikomodifizierender Faktoren aus. „Der Lebensstil könnte einer dieser Faktoren sein“, so Kiechle. Erste Studien zeigten, dass bei sportlich aktiven Mutationsträgerinnen im Alter von 45 Jahren der Anteil der Erkrankten deutlich niedriger ist als bei inaktiven Frauen (43% versus 63%) [3].

Und auch das Körpergewicht spielt eine Rolle. Ein Body-Mass-Index (BMI) von 25 kg/m² oder darüber ist bei postmenopausalen Frauen mit einem rund 50% höheren Brustkrebsrisiko assoziiert [4]. „Das zeigt, dass auch BRCA1/2-Mutationsträgerinnen ihr hohes Risiko positiv beeinflussen können“, so Kiechle.

Mediterrane Ernährungsweise und Sport

Aus diesem Grund hat Kiechle jetzt gemeinsam mit Kooperationspartnern in Köln, Kiel und Stuttgart die LIBRE (Lebensstil-Intervention bei Frauen mit erblichem Brust-und Eierstockkrebs und Nachweis einer BRCA-Mutation)-Studie ins Leben gerufen [5]. Diese multizentrische prospektive randomisierte Studie evaluiert in einem ersten Schritt, ob eine Lebensstil-Intervention in der Zielgruppe überhaupt machbar ist. In einem zweiten Schritt wird dann der Einfluss der Lebensstil-Intervention auf die Inzidenz, Prognose und Mortalität der Krebserkrankung untersucht. Rekrutierungsstart war im Februar 2014. Insgesamt sollen 660 Patientinnen in die Studie eingeschlossen werden.

„Das zeigt, dass
auch BRCA1/2-Mutationsträgerinnen ihr hohes Risiko positiv beeinflussen können.“
Prof. Dr. Marion Kiechle

Die Frauen in der Interventionsgruppe folgen einem 3-monatigen Programm mit intensiver Ernährungs- und Sportberatung, dem sich weitere monatliche Beratungstermine anschließen. Sie sollen sich mediterran ernähren, mit einer Betonung auf Gemüse, Obst und Vollkornprodukte sowie Fisch statt Fleisch. „Dass eine mediterrane Ernährungsweise das Risiko für das Auftreten einer Tumorerkrankung verringert, haben bereits mehrere Studien belegen können“, so Kiechle. Bei Frauen mit Adipositas (BMI über 35) wird zudem die Energiezufuhr begrenzt.

Hinzu kommt für alle Beteiligten ein Sportprogramm mit einem Zielwert von mindestens 18 MET-Stunden/Woche, was in etwa 2 Stunden Fahrradfahren mit moderater Intensität entspricht. Die Teilnehmerinnen müssen 70% des Programms erfüllen, um in der Studie bleiben zu können. Es ist eine Nachbeobachtungszeit von mindestens 3 Jahren vorgesehen – das erklärte Ziel ist aber ein Follow-up von 10 Jahren.

Klare Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je mehr Kilos, desto eher Brustkrebs

„Diesen hohen und signifikanten Effekt haben wir bislang
mit keinem einzigen Medikament in der Krebstherapie erreicht.“
Prof. Dr. Marion Kiechle

„Wir erwarten bei den Frauen in der Interventionsgruppe eine Abnahme des Risikos um mindestens 50%“, so Kiechle. Das bedeute, dass das kumulative Lebenszeitrisiko einer Frau mit einer BRCA1-Mutation für Brustkrebs von 80% auf 40% gesenkt werden könnte. Diese optimistische Einschätzung werde von der bisherigen Studienlage getragen, so Kiechle.

Bei Frauen ohne genetische Prädisposition habe man bereits eine dosisabhängige Korrelation zwischen körperlicher Aktivität und Brustkrebsinzidenz nachweisen können [6]. Schon 4 Stunden Sport pro Woche senken das Brustkrebsrisiko um bis zu 40%. Und auch bei der Ernährung zeigt sich eine dosisabhängige Korrelation: Je hyperkalorischer die Nahrung, desto höher ist die Brustkrebs-Inzidenz.

Frauen mit einem BMI über 40 haben ein mehr als doppelt so hohes Risiko, an Brustkrebs zu erkranken wie Frauen mit einem BMI zwischen 18,5 und 24,9 [7]. Insbesondere bei postmenopausalen Frauen steigt mit dem Gewicht auch das Erkrankungsrisiko. „Das kann man beinahe kiloweise beziffern“, so Kiechle.

Gesunder Lebensstil halbiert die Rückfallrate

Der Lebensstil beeinflusst aber nicht nur die Inzidenz, sondern auch die Prognose von bereits erkrankten Frauen. Eine prospektive Interventionsstudie bei Frauen mit Brustkrebs ergab, dass bei Frauen, die eine Diät mit lediglich 15% Fettanteil einhielten und ihr Gewicht reduzierten, die Rückfallrate nach 5 Jahren um 34% gesenkt werden konnte. „Diesen hohen und signifikanten Effekt haben wir bislang mit keinem einzigen Medikament in der Krebstherapie erreicht“, betont Kiechle.

„Wir sagen den Patientinnen nach der Diagnose deshalb, dass sie bitte nicht mehr als 5 kg zunehmen sollen“, so Kiechle. Das falle vielen Betroffenen nicht leicht. Zum einen, weil es unter einer antihormonellen Behandlung oft zwangsläufig zu einer Gewichtszunahme kommt. „Mehr als 3 kg sind das aber nicht“, stellt Kiechle klar. Zum anderen, weil viele Patientinnen nach der Diagnose Symptome einer reaktiven Depression zeigen. „Dadurch bewegen sie sich weniger“, so Kiechle. Das sei ein Teufelskreis, aus dem die Patientinnen herausgeholt werden müssten.

„Das sind fulminante Ergebnisse. Jede Frau sollte sich nach der Diagnose Brustkrebs sportlich betätigen, um ihre Prognose
zu verbessern.“
Prof. Dr. Marion Kiechle

„Fulminante Ergebnisse“

Denn zahlreiche prospektive Beobachtungsstudien zeigten, dass gerade Sport die Prognose erheblich verbessert. Frauen die nach der Diagnose 2 Jahre lang ein striktes Sport-Programm (9-15 MET-Stunden/Woche) durchführten, erzielten eine Halbierung der Rückfallrate – und zwar unabhängig von ihrem BMI [8]. „Das sind fulminante Ergebnisse“, so Kiechle, „Jede Frau sollte sich nach der Diagnose Brustkrebs sportlich betätigen, um ihre Prognose zu verbessern.“

Bisher jedoch haben sämtliche prospektiven Interventionsstudien Ernährung und Sport immer getrennt voneinander betrachtet. „In der LIBRE-Studie kombinieren wir diese Faktoren zum ersten Mal“, so Kiechle. Man sei gespannt, welchen Erfolg man mit einer Lebensstil-Intervention bei Frauen mit einem hohen genetischen Risiko erzielen könne.

Die Ergebnisse könnten sehr wahrscheinlich auch auf die Normalbevölkerung übertragen werden – eventuell seien die Effekte einer Lebensstil-Intervention in dieser Population sogar noch größer. „Letztlich soll die Studie uns helfen, ein konkretes Präventionskonzept für die Frauen in Deutschland zu entwickeln“, so Kiechle.

Referenzen

Referenzen

  1. WHO: Cent Eur J Public Health 2011; 19:114 und 120
  2. Ernährung 2014: Ernährungsmedizin ist Partnerschaft
    26. bis 28.6.2014, Ludwigsburg
    http://www.ernaehrung2014.de
  3. King MC, et al: Science 2003;302(5645):643-646
    http://dx.doi.org/10.1126/science.1088759
  4. Manders P, et al: Breast Cancer Res Treat. 2011:126(1):193-202
    http://dx.doi.org/10.1007/s10549-010-1120-8
  5. LIBRE-Studie:ClinicalTrials Nr: NCT02087592
    http://clinicaltrials.gov/show/NCT02087592
  6. Thune I, et al: NEJM 1997;336(18):1269-1275
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJM199705013361801
  7. Calle EE, et al: NEJM 2003;348(17):1625-1638
    http://dx.doi.org/10.1056/NEJMoa021423
  8. Holmes MD, et al: JAMA 2005;293(20):2479-2486
    http://dx.doi.org/10.1001/jama.293.20.2479

Autoren und Interessenkonflikte

Dr. Sylvia Bochum
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Kiechle M: Es liegen keine Angaben zu Interessenkonflikte vor.

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