Lizenz zum Schlemmen? Statin-Anwender essen mehr und werden immer dicker

Nadine Eckert | 17. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

„Hat der Einsatz von Statinen womöglich dazu geführt, dass Patienten nicht mehr das Gefühl haben,
sich an Ernährungs-
empfehlungen
halten zu müssen?“
Dr. Takehiro Sugiyama und Kollegen

Wer einen zu hohen Cholesterinspiegel hat, sollte eigentlich versuchen, sich gesünder zu ernähren und abzunehmen. Eine neue Auswertung des US-amerikanischen Gesundheits-Surveys NHANES legt jedoch nahe, dass viele Patienten die Therapie mit Statinen als Freibrief verstehen, sich „weiter die Butter aufs Steak zu schmieren“, wie das Autorenteam unter Leitung von Dr. Takehiro Sugiyama schreibt [1].

Im Jahr 2000 konsumierten die Teilnehmer, die Statine einnahmen, noch signifikant weniger Kalorien und Fett, als diejenigen, die nicht mit Statinen behandelt wurden – 2000 statt 2179 Kalorien am Tag.  „Das würde man auch von Menschen erwarten, die versuchen, ihren Cholesterinspiegel und ihr Gewicht in den Griff zu bekommen“, so die Autoren von der University of California in Los Angeles. Doch in den folgenden 10 Jahren stiegen Kalorien- und Fettkonsum in der Gruppe der Statinanwender immer weiter an.

„Eine andere Deutung … wäre, dass die Leute mehr essen, dicker werden und deshalb Statine verschrieben bekommen.“
Dr. Wolfgang Derer

Wenn gute Vorsätze auf der Strecke bleiben

Um das Jahr 2004 gab es im Hinblick auf die untersuchten Ernährungsparameter keinen Unterschied mehr zwischen der Gruppe unter Statinbehandlung und derjenigen, die keine Lipidsenker erhielt. Bei der letzten Untersuchung im Jahr 2010 hatten die Statinanwender die Nicht-Anwender schließlich „ungesund“ überholt – sie nahmen tendenziell mehr Kalorien und Fett zu sich als die Nicht-Anwender.

Wie zu erwarten, habe die erhöhte Kalorienzufuhr auch zu einer Zunahme des Body-Mass-Index (BMI) geführt, berichten die Autoren. Während er bei den Nicht-Anwendern im 10-jährigen Beobachtungszeitraum nur um 0,5 kg/m2 anstieg, legten die Patienten unter Statinen in dieser Zeit durchschnittlich 1,3 kg/m2 im BMI-Wert zu.

„Man geht davon aus, dass 7000 überschüssige Kalorien bei einem Erwachsenen zu einer Gewichtszunahme von 1 kg führen. Die Zunahme der Kalorienzufuhr um 192 kcal/Tag bei den Statinanwendern könnte also in den 10 Jahren zu der beobachteten Zunahme des BMI um 1,3 – das entspricht einer Zunahme von 3 bis 5 Kilogramm – geführt haben“, schreiben Sugiyama und Kollegen.



Dr. Wolfgang Derer

Statintherapie weitet sich aus

In den letzten 25 Jahren nahm der Einsatz von Statinen in den USA rapide zu. Eine Entwicklung, die auch die aktuelle Auswertung der NHANES-Studie (s. Kasten) stützt: Alleine in den 10 Studienjahren stieg der Anteil der Statinanwender unter den Teilnehmern um mehr als das Doppelte – von 7,5 auf 16,5%.

„Eine Entwicklung, die auch in Deutschland zu beobachten ist“, berichtet Dr. Wolfgang Derer, der am Helios-Klinikum Berlin-Buch die Poliklinik für Kardiologie und Nephrologie leitet. Laut Arzneiverordnungs-Report nahmen im Jahr 2002 in Deutschland 2,7 Millionen Patienten Statine ein – 3,8% aller gesetzlich Versicherten [2]. Für das Jahr 2013 kommen die Autoren des Arzneiverordnungs-Reportes bereits auf 4,5 Millionen statinbehandelte Patienten – das sind 6,4% der gesetzlich Versicherten [3].

„Hat der Einsatz von Statinen womöglich dazu geführt, dass Patienten nicht mehr das Gefühl haben, sich an Ernährungsempfehlungen halten zu müssen?“, spekulieren die Autoren. „Da es sich um eine Querschnittsstudie handelt, man also keinen zeitlichen Verlauf für einzelne Patienten hat, lässt sich diese Frage nicht eindeutig beantworten“, erklärt Derer. „Eine andere Deutung der Ergebnisse wäre, dass die Leute mehr essen, dicker werden und deshalb Statine verschrieben bekommen.“

„Kein Arzt wird deshalb darauf verzichten, bei übergewichtigen Patienten zu hohes Cholesterin mit Statinen zu therapieren.“
Dr. Wolfgang Derer

Verleiten Statine zur „Völlerei“?

Dennoch hält der Berliner Kardiologe es durchaus nicht für unwahrscheinlich, dass der Anreiz für eine Veränderung des Lebensstils wegfällt, wenn dank Statintherapie der Cholesterinspiegel sinkt. Das wäre jedoch eine „tragische Entwicklung. Denn dann würden alle anderen positiven Effekte eines gesünderen Lebensstils, der sich ja nicht nur auf den Cholesterinspiegel, sondern auch auf den Blutdruck, das Diabetes- und Herz-Kreislauf-Risiko auswirkt, zunichte gemacht“, sagte er im Gespräch mit Medscape Deutschland.

Die Herausgeberin des JAMA, Dr. Rita Redberg sorgt sich angesichts dieser Ergebnisse, dass Statine vielleicht neben den bekannten Nebenwirkungen zusätzlich ein bislang unerkanntes „Verführungsrisiko“ bergen, indem sie die Patienten zur „Völlerei“ verleiten könnten [4]. Lipidexperte Derer rät dagegen, die Befunde nicht überzubewerten: „Sie sollten uns zum Nachdenken anregen, aber kein Arzt wird deshalb darauf verzichten, bei übergewichtigen Patienten zu hohes Cholesterin mit Statinen zu therapieren.“


„Möglicherweise haben Ärzte zu diesem Prozess beigetragen, weil sich der Fokus der ärztlichen Beratung von der Ernährung auf die Statinadhärenz verschoben hat.“
Dr. Wolfgang Derer

Das Team um Sugiyama vermutet, dass auch die Ärzteschaft nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung ist: „Möglicherweise haben sie zu diesem Prozess beigetragen, weil sich der Fokus der ärztlichen Beratung von der Ernährung auf die Statinadhärenz verschoben hat.“

„Die Adhärenz ist ein entscheidender Punkt bei allen therapeutischen Interventionen, die prophylaktischer Art sind“, sagte Derer. „Aber die nicht-medikamentöse Schiene ist genauso wichtig. Der Arzt macht keinen Fehler, wenn er den Patienten dazu anhält, seine Medikamente zu nehmen, aber er würde noch besser und umfassender arbeiten, wenn er den Patienten zudem dazu bringen würde, abzunehmen“, so Derer.


National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES)

Die NHANES-Studie setzt sich aus vielen Einzeluntersuchungen zusammen, die den Ernährungsstatus und die Gesundheit von US-Bürgern erfassen. Ihre methodische Besonderheit besteht darin, dass sowohl subjektive Daten über Fragebögen, aber auch objektive Befunde mittels körperlicher Untersuchung erhoben werden.

Sugiyama und Kollegen untersuchten für die aktuelle Studie eine NHANES-Stichprobe von 27.886 Teilnehmern, die über 20 Jahre alt und nicht schwanger waren. Die Kalorien- und Fettzufuhr wurde über einen 24-Stunden-Recall  ermittelt, hierbei wird der Lebensmittelverzehr des vergangenen Tages erfragt. Größe, Gewicht und Cholesterinwerte wurden bei den Kontrolluntersuchungen gemessen. NHANES-Interviewer ließen sich die Medikamentenpackungen der Teilnehmer zeigen und erhielten so Auskunft über den Statingebrauch.


Referenzen

Referenzen

  1. Sugiyama T, et al: JAMA Intern Med. 2014;174(7):1038-1045
    http://dx.doi.org/10.1001/jamainternmed.2014.1927
  2. Klose G, et al: Arzneiverordnungs-Report 2002: 517-529
  3. Klose G, et al: Arzneiverordnungs-Report 2013: 687-702
  4. Redberg R, et al: JAMA Intern Med. 2014;174(7):1046
    http://dx.doi.org/10.1001/jamainternmed.2014.1994

Autoren und Interessenkonflikte

Nadine Eckert
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Derer W, Sugiyama T: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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