Jeder Gang zum Kühlschrank zählt: Auch leichte Aktivität nützt Arthrosepatienten

Inge Brinkmann | 14. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

„Bei inaktiven Arthrosepatienten steht mehr auf dem Spiel als ein erhöhtes Risiko für Funktions-
einschränkungen.“
Prof. Dr. Elizabeth Badley

Gleich 2 Studien aus dem British Medical Journal halten für Bewegungsmuffel schlechte Nachrichten bereit: Bewegungsmangel erhöht bei Kniearthrosepatienten das Risiko, Alltagskompetenzen zu verlieren. Und: Wer bereits in der Mitte seines Lebens nicht mehr fit ist, hat eine verringerte Lebenserwartung. „In anderen Worten: Bei inaktiven Arthrosepatienten steht mehr auf dem Spiel als ein erhöhtes Risiko für Funktionseinschränkungen“, kommentiert Prof. Dr. Elizabeth Badley von der Dalla Lana School of Public Health in Toronto, Kanada, die beiden Publikationen in einem Editorial [1].

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Offenbar können Arthrosepatienten schon dann, wenn sie sich nur geringfügig mehr bewegen, ihre Prognose deutlich verbessern. Zu diesem Schluss kommen die US-Autoren um Prof. Dr. Dorothy D. Dunlop von der Feinberg School of Medicine an der Northwestern University in Chicago, USA, in ihrer prospektiven Kohortenstudie [2]. Bemerkenswert ist, dass die Intensität der Bewegung dabei eine viel geringere Rolle spielt, als bisher angenommen wurde. Tatsächlich verbesserten sich die langfristigen Aussichten der Patienten deutlich, wenn sie sich lediglich ein wenig häufiger bewegten, selbst wenn das nicht mit größeren Anstrengungen verbunden war.


Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann

„Dies stellt eine positive Botschaft für solche Arthrosepatienten dar, die nicht in der Lage sind, sich körperlich intensiv zu belasten“, sagt Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann, Direktor des Instituts für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg und Vizepräsident der Internationalen Gesellschaft für Präventivmedizin, gegenüber Medscape Deutschland.

Wenig Aktivität erhöht das Risiko, Alltagskompetenzen zu verlieren

Für ihre Studie untersuchten Dunlop und ihre Mitarbeiter 1.680 Probanden mit Kniearthrose bzw. einem erhöhten Risiko, eine solche Arthrose zu entwickeln (z.B. wegen Übergewichts). Sie waren in ihren Alltagsaktivitäten zum Rekrutierungszeitpunkt noch nicht eingeschränkt. Für jeden Teilnehmer ermittelten sie anhand eines so genannten Accelerometers oder Beschleunigungssensors zu Beginn der Studie die Dauer und Intensität ihrer täglichen körperlichen Aktivität.

Als primärer Endpunkt wurde 2 Jahre später erfasst, wie gut alltägliche Aufgaben noch bewältigt wurden. Hierfür wurde das Ausmaß der Selbständigkeit bei Verrichtungen wie Waschen, Anziehen und Nutzung der Toilette bzw. bei komplexeren Aktivitäten wie Hausarbeit, Einkaufen oder Finanzmanagement beurteilt.

„Dies stellt eine positive Botschaft
für solche Arthrose-
patienten dar, die nicht in der Lage
sind, sich körperlich intensiv zu belasten.“
Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann

Wie zu erwarten, waren jene Studienteilnehmer im Alltag umso weniger eingeschränkt, je länger sie täglich mäßig oder auch intensiv körperlich aktiv waren. Es überraschte auch nicht, dass Personen, die sich im Vergleich zu anderen Probanden am wenigsten bewegt hatten, die meisten Probleme im Alltag entwickelten.

Verblüfft hatte Dunlops Team dann allerdings, dass die Intensität der körperlichen Aktivität für den Erhalt der Alltagskompetenzen offenbar nicht so ausschlaggebend ist, wie gemeinhin angenommen. So waren die Studienteilnehmer bereits dann weniger eingeschränkt, wenn sie sich einfach etwas länger, wenn auch nicht intensiver bewegten.

Ein Beispiel: Personen, die sich normalerweise 192 Minuten am Tag nur leichte Bewegung zumuten – wozu auch der Gang zum Kühlschrank zählt – können nach Dunlops Berechnungen ihr Risiko für Alltagsbeschränkungen um 43% reduzieren, wenn sie sich nur eine weitere gute Stunde länger bewegen (insgesamt 255 Minuten/Tag). „Erwachsene, die viel fernsehen, könnten dies erreichen, indem sie während der Werbepausen etwas umhergehen“, meint Badley ganz pragmatisch im Editorial.

Und auch Leitzmann sagt: „Die Ergebnisse der Studie zeigen in für mich überzeugender Weise, dass bereits leichte körperliche Aktivität bei Arthrosepatienten mit einer Risikoreduktion von körperlichen Funktionseinschränkungen einhergeht – sofern die körperliche Aktivität mit ausreichend langer Dauer durchgeführt wird.“

Fitnesstests geben bereits in mittleren Jahren Hinweise auf die Mortalität

Ob der, der regelmäßig den Fernsehsessel umrundet, auch länger lebt, ist damit noch nicht beantwortet. Aber immerhin lassen sich bereits durch einfache Fitnesstests prognostische Aussagen hinsichtlich der Überlebenswahrscheinlichkeit treffen – und zwar schon in einem relativ jungen Alter. Dies zeigen die Resultate einer parallel im BMJ veröffentlichten Kohortenstudie von Dr. Rachel Cooper und ihren Mitarbeiter von der Medical Research Council Unit for Lifelong Health and Ageing am University College London [3].

Im Gegensatz zu früheren Untersuchungen konzentrierten sie sich dabei erstmals auf eine Personengruppe im mittleren Alter. Bislang haben sich Forschungsarbeiten zu diesem Thema immer mit Personen ab einem Alter von 60 Jahren befasst; der Altersdurchschnitt der Studienteilnehmer lag sogar bei über 70 Jahren. In der aktuellen Studie zielte man indes darauf ab, schon deutlich früher prognostische Aussagen machen zu können – um entsprechend frühzeitig bestimmte Risikogruppen zu identifizieren.

Die 2.766 Teilnehmer der Studie wurden aus dem MRC National Survey of Health and Development rekrutiert, einer britischen Kohortenstudie, die bereits 1946 mit 5.362 Kindern startete. Im Jahr 1999, als diese Studienteilnehmer 53 Jahre alt wurden, führten insgesamt 1.355 der männlichen und 1.411 der weiblichen Teilnehmer 3 Fitnesstests durch.

Einfache Funktionstests bringen „äußerst interessante“ Ergebnisse

Zunächst wurde die Kraft, mit den Händen greifen zu können, mittels Dynamometers erfasst, das mit maximaler Kraft zusammengedrückt wird. In einem weiteren Test mussten die Teilnehmer so schnell wie möglich zehnmal hintereinander von einem Stuhl aufstehen. Und schließlich sollten sie noch bis zu 30 Sekunden mit geschlossenen Augen auf einem Bein stehen. Primärer Ergebnisparameter war die allgemeine Mortalität zwischen 1999 und 2012.

„Bereits leichte körperliche Aktivität geht bei Arthrose-
patienten mit einer Risikoreduktion
von körperlichen Funktions-
einschränkungen einher – sofern die körperliche Aktivität mit ausreichend langer Dauer durchgeführt wird.“
Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann

Das Sterberisiko war bei Personen, die bei den Tests im Jahr 1999 insgesamt am schlechtesten abgeschnitten hatten, im Vergleich zu den Probanden mit den besten Resultaten nach 13 Jahren um den Faktor 3,68 erhöht. Für Teilnehmer, die erst gar nicht in der Lage waren, die Tests überhaupt zu absolvieren, lag die Sterberate sogar 8,4-mal höher als bei denjenigen, die sie zumindest irgendwie hatten mitmachen können.

„Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass sich mittels Erfassung der körperlichen Leistungsfähigkeit im mittleren Lebensalter offenbar statistische Vorhersagen hinsichtlich der Überlebenswahrscheinlichkeit treffen lassen“, fasst Leitzmann zusammen. Diese Studienergebnisse seien aus wissenschaftlicher Sicht neu und äußerst interessant. „Es bestehen allerdings in Bezug auf die Interpretation der Ergebnisse solcher Tests und deren Anwendung, beispielsweise im Rahmen der medizinischen Vorsorge, noch einige Unsicherheiten“, meint er. So gebe es für die in der Studie durchgeführten Tests keine allgemein akzeptierten Referenzwerte für Personen mittleren Alters.

Referenzen

Referenzen

  1. Badley E: BMJ 2014;348:g2804
    http://www.bmj.com/content/348/bmj.g2804
  2. Dunlop DD, et al: BMJ 2014;348:g2472
    http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2472
  3. Cooper R, et al: BMJ 2014;348:g2219
    http://dx.doi.org/10.1136/bmj.g2219

Autoren und Interessenkonflikte

Inge Brinkmann
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Cooper R, Dunlop DD: Erklärungen zu Interessenkonflikten finden sich in den Originalpublikationen.

Leitzmann M: Es liegt keine Erklärung zu Interessenkonflikten vor.

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