Die richtige „CHOICE“ bei Gestationsdiabetes: Viel komplexe Kohlenhydrate

Simone Reisdorf | 10. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Jacob E. (Jed) Friedman

San Francisco – Bessere Behandlungsergebnisse für Frauen mit Gestations-Diabetes mellitus (GDM) und ihre Kinder verspricht eine unkonventionelle Diät. Medscape Deutschland sprach dazu mit Prof. Dr. Jacob E. (Jed) Friedman, Direktor des NIH Ernährungs- und Adipositas-Forschungscenters an der University of Denver/Colorado. Er hat die Diät entwickelt und wurde für seine Forschung auf diesem Gebiet beim ADA-Kongress in San Francisco mit dem renommierten Norbert Freinkel Award ausgezeichnet [1].

Fördert verändertes Mikrobiom der Mutter eine Fettleber beim Neugeborenen?

Der Einfluss eines Gestationsdiabetes auf Mutter und Kind erschöpft sich nicht in gestörtem Zuckerstoffwechsel und hohem Geburtsgewicht (Makrosomie). Vielmehr werden aus dem Kreislauf adipöser GDM-Patientinnen vermehrt freie Fettsäuren (FFS) durch die Plazenta geschwemmt. „Sie sammeln sich in der Leber des Ungeborenen. Schon der Fötus hat dann eine Fettleber“, so Friedman. Der Wissenschaftler bezeichnet dies als den „ersten Schritt auf dem Weg zur nicht-alkoholischen Fettlebererkrankung, NAFLD, des Kindes“.

Und damit nicht genug: Das Mikrobiom der Schwangeren mit GDM – und später auch des Neugeborenen – ist verändert; es liefert Inflammationssignale, wie Friedman herausgefunden hat. Diese Entzündungsmarker können in der Folge das Risiko der Mutter für fortgesetzte Adipositas und für das Auftreten eines Typ-2-Diabetes steigern. Und: Sie sind der „zweite Schritt“ des Kindes auf dem Weg zur NAFLD – eine Entwicklung, die dann nicht mehr reversibel ist.

„Wenn Schwanger-
schaft und Diabetes bei Frauen mit GDM gemeinsam auf das Mikrobiom einwirken, können Synergien entstehen, die die Darmfunktion auf mehreren Wegen beeinflussen.“
Prof. Dr. Jacob E. (Jed) Friedman

„Es ist bekannt, dass die Darmbesiedelung von Adipositaspatienten, aber auch von Schwangeren im letzten Trimenon verändert ist: Sie ist weniger breit gefächert. Man kann außerdem erwarten, dass das Darmmikrobiom auch bei ständiger Hyperglykämie eine andere Zusammensetzung annimmt“, erläutert Friedman gegenüber Medscape Deutschland. Und wenn nun Schwangerschaft und Diabetes bei Frauen mit GDM gemeinsam auf das Mikrobiom einwirken, können Synergien entstehen, die die Darmfunktion auf mehreren Wegen beeinflussen.“

So sind laut Friedman bei GDM-Patientinnen vermehrt gramnegative Keime zu finden. Sie tragen auf ihrer Oberfläche Lipopolysaccharide (LPS) und diese generieren Inflammationssignale: „Vielleicht ist der Gestationsdiabetes deshalb entzündlicher, weil hier ein anderes Mikrobiom zu finden ist.“

Die andere Seite des Problems ist die Akkumulation von Lipiden in der fetalen Leber. Konventionelle GDM-Diäten fördern dies noch: Sie enthalten nur 30 bis 40% Kohlenhydrate, um Blutzuckerspitzen bei der Mutter und Makrosomie beim Kind zu vermeiden. Ausgeglichen wird dies durch entsprechend mehr Fett in der Nahrung, was zu hohen postprandialen FFS-Spiegeln führt. Und da die Frauen viele kleine Mahlzeiten zu sich nehmen, sind sie praktisch den ganzen Tag postprandial und geben FFS an das Kind weiter.

„Vielleicht ist
der Gestations-
diabetes deshalb entzündlicher, weil hier ein anderes Mikrobiom zu
finden ist.“
Prof. Dr. Jacob E. (Jed) Friedman

Viel von komplexen Kohlenhydraten: Die CHOICE-Diät

Um diese schädlichen Effekte einzudämmen, empfiehlt Friedman die von ihm und seinem Team entwickelte CHOICE-Diät. „CHOICE“ steht für „Choosing Healthy Options In Carbohydrate Energy“. Diese Ernährungsform enthält 60% Kohlenhydrate, aber nur 25% Fett (und 15% Protein). Dabei sollen komplexe Kohlenhydrate wie Polysaccharide und Stärke aus Getreide, Gemüse und Obst überwiegen. Der Anteil an Ein- und Zweifachzucker darf 30% der Kohlenhydrate und 18% der Gesamtkalorien nicht überschreiten. Und von den Fetten sollen 35% gesättigt, 45% einfach ungesättigt und 20% mehrfach ungesättigt sein.

Friedman und Kollegen untersuchten die CHOICE-Diät gegen eine konventionelle GDM-Diät in einer Cross-over-Studie wurde. Ab der 31. Schwangerschaftswoche erhielten 16 GDM-Patientinnen jeweils 3 Tage lang eine der beiden Diäten, wobei den Schwangeren jede einzelne Mahlzeit zugeteilt wurde. Anschließend führten die Frauen die zuletzt erhaltene Ernährungsform über weitere 6 bis 7 Wochen bis zur Entbindung fort.

Frühstück und Mittagessen machten bei der CHOICE-Diät je 25% der zugeführten Tagesenergiemenge aus, das Abendessen 30%. 2 Snacks (nachmittags und spätabends) trugen jeweils 10% zu den Tageskalorien bei. Auch diese wurden „euglykämisch“ nach den genannten Prinzipien zusammengestellt.

„Die CHOICE-Diät
ist eine gesunde Alternative für werdende Mütter mit Gestationsdiabetes und für ihre ungeborenen Kinder.“
Prof. Dr. Jacob E. (Jed) Friedman

„Um die Compliance zu gewährleisten, haben wir zuvor in einem Fragebogen nach den Präferenzen der Teilnehmerinnen gefragt“, berichtet Friedman gegenüber Medscape Deutschland. Denn es fällt leichter, eine strikte Diät einzuhalten, wenn sie weitgehend aus den eigenen Lieblingsgerichten besteht.

Zuckerstoffwechsel im Zielbereich

Ergebnis: Die „area under the curve“ (AUC) der Plasmaglukose über 24 Stunden war unter der CHOICE-Diät zwar um 6% erhöht (p = 0,02). Und das kontinuierliche Glukosemonitoring zeigte 1 Stunde nach dem Mittagessen sowie 2 Stunden nach Frühstück und Mittagessen höhere Zuckerwerte mit CHOICE als mit der konventionellen GDM-Diät. Die Werte blieben aber insgesamt bei beiden Diäten innerhalb den von der ADA empfohlenen Grenzen (1 Stunde postprandial < 140 mg/dl; 2 h postprandial < 120 mg/dl). Nüchtern- und nächtliche Glukosewerte waren unter beiden Diäten ähnlich und auch die Zeit bis zum postprandialen Glukosepeak war nicht signifikant unterschiedlich.

Postprandial weniger freie Fettsäuren

Einen deutlichen Unterschied zugunsten von CHOICE gab es jedoch bei den postprandialen freien Fettsäuren: Hier war die AUC um 19% verringert – eine gute Voraussetzung, um das Risiko der fetalen Fettleber einzudämmen und die mütterliche Insulinresistenz in Grenzen zu halten.

Dazu passt, dass in der Gruppe, die die CHOICE-Diät bis zur Geburt fortsetzte, zu diesem Zeitpunkt (nach 6 bis 7 Wochen) Insulinresistenz, Nüchternblutzucker und Lipolyse sowie kindliche Adipositas deutlich verringert waren.

„Die CHOICE-Diät ist eine gesunde Alternative für werdende Mütter mit Gestationsdiabetes und für ihre ungeborenen Kinder“, fasst Friedman zusammen. Er bestätigt auf Nachfrage von Medscape Deutschland: „Die Diät könnte auch nicht-diabetischen Schwangeren helfen, Gewichtszunahme und kindliche Fettmasse zu reduzieren. Und selbst für nicht schwangere Adipöse kann sie nützlich sein.“

Referenzen

Referenzen

  1. American Diabetes Association (ADA), 74th Scientific Sessions, 13. bis 17. Juni 2014, San Francisco, USA
    http://professional.diabetes.org/Congress_Display.aspx?TYP=9&CID=93229
  2. Hernandez TL, et al: Diabetes Care 2014;37(5):1254-1262
    http://dx.doi.org/10.2337/dc13-2411

Autoren und Interessenkonflikte

Simone Reisdorf
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Friedman JE: Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

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