Ärztemonitor 2014: Niedergelassene sind einfach „happy“ – nur etwas mehr Geld und Zeit dürfte sein …

Christian Beneker | 9. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Allen Unkenrufen zum Trotz – Ärzte mögen ihre Arbeit, auch und besonders dann, wenn sie in der eigenen Praxis stattfindet. Das hat der aktuelle Ärztemonitor der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und des NAV-Virchow-Bundes ergeben [1].

Die Ergebnisse aus rund 11.000 Interviews mit niedergelassenen Ärzten zeigen: Das klassische Modell ärztlicher Niederlassung steht fest wie eh und je, als hätte es die Diskussionen und Auseinandersetzungen um Teilzeitmodelle, Medizinische Versorgungszentren (MVZ), Anstellungen et cetera nie gegeben. Aber: Viele Ärzte wünschen sich mehr Zeit für die Familie, und sie fürchten um die Ruhestandseinkommen. 


Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery

Die Niedergelassenen fühlen sich wohl

„Meine Arbeit macht mir Spaß“: 93% der niedergelassenen Hausärzte, 95% der Fachärzte und 99% der Psychotherapeuten stimmen dieser Aussage zu. Das ist eines der Ergebnisse der jüngsten Ärztemonitors 2014 des infas-Institutes, der von KBV und NAV-Virchow-Bund in Auftrag gegeben worden war.

Vielleicht lag Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer, daneben, als er seinen Kolleginnen und Kollegen ins Stammbuch schrieb, man möge sich doch weniger beklagen. „Es macht doch keinen Sinn, intelligenten jungen Menschen ständig zu erzählen, wie schrecklich alles in unserem Beruf ist. Ich kann es doch keinem verdenken, Alternativen zu suchen, wenn er immer wieder hört, in welches Mistsystem er ansonsten gerät. Da ist tatsächlich etwas falsch gelaufen“, so der BÄK-Präsident vor kurzem in einem Interview [2].

„Die Zustimmung zu den Möglichkeiten, selbstständig zu arbeiten (93%) oder das Arbeitsumfeld selbst zu gestalten (87%), ist so überwältigend, dass man feststellen kann: die freiberuflich selbstständige Niederlassung ist kein Auslaufmodell!“
Dr. Dirk Heinrich

In der Tat. Denn die freiberuflichen, niedergelassenen Ärzte befinden sich laut infas-Studie in einem Stimmungshoch. „Die Zustimmung zu den Möglichkeiten, selbstständig zu arbeiten (93%) oder das Arbeitsumfeld selbst zu gestalten (87%), ist so überwältigend und wird auch auf die nachwachsende Generation ausstrahlen, dass man feststellen kann: die freiberuflich selbstständige Niederlassung ist kein Auslaufmodell!“, erklärte Dr. Dirk Heinrich, Vorsitzender des NAV-Virchow-Bundes [3]. „Die oft angekündigte Flucht in die Anstellung bleibt die Ausnahme: Nur 3 Prozent der Praxisärzte spielen mit dem Gedanken, sich in den nächsten 5 Jahren anstellen zu lassen.“

Stress ist kein Argument

Für den Arbeitspsychologen Prof. Dr. Tim Hagemann vom Institut für ArbeitsPsychologie und ArbeitsMedizin in Berlin (IAPAM) ist das Ergebnis „nicht überraschend“. Während die Arbeitszufriedenheit bei Angestellten beständig sinke, sei sie sie bei Selbstständigen konstant hoch, so Hagemann zu Medscape Deutschland. „Top-Führungskräfte zum Beispiel haben kaum Stress im Gegensatz zum mittleren Management“, so Hagemann. Faktoren, die die Arbeitszufriedenheit oben halten, sind „unter anderem positives Feedback im Arbeitsalltag und die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns. Beides ist natürlich bei niedergelassenen Ärzten oft gegeben.“

In der Tat sehen 100% der Psychotherapeuten und 98% der Ärzte ihre Arbeit als „nützlich und sinnvoll“ an, so die infas-Daten. Damit dürfte das enorme Arbeitspensum der niedergelassenen Ärzte jedenfalls nicht für Stress in Frage kommen. Hausärzte arbeiten laut Studie durchschnittlich 56 Stunden in der Woche und Fachärzte 53 Stunden. „Eigentlich bei allen Selbstständigen können wir feststellen, dass sie gerne und viel arbeiten. Das wird nicht als Gegensatz erlebt“, sagt Hagemann.

Auch wenn ihre Arbeitszeiten sie nicht in Stress versetzen dürften, erklärten 43% der Ärzte, die Arbeit störe ihr Familien- und Privatleben, und 59% wünschten sich flexiblere Arbeitszeiten, bei den Psychotherapeuten sind es sogar 81%.

Stress kann allerdings entstehen, wenn man eine Aufgabe erfüllen soll und es fehlen die Mittel, wie zum Beispiel die nötige Zeit, meint Hagemann. „Dann ergeht es einem wie den Kassiererinnen im Supermarkt: Je schneller sie arbeiten, umso mehr Menschen stellen sich in der Reihe an.“ Das dürften viele Ärzte nachvollziehen können. Denn gerne würden sie sich länger ihren Patienten widmen. Nur 40% der Ärzte und 66% der Psychotherapeuten sind der Meinung, genug Zeit für ihre Patienten zu haben.

„Faktoren, die die Arbeitszufriedenheit hoch halten, sind unter anderem positives Feedback im Arbeitsalltag und die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns.“
Prof. Dr. Tim Hagemann

Und das Geld?

Psychologisch ungünstig sei es, wenn man in der Arbeit mehr investiert als man zurückbekommt. „Das betrifft nicht allein das Geld, sondern auch Arbeitsfreude, Zeit, gute Kollegen, Anerkennung und so weiter“, sagt Hagemann. Ständige Konflikte mit Kollegen oder Missachtung der Arbeit etwa seien Zufriedenheitskiller – auch für Selbstständige.

Unwichtig indessen ist das Geld für die Arbeitszufriedenheit natürlich nicht. Aber es gibt Grenzen, sie liegen beim Durchschnittseinkommen eines Landes. „Daniel Kahnemann, Psychologe aus den USA, hat eine Studie über das Verhältnis von Lebenszufriedenheit und Einkommen mit mehreren 10.000 Befragten gemacht“, berichtet Hagemann. „Das Ergebnis: Sobald man mehr als der durchschnittliche Haushalt in einem Land verdient, spielt das Einkommen für die Zufriedenheit kaum mehr eine Rolle. Sondern dann wird zum Beispiel die soziale Eingebundenheit in einem Betrieb, eine Praxis oder einem Ort viel wichtiger für die Zufriedenheit.“ Das durchschnittliche Haushaltseinkommen pro Jahr brutto liegt in Deutschland laut statistischem Bundesamt bei rund 46.452 Euro. Das hat die letzte Erhebung 2011 ergeben [4].

„Die Zufriedenheit mit dem Einkommen richtet sich nicht danach, was man sich leisten kann oder nicht, sondern danach, wie man im Vergleich zu anderen finanziell dasteht“, meint Hagemann. Das dürfte erklären, warum doch viele Ärzte unzufrieden sind mit dem, was sie einnehmen. Vermutlich vergleichen sie ihre Einkommen eher mit denen der Kollegen als mit denen ihrer Patienten. Nur 61% aller Hausärzte sind mit ihrem persönlichen Einkommen „eher zufrieden“ oder „sehr zufrieden“, bei den Fachärzten sind es 59%, bei den Psychotherapeuten nur 43%.

Besonders sorgenvoll schauen Ärzte in die Zukunft. 63% der Ärzte sehen die Funktion der Praxis als Altersversorgung verloren. Und 54% vermissen die finanzielle Planungssicherheit.

Aber trotz mancher Sorgenfalte: 84% aller Ärzte und 91% aller Psychotherapeuten würden ihren Beruf heute wieder ergreifen.

Von Medscape Deutschland in Zusammenarbeit mit dem PBV

Referenzen

Referenzen

  1. Tabellen des Ärztemonitors 2014
    http://www.kbv.de/media/sp/infas_Praesentation_Aerztemonitor_5213_20140701.pdf
  2. Interview Prof. Frank Ulrich Montgomery, Berliner Zeitung, 23. Mai 2014
    http://www.berliner-zeitung.de/wirtschaft/aerztepraesident-montgomery--kommt-uns-nicht-mit-der-moralkeule-,10808230,27228254.html
  3. Statement Dr. Dirk Heinrich, NAV-Virchow-Bund, Pressekonferenz zum Ärztemonitor, 4. Juli 2014, Berlin
    http://www.kbv.de/media/sp/2014_07_04_Statement_Heinrich.pdf
  4. Bundeszentrale für politische Bildung zum Bruttojahreseinkommen von Deutschen Haushalten, 26. November 2013
    http://www.bpb.de/nachschlagen/datenreport-2013/private-haushalte/173449/bruttoeinkommen

Autoren und Interessenkonflikte

Christian Beneker
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Hagemann T, Montgomery FU, Heinrich D: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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