Zukunft des Darmkrebs-Screenings: Einladung zur Koloskopie, immunologische Stuhltest – und eventuell zuvor ASS

Sonja Böhm | 7. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Heidelberg – Über 60.000 Menschen erhalten jedes Jahr in Deutschland die Diagnose „kolorektales Karzinom“. Etwa 25.000 sind im vergangenen Jahr an diesem Tumor gestorben. Viel zu viele, wenn man berücksichtigt, dass Darmkrebs „der einzige Krebs ist, der sich durch Vorsorge verhindern lässt“, wie Dr. Christa Maar, Präsidentin des Netzwerkes gegen Darmkrebs e.V. und Vorstand der Felix Burda Stiftung, bei einer Pressekonferenz betonte [1]. Ganz davon abgesehen, dass derzeit rund 42% der Menschen mit einer solchen Diagnose sterben, kolorektale Karzinome aber, frühzeitig erkannt, Heilungschancen von rund 90% haben.


Prof. Dr. Hermann Brenner

„Wir haben den Königsweg, Darmkrebs zu verhindern – doch wird dieser nur von einer Minderheit angenommen“, beschrieb Prof. Dr. Hermann Brenner vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) das Dilemma anlässlich eines internationalen Workshops in Heidelberg [1]. Dort diskutierten 300 Experten aus aller Welt Konzepte, wie sich Prävention, Frühdiagnose und Therapie des kolorektalen Karzinoms verbessern lassen. Das Netzwerk gegen Darmkrebs veranstaltete die Tagung zu seinem 10-jährigen Bestehen gemeinsam mit dem DKFZ, dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), dem Universitätsklinikum Heidelberg und der Felix Burda Stiftung.

Wenn Brenner vom „Königsweg“ spricht, meint er natürlich die Koloskopie, wobei Polypen und Adenome, als mögliche Krebsvorstufen, in gleicher Sitzung abgetragen werden. „Studien haben ergeben, dass bis zu 70 Prozent der Neuerkrankungen sowie der Todesfälle durch die Darmspiegelung verhindert werden können“, betonte der Leiter der Abteilung Klinische Epidemiologie und Alternsforschung am DKFZ. Doch trotz aller Bemühungen nehmen derzeit weniger als 25% der Zielgruppe der über 55-Jährigen das Angebot  für die Früherkennungs-Koloskopie wahr, wie Christa Maar sagte.

Die Konsequenz: Derzeit wird noch etwa jeder zweite Darmkrebs erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt – „das macht es für Arzt und Patient schwierig“, sagte Prof. Dr. Otmar D. Wiestler, Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Stiftungsvorstand des DKFZ. Dabei sei der Darmkrebs „prädestiniert für die Früherkennung“: „Wir kennen die Vorstufen, die sich über Jahre und Jahrzehnte entwickeln – und haben eine lange Strecke, um im Vorfeld einzugreifen.“

Werde z.B. bei einem 55-Jährigen bei der Darmspiegelung „nichts gefunden“, so Wiestler, sind also keine Adenome nachweisbar, „ist sein Risiko quasi null, in den nächsten 15 Jahren an Darmkrebs zu erkranken“. „Wir müssen mehr Menschen überzeugen, wie effektiv und harmlos diese Untersuchung ist“, appellierte der DKFZ-Wissenschaftler.

„Wir haben
den Königsweg, Darmkrebs zu verhindern – doch wird dieser nur von einer Minderheit angenommen.“
Prof. Dr. Hermann Brenner

Bald Einladungsschreiben für die Vorsorge-Koloskopie?

Laut Nationalem Krebsplan sollen schon bald auch für die Vorsorge-Koloskopie bundesweit – ähnlich wie heute bereits für die Mammographie – Einladungsschreiben an die entsprechenden Zielgruppen verschickt werden. Nach den Erfahrungen aus anderen Ländern lassen sich so die Teilnahmequoten steigern – vielleicht sogar auf 50 bis 60%, meint Brenner. „Aber wir werden nie alle erreichen und benötigen parallel nicht-invasive Verfahren.“ 

Solche niedrig-schwelligeren Angebote gibt es schon lange, etwa den Guajak-basierten Stuhlbluttest (g-FOBT/Fäkaler Okkulter BlutTest, z.B. Hämoccult®). Er ist seit 40 Jahren verfügbar, wird ab dem 50. Lebensjahr empfohlen und von den Krankenkassen bezahlt. Die Bereitschaft zu einem solchen Test ist sehr viel größer als die zur invasiven Darmspiegelung: Pro Jahr werden rund 4 Millionen Stuhltests ausgegeben. Diese wiesen jedoch „nur eine Minderheit der Darmkrebserkrankungen und einen sehr kleinen Teil der Darmkrebsvorstufen nach“, sagte Brenner. „Wir benötigen daher dringend empfindlichere Tests, die zugleich nur selten falsch positive Ergebnisse liefern“ – also Tests mit hoher Sensitivität und Spezifität.

Nach Ansicht von Brenner sind die neueren immunologischen Stuhlbluttest (i-FOBT) daher „ein großer Fortschritt“. Der DKFZ-Wissenschaftler hat selbst, gemeinsam mit Kollegen, „erstmalig in einem Direktvergleich“ zeigen können, „dass die diagnostische Aussagekraft der immunologischen Stuhltests bei einer gleichen Rate positiver Ergebnisse deutlich höher ist als die des Enzymtests“, wie er bereits 2013 anlässlich der Präsentation dieser Studienergebnisse, betonte [2].

„Die diagnostische Aussagekraft der immunologischen Stuhltests ist bei
einer gleichen Rate positiver Ergebnisse deutlich höher als
die des Enzymtests.“
Prof. Dr. Hermann Brenner

Die immunologischen Stuhltests werden bereits in den europäischen Leitlinien für die Darmkrebs-Früherkennung als Test der Wahl empfohlen. Und auch in Deutschland sollen sie nach der Empfehlung des Nationalen Krebsplans in das gesetzliche Krebsfrüherkennungsprogramm aufgenommen werden. Bevor die GKV die Kosten übernimmt, müssen aber noch Qualitätsindikatoren festgelegt werden, die kontinuierlich überprüfbar sind.

ASS hilft, Darmkrebs aufzuspüren

Möglicherweise kann die Sensitivität der immunologischen Tests durch die Einnahme von ASS (Acetylsalicylsäure) noch weiter erhöht werden. Bereits im Jahr 2010 hatte eine Studie am DKFZ Hinweise darauf ergeben. Damals hatte man befürchtet, ASS könne die Stuhltest-Ergebnisse verfälschen und dies in einer Studie mit etwa 2.000 Teilnehmern der Früherkennungs-Darmspiegelung geprüft. Rund ein Zehntel der an der Studie Beteiligten nahm regelmäßig niedrig dosiertes ASS. In 2 zusätzlich zur Koloskopie vorgenommenen immunologischen Stuhltests ließen sich zur Überraschung der Forscher bei den ASS-Konsumenten die vorhandenen Krebsvorstufen fast doppelt so häufig aufspüren wie bei Menschen, die kein ASS nahmen. Zugleich gab es nur unwesentlich häufiger „falschen Alarm" [3].

Nun prüft eine Studie des Deutschen Konsortiums für Translationale Krebsforschung, ob sich tatsächlich mit der einmaligen Einnahme von 300 mg ASS in den Tagen vor dem immunologischen Stuhltest dessen Sensitivität erhöhen lässt, berichtete Brenner. 

Entwickelt worden ist auch ein Test, der zusätzlich zum Hämoglobin im Stuhl auch genetische Marker prüft. Er ist noch empfindlicher, aber auch teurer, und liefert deutlich häufiger falsch positive Resultate, wie kürzlich eine US-Studie ergeben habe, so der Krebsforscher. Was die Kosten-Effektivität angehe, sei dieser Test daher zu den etablierten Verfahren derzeit nicht konkurrenzfähig.

Bluttests zur Früherkennung: Spezifisch, aber noch nicht so sensitiv

„Durch die Kombination und gleichzeitige Messung verschiedener Antikörper könnte vermutlich die Mehrzahl der Tumore entdeckt werden.“
Prof. Dr. Hermann Brenner

Auch an Bluttests zur Darmkrebsfrüherkennung wird intensiv geforscht. Für besonders vielversprechend hält der Wissenschaftler dabei Tests auf tumorassoziierte Antigene. Ihr Vorteil ist die hohe Spezifität. Es mangele aber an Sensitivität, da die Tumore bezüglich dieser Antigene sehr heterogen sind. Doch lasse sich die Sensitivität erhöhen: „Durch die Kombination und gleichzeitige Messung verschiedener Antikörper könnte vermutlich die Mehrzahl der Tumore entdeckt werden“, so Brenner.

Am DKFZ in Heidelberg wurden im Rahmen der BLITZ-Studie, ebenfalls unter Leitung von Brenner, in Kooperation mit niedergelassenen Gastroenterologen in Deutschland, seit dem Jahr 2006 von Teilnehmern einer Früherkennungs-Koloskopie gleichzeitig Blut- und Stuhlproben gesammelt. So ist „eine weltweit einzigartige Blut- und Stuhlprobenbank von Tausenden von Teilnehmern der Früherkennungs-Darmspiegelung“ entstanden. Mit deren Hilfe könnten nun neue vielversprechende Blut- und Stuhltests in relativ kurzer Zeit geprüft und „in der Zielpopulation für das Darmkrebsscreening validiert werden“, so der Onkologe.

Referenzen

Referenzen

  1. Gemeinsame Pressekonferenz des deutschen Krebsforschungszentrums, des Netzwerks gegen Darmkrebs und der Felix Burda Stiftung: „Die Zukunft der Prävention: Innovationen gegen Darmkrebs“ und internationaler Workshop, 5. und 6. Juni 2014, Heidelberg
    http://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2014/dkfz-pm-14-28-Darmkrebs-verhindern-Internationaler-Workshop-im-Deutschen-Krebsforschungszentrum-Heidelberg.php
  2. Pressemitteilung des DKFZ 32/2013: „Darmkrebsvorsorge: Immunologische Tests sind überlegen“, 27. Mai 2013
    http://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2013/dkfz-pm-13-32-Darmkrebsvorsorge-Immunologische-Tests-sind-ueberlegen.php
  3. Pressemitteilung des DKFZ 67/2010: „Aspirin verbessert Empfindlichkeit von Tests zur Darmkrebsfrüherkennung“, 8. Dezember, 2010
    http://www.dkfz.de/de/presse/pressemitteilungen/2010/dkfz_pm_10_67-Aspirin-verbessert-Empfindlichkeit-von-Tests-zur-Darmkrebsfrueherkennung.php
  4. Homepage der BLITZ-Studie (Begleitende Evaluierung innovativer Testverfahren zur Darmkrebs-Früherkennung)
    http://www.blitzstudie.de/blitz

Autoren und Interessenkonflikte

Sonja Böhm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Brenner H, Wiestler O: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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