Nobelpreisträger in Lindau fragt: War Helicobacter gut für die Menschheitsgeschichte?

Michael Simm | 4. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Lindau „Die Idee, eine Krankheit zu heilen, die man stattdessen lebenslang behandeln könnte, ist in der pharmazeutischen Industrie nicht besonders populär.“ Mit dieser Kritik würzte Prof. Dr. Barry Marshall von der School of Pathology and Laboratory Medicine der University of Western Australia auf dem 64. Treffen der Nobelpreisträger in Lindau seinen Vortrag über die Beziehung zwischen dem Menschen und dem Bakterium Helicobacter pylori [1].


Prof. Dr. Barry Marshall

Zu der jährlich stattfinden Veranstaltung sind diesmal die Laureaten aus dem Bereich Physiologie oder Medizin geladen. Wie das Kuratorium für die Tagung mitteilte, sind 38 Preisträger nach Lindau gekommen, um ihr Wissen in zahlreichen Veranstaltungen mit 600 ausgewählten Nachwuchsforschern aus aller Welt zu teilen.

Marshall hatte den Nobelpreis zusammen mit seinem Kollegen J. Robbin Warren im Jahr 2005 erhalten. Sie hatten das Bakterium Helicobacter pylori (Hp) entdeckt und dessen Rolle bei Gastritis und Magengeschwüren aufgeklärt. Gemeinsam hatten die Forscher dabei die jahrzehntelange Annahme widerlegt, dass die Geschwüre hauptsächlich durch Stress, scharfe Speisen, Alkohol oder genetische Faktoren verursacht würden. Vielmehr war in einem sehr hohen Prozentsatz von Biopsien bei ihren Patienten Hp nachweisbar. Bei den Magengeschwüren war dies zu 77% der Fall, bei den Zwölffingerdarmgeschwüren sogar zu 100%. Unter gesunden Probanden trug indes nur jeder zweite den Keim in sich [2].

„Die Idee, eine Krankheit zu heilen, die man stattdessen lebenslang behandeln könnte, ist in der pharmazeutischen Industrie nicht besonders populär.“
Prof. Dr. Barry Marshall

Selbstversuch gegen die Illusion von Wissen

„Das größte Hindernis auf dem Weg zum Wissen ist nicht die Ignoranz, sondern die Illusion von Wissen“, zitierte Marshall den ehemaligen Bibliothekar für das US-amerikanische Abgeordnetenhaus, Daniel Boorstin. Früher „wusste“ man, dass die Magengeschwüre Folge von Stress oder einem gestörten Säurehaushalt waren. Zudem herrschte die Überzeugung vor, dass Bakterien in der Magensäure wohl kaum überleben könnten.

In Ermangelung eines Tiermodells wagte Marshall deshalb einen Selbstversuch: Er trank einen Bakterien-Cocktail mit Hp – und erkrankte prompt an einem schmerzhaften Magengeschwür. Dieses wurde endoskopisch bestätigt und durch die Gabe von Antibiotika geheilt. Seine Erwartung, dass diese Entdeckung nun schnellstmöglich in die Praxis umgesetzt würde, erhielt zunächst einen Dämpfer. Die pharmazeutische Industrie sei nicht an einer Heilung der Krankheit interessiert gewesen, sagt er.

Inzwischen hat sich aber doch als Therapie die Eradikation des Hp mittels zweier Antibiotika etabliert, die zusammen mit einem Protonenpumpenhemmer verabreicht werden. Fortschritte gibt es auch im diagnostischen Bereich. Dazu bemerkte Marshall auf seinem Vortrag in Lindau, dass er ursprünglich wenig Verständnis für seine Patienten hatte, die sich über die Unannehmlichkeiten einer Endoskopie beschwerten.

Nachdem er die Prozedur im Rahmen seines Selbstversuches jedoch am eigenen Leib erfahren durfte, änderte Marshall seine Meinung. Unter Mitwirkung des Forschers gelang es, einen nicht-invasiven Test zu entwickeln. Die Spezifität dieses C13-Harnstoff-Atemtests wird mit 97% angegeben.

Ist nur ein toter Helicobacter ein guter Helicobacter?

Heutzutage interessiert sich Marshall verstärkt für die Ko-Evolution von Mensch und Hp. Gesichert ist, dass dieser Keim den Menschen schon seit mindestens 50.000 Jahren begleitet. Die mehrere Jahre lang vorherrschende Ansicht „Nur ein toter Helicobacter ist ein guter Helicobacter“, teilt der Nobelpreisträger nicht mehr. So weiß man inzwischen, dass Hp Folsäure synthetisiert. In der Steinzeit hätte dies womöglich einen geringeren Bedarf an frischem Gemüse bedeutet, so Marshall. Auch während der Eiszeiten hätte dies bei Migrationen einen evolutionären Vorteil gebracht.

„Diese Bakterien könnten eine abwechslungsreiche Ernährung überhaupt erst möglich gemacht haben.“
Prof. Dr. Barry Marshall

Etwa die Hälfte aller Menschen weltweit ist mit Hp besiedelt, wobei dieser Anteil in den westlichen Industrieländern seit nunmehr 60 Jahren ständig abnimmt. Doch während die Häufigkeit von Magengeschwüren seit der Entdeckung von Marshall und Warren zurückgegangen ist, belegen neuere Studien eine Korrelation zwischen dem Rückgang der Hp-Besiedelung und der Zunahme von Allergien, Asthma oder Zöliakie.

Diese Indizien lassen Marshall vermuten, dass Hp nicht nur Begleiter, sondern womöglich auch Wegbereiter war, als die frühen Menschen ihre afrikanische Heimat verlassen haben. Hp könnte in den Mägen dieser Menschen allergische Reaktionen auf Pflanzen und andere neue Nahrungsmittel unterdrückt haben. „Diese Bakterien könnten eine abwechslungsreiche Ernährung überhaupt erst möglich gemacht haben“, so Marshall.

Statt Hp zu bekämpfen, will Marshall dessen Eigenschaften nutzbringend einsetzen – eine Strategie, die der Forscher vorerst noch an Mäusen erprobt. Geplant sind aber auch klinische Studien, hieß es in Lindau. Kinder oder sogar Neugeborene würden dabei inaktivierte Hp-Bestandteile in Form einer Impfung erhalten, um dem Immunsystem einen Dämpfer zu verpassen und das Risiko von Allergien oder Asthma zu senken, gab der Nobelpreisträger einen Ausblick.

Referenzen

Referenzen

  1. 64th Lindau Nobel Laureate Meeting, 29. Juni bis 4. Juli 2014
    Marshall BJ: Vortrag „Man vs. Helicobacter – The past 50.000 years and the next 50”
    http://www.mediatheque.lindau-nobel.org/videos/33641/2014-man-helicobacter   
  2. Nobelprize.org: The Nobel Prize in Physiology or Medicine 2005
    http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/medicine/laureates/2005/marshall-bio.html
  3. Marshall BJ, et al: Lancet 1983;321(8390):1273-1275
    http://dx.doi.org/10.1016/S0140-6736(83)92719-8
  4. The Helicobacter Foundation
    http://www.helico.com
  5. Lindau Nobel Laureate Meeting, Blog von Beartice Lugger
    http://blog.lindau-nobel.org/?p=8826

Autoren und Interessenkonflikte

Michael Simm
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Mashall BJ: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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