Defi an Bord? Die medizinische Ausstattung deutscher Fluglinien variiert erheblich

Andrea Wille | 4. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte


PD Dr. Jochen Hinkelbein

Was passiert, wenn während eines Flugs ein medizinisches Problem auftritt oder es gar zu einem Notfall kommt? Leider ist das bei deutschen Fluglinien ziemlich ungewiss, weil die Standards für die medizinische Ausrüstung an Bord deutlich variieren. Dies ist das Ergebnis der Studie einer Forschergruppe um PD Dr. Jochen Hinkelbein, die die medizinische Ausrüstung an Bord deutscher Fluglinien unter die Lupe genommen hat [1]. Der geschäftsführende Oberarzt der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin an der Uniklinik Köln bringt dafür die Voraussetzungen mit – er ist nämlich zugleich Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Luft- und Raumfahrtmedizin (DGLRM), wo er die „AG Notfallmedizin und Luftrettung“ leitet.

„Etwa drei Milliarden Passagiere jährlich werden weltweit transportiert. Medizinische Notfälle sind auch bei Flugreisen häufig, aber es gibt leider wenige Daten darüber, welche medizinische Ausstattung bei den Flügen zur Verfügung steht. Auch eine spezifische Analyse der deutschen Fluglinien fehlte bislang“, erklärt Hinkelbein gegenüber Medscape Deutschland.

Etwa ein Vorfall pro 14.000 bis etwa 40.000 Passagieren ereignet sich in der Luft, so die Schätzwerte aus verschiedenen einschlägigen Studien. Die Zahl der Erkrankungsfälle und medizinischen Notfälle während der Flüge steigt sogar [2]. Wie die aktuelle Studie zeigt, müssen Ärzte an Bord, die sich den Fällen annehmen mit recht unterschiedlicher Ausstattung zurechtkommen.

„Die medizinische Ausstattung wird bei den Fluglinien oftmals durch medizinische Berater zusammengestellt. Je nach Bewertung des Beraters variiert die Art und Anzahl der Materialen oft sehr. So können Sie als Arzt dann beispielsweise große Mengen an Narkosemedikamenten im Koffer vorfinden, aber nicht mal ein Schmerzmittel, das Sie einem Herzinfarkt-Patienten verabreichen könnten“, kritisiert Hinkelbein.

Eine klare Richtlinie über die Ausstattung an Bord fehlt

Deutsche und europäische Regularien legen einen Mindeststandard für die medizinische Versorgung fest. Für Europa gelten die Regeln der EASA (European Aviation Safety Agency) und der Joint Aviation Authorities (JAA). So müssen alle kommerziellen Flugzeuge über einen Erste-Hilfe-Koffer (First Aid Kit) verfügen. Die Besatzungsmitglieder müssen gelernt haben, die darin enthaltenen Hilfsmittel im Notfall anzuwenden. Der Erste-Hilfe-Koffer ist zur Behandlung kleinerer medizinischer Vorfälle vorgesehen, wie Schwindel, Wunden, Kopfschmerzen oder Übelkeit.

„Medizinische Notfälle sind auch bei Flugreisen häufig.“
PD Dr. Jochen Hinkelbein

Zusätzlich müssen Flugzeuge mit mindestens 30 Sitzen ein sogenanntes Emergency Medical Kit aufweisen, das von geschultem Personal verwendet werden kann. Jedoch definiert die entsprechende EU-Verordnung European regulations for the commercial operation of aircraft(EU-OPS)nicht, was in einem solchen Kit konkret enthalten sein soll. Die JAA empfiehlt beispielsweise ein Blutdruckmessgerät, Einweghandschuhe, Geräte zur Notfallbeatmung, ein Stethoskop, einen automatischen externen Defibrillator sowie Medikamente wie Antihistaminika und Antiphlogistika [3].

Die aktuelle deutsche Studie untersuchte die medizinische Ausstattung von 13 Fluglinien mit Flugzeugen mit mindestens 30 Sitzplätzen unter Zugrundelegung der EU-OPS. Zunächst wurden 15 deutsche Fluglinien kontaktiert, von denen eine Fluglinie keine Rückmeldung gab und eine weitere Fluglinie aufgrund ihrer Firmenpolitik eine Teilnahme ausschloss. Von den 13 Fluglinien bieten 7 nur Kurzflüge an.

Die Fluglinien füllten von Ende 2011 bis Anfang 2012 einen 5-seitigen Fragebogen aus, der die geforderte notfallmedizinische Ausrüstung wie Medikamente, medizinische Geräte, Verbandsmaterial und zusätzliche mögliche medizinische Ausrüstung wie einen Arztkoffer oder ein Emergency Medical Kit erfragte. Darüber hinaus wurden allgemeine Fragen zur Ausstattungsliste oder der Analyse der medizinischen Vorfälle gestellt. 

Große Unterschiede in der medizinischen Ausstattung der Fluglinien

„So können Sie
als Arzt dann beispielsweise
große Mengen an Narkosemedikamenten im Koffer vorfinden, aber nicht mal ein Schmerzmittel.“
PD Dr. Jochen Hinkelbein

Das Ergebnis der Studie: Entsprechend der EU-OPS waren alle untersuchten Fluglinien mit Erste-Hilfe-Koffern ausgestattet. Außerdem gaben 7 Fluglinien an, mit einem Arzt-Koffer ausgestattet zu sein, 4 Fluglinien verfügten zudem über einen Emergency Medical Kit, dessen Befüllung jedoch nicht standardisiert war. 2 Fluglinien hatten außer Erste-Hilfe-Koffern keine weitere medizinische Ausrüstung an Bord. 12 der 13 Fluglinien verfügten schließlich über eine Liste des medizinischen Materials mit einer zusätzlichen kurzen Bedienungsanleitung beziehungsweise Beschreibung, wann die verschiedenen Medikamente einzusetzen sind.

Große Unterschiede zeigten sich vor allem bei den mitgeführten Medikamenten. So gaben 6 Fluglinien an, Schmerzmittel an Bord zu haben, 9 hatten Mittel gegen Fieber und Allergien dabei und 10 besaßen Medikamente gegen Schwindel und Erbrechen. Für die Behandlung von Bluthochdruck hatten 9 Fluglinien mindestens ein intravenöses Mittel zur Verfügung, 5 Fluglinien boten noch weitere Therapiemöglichkeiten an.

Interessant war bei dieser Bestandsaufnahme, dass 4 Fluglinien über kein Adrenalin verfügten, obwohl dies in vielen internationalen Richtlinien für eine Reanimation (CPR) als erforderlich angesehen wird. Hingegen hatten 9 Fluglinien Atropin, auch wenn dies in den Richtlinien nicht mehr empfohlen wird und als obsolet gilt.

Bei der Sichtung der chirurgischen Ausstattung zeigten sich ebenfalls große Unterschiede: Während 6 Fluggesellschaften Narkosemittel, Laryngoskope und Endotrachealtuben aufwiesen, hatten 4 der Fluglinien, die alle nur Kurzstreckenflüge absolvieren, nicht einmal ein Beatmungsbeutel. 6 Fluglinien gaben an, chirurgische Ausstattung wie Nahtmaterial, Schere und Skalpell mitzuführen, 8 Fluglinien hatten zudem weiteres Material für eine Wundversorgung.

Auf die medizinische Versorgung von schweren Notfällen sind nur wenige Fluglinien vorbereitet: So gaben 4 an, Kammerflimmern oder eine ventrikuläre Tachykardie anhand eines Elektrokardiogramms diagnostizieren zu können; sie verfügten auch über einen automatischen externen Defibrillator. Auf der anderen Seite fliegen jedoch 4 Kurzstrecken-Linien gänzlich ohne eine Ausrüstung für Wiederbelebungsmaßnahmen.

„Die deutschen Fluglinien dokumentieren die Vorfälle im Prinzip alle. Jedoch geben sie die Daten nur selten heraus.“
PD Dr. Jochen Hinkelbein

Für die Therapie eines Myokardinfarktes führten 7 Fluglinien Medikamente mit, jedoch besaßen nur 3 Fluglinien alle Substanzen, die für eine solche Therapie im Flieger notwendig ist. Insgesamt war die medizinische Ausstattung von Fluglinien, die Langstrecken-Flüge anbieten, besser als die von Kurzstrecken-Fliegern.

Bereitstellung der Daten keine Selbstverständlichkeit

Zusätzlich zur Ausrüstung gab es bei 7 Fluglinien für Piloten, die Kabinenbesatzung oder medizinisches Personal die Möglichkeit, eine ärztliche Beratung oder Meinung über Radiotelefonie oder Satellitenkommunikation einzuholen. Zudem berichteten 6 Fluglinien, dass sie medizinische Notfälle regelmäßig analysieren.

„Die deutschen Fluglinien dokumentieren die Vorfälle im Prinzip alle. Jedoch geben sie die Daten nur selten heraus, vermutlich aus Sorge vor einem negativen Werbeeffekt. Dennoch waren die Fluglinien, was unsere Studie angeht, sehr kooperativ. So hatten wir eine Rücklaufquote von mehr als 80 Prozent, in anderen Studien lag sie gerade mal bei 30 Prozent“, erklärt Hinkelbein. Darüber hinaus boten 7 Fluglinien eine standardisierte Form für eine Haftungsausschlusserklärung an. Das ist wichtig für Ärzte, die mitfliegen und ihr Können zur Verfügung stellen: Durch eine solche Erklärung ist die ärztliche Tätigkeit versichert – es sei denn, es besteht vorsätzliches Handeln und grobe Fahrlässigkeit.  

Zumindest die Lufthansa führt seit 2000 ein Register über medizinische Zwischen- und Notfälle an Bord und gibt diese Daten auch heraus. Laut dieser Datenerfassung sind in mehr als 80% der Fälle ein Arzt oder eine andere medizinische Fachkraft wie Rettungsassistenten oder Krankenpflegekräfte an Bord. Bei rund 60 Millionen Fluggästen der Lufthansa waren im Jahr 2013 insgesamt 2.973 medizinische Zwischenfälle zu verzeichnen.

„Es gibt beispielsweise keine ausreichende Datengrundlage darüber, welche Erkrankungen an Bord wie häufig vorkommen.“
PD Dr. Jochen Hinkelbein

Lufthansa bietet Boni für „Ärzte an Bord“

Den überwiegenden Teil machten Herz-Kreislauferkrankungen (55%), Schmerzen (17%) und Erbrechen oder Durchfall (12%) aus, wobei überwiegend Langstreckenflüge betroffen waren. Laut einer Auswertung der in den Jahren 2010 und 2011 ausgefüllten Notfallprotokolle an Bord der Lufthansa waren die häufigsten Handlungen im Flieger Blutdruckmessen, die Gabe von Medikamenten und das Verabreichen von Sauerstoff.

Um die medizinische Versorgung an Bord zu verbessern, besteht bei der Lufthansa seit 2006 das Programm „Arzt an Bord“, bei dem derzeit etwa 8.700 Ärzte weltweit gemeldet sind. „Interessierte Ärzte können sich melden und werden dann beim Einchecken mit ihrer Fachrichtung erkannt und können so bei einem möglichen medizinischen Zwischenfall an Bord von der Lufthansacrew direkt angesprochen werden“, erklärt Michael Lamberty, Pressesprecher der deutschen Lufthansa AG, gegenüber Medscape Deutschland. Als Dankeschön für Ihre Bereitschaft erhalten die Ärzte Bonusprämien.

„Aus meiner Sicht sind beispielsweise Lufthansa und Air Berlin sehr gut medizinisch ausgestattet, wenn es auch nicht unbedingt die gleiche Ausstattung ist. Vor allem im internationalen Vergleich stehen die deutschen Fluglinien, was medizinische Ausrüstung und Schulung des Begleitpersonals angeht, sehr gut dar“, berichtet Dr. Michael Meyer, Medical Director Operations der ADAC Schutzbriefversicherungs-AG, gegenüber Medscape Deutschland von seinen Erfahrungen an Bord. Bei einem Patiententransport in Linienflügen verfügen die Ärzte des ADACs jedoch über eigene standardisierte medizinische Ausrüstung.

Momentan gibt es nur wenige Studien, die versucht haben, die Häufigkeit der verschiedenen Erkrankungen während der Flüge einzuschätzen. So wird beispielsweise die Anzahl der Todesfälle aufgrund plötzlichen Herzstillstands innerhalb des Verbandes des Internationalen Luftverkehrs (IATA) auf etwa 1.000 pro Jahr geschätzt. Während aber ein automatischer externer Defibrillator in US-amerikanischen Fluglinien per Gesetz erforderlich ist, kennt das europäische Recht hier bislang keine Zwangsvorschriften.

Um die medizinische Ausstattung an Bord der Fluglinien zu verbessern, fordert Hinkelbein deshalb eine standardisierte, internationale Datenerfassung medizinischer Zwischenfälle und Notfälle: „Die vorgeschriebenen gesetzlichen Regularien werden bei allen von uns untersuchten Fluglinien eingehalten. Das ist natürlich zunächst positiv. Der Stand der medizinischen Ausstattung an Bord der Fluggesellschaften ist jedoch insofern nicht optimal, dass die Regularien vor langer Zeit auf einer fehlenden Informationsgrundlage beschlossen wurden, sagt der Flugmedizin-Experte und moniert: „Es gibt beispielsweise keine ausreichende Datengrundlage darüber, welche Erkrankungen an Bord wie häufig vorkommen. Daher brauchen wir ein internationales Register, in dem solche Vorfälle genau dokumentiert werden, um die Regularien daran zu orientieren.“

Referenzen

Referenzen

  1. Hinkelbein J, et al: J Travel Med (online), 5. Juni 2014
    http://dx.doi.org/10.1111/jtm.12138
  2. Graf J, et al: Dtsch Arztebl Int 2012; 109(37): 591–602
    http://dx.doi.org/10.3238/arztebl.2012.0591
  3. Richtlinien zum Inhalt des First Aid Kits und des Emergency Medical Kits der Joint Aviation Authority in Europa
    http://easa.europa.eu/system/files/dfu/certification-flight-standards-doc-oeb-supporting-documents-sic-SIC-No-11-First-Aid-Kits-and-Emergency-Medical-Kit.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Andrea Wille
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Hinkelbein J: Erklärungen zu Interessenkonflikten finden sich in der Originalpublikation.

Lamberty M: ist Presseprecher der Lufthansa.

Graf J: Erklärungen zu Interessenkonflikten finden sich in der Originalpublikation. Der Autor ist Angestellter der Deutschen Lufthansa AG.

Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.