Pro Zervixscreening: „Das deutsche System ist sehr erfolgreich“

Heike Dierbach | 3. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Dr. Volker Schneider

Im Mai hat der Berufsverband der Frauenärzte (BVF) die Kommission für die neue Leitlinie “Prävention des Zervixkarzinoms” verlassen [1]. Diese diskutiert unter anderem, ob ein Abstrich vom Gebärmutterhals zur Krebsvorsorge (Zervixscreening) noch jedes Jahr nötig ist. Die Methode kann möglicherweise durch einen Test auf HPV (Humane Papilloviren) ergänzt oder sogar ersetzt werden. Dr. Volker Schneider,  Gynäkologe und Pathologe, hat den BVF in der Kommission vertreten. Medscape Deutschland sprach mit ihm über Intervalle, Evidenzen und Interessenkonflikte von Frauenärzten.

Medscape Deutschland: Mit dem Austritt aus der Kommission hat der BVF jede Einflussmöglichkeit auf die neue Leitlinie aufgegeben. War das nicht voreilig?

Dr. Schneider: Es war ein drastischer Schritt, mit dem der BVF ein Zeichen setzen will. Die Zusammensetzung der Kommission und der Umgang waren derart unausgewogen, dass keine konstruktive Zusammenarbeit mehr möglich war. Ziel war offenbar von vorneherein, den HPV-Test als neue Methode der Vorsorge durchzudrücken. Dahinter stehen massive Industrieinteressen.

Medscape Deutschland: Was hat der BVF gegen den HPV-Test? Die bisherige Evidenz ist doch viel versprechend.

„Ziel war offenbar
von vorneherein, den HPV-Test als neue Methode der Vorsorge durchzudrücken.“

Dr. Schneider: Die Evidenz ist nicht schlecht, aber eben auch noch lange nicht ausreichend. Das hat ja auch das IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen) gerade wieder festgestellt und zwar Hinweise, aber keinen eindeutig belegten Nutzen eines primären HPV-Screenings gefunden. Die Daten stammen alle aus Ländern mit einem ganz anderen Gesundheitssystem als in Deutschland. Bevor der Test hier eingeführt wird und vielleicht den Abstrich ersetzt, bräuchten wir auf jeden Fall deutsche Untersuchungen. So lange sind wir dafür, das bisherige jährliche Zervixscreening beizubehalten.

Medscape Deutschland: In den meisten europäischen Ländern wird der Abstrich nur alle 3 Jahre durchgeführt. Die Erkennungsrate ist dieselbe wie in Deutschland. Welchen Sinn macht dann eine so häufige Kontrolle?

Dr. Schneider: Das deutsche Programm ist zuerst mal ein großer Erfolg. Seit Beginn des Screenings 1971 sind die Neuerkrankungen in Deutschland am stärksten gesunken, um 80 %. Man kann sicher diskutieren, ob das Intervall jetzt verlängert werden kann. Auch das Alter kann man begrenzen. Wenn eine Patientin über 65 mehrere unauffällige Befunde hat, ist kein weiteres Screening nötig. Aber bei jungen Frauen sehen wir weltweit einen erheblichen Anstieg der Neuerkrankungen. In Ländern, die nur alle 3 Jahre testen, werden diese weniger gut erkannt als bei uns.

„Seit Beginn des Screenings sind die Gebärmutterhalskrebs-Neuerkrankungen
in Deutschland am stärksten gesunken.“

Medscape Deutschland: Vorsorge kann aber auch schaden. Das Netzwerk Frauen und Gesundheit kritisiert, dass das häufige Screening zu vielen unnötigen Konisationen bei Frauen führt, mit Folgen wie Schwangerschaftskomplikationen [2].

Dr. Schneider: Die Frage eines möglichen Schadens ist ganz wichtig. Deshalb überprüft das IQWiG nun auch das Verhältnis von Schaden und Nutzen. Die Rate von unnötigen Operationen ist aber gering. Neuere Daten zeigen, dass sich in über 90% der Fälle der Verdacht bestätigt. Eine Konisation soll ja auch nur stattfinden, wenn die Zellen hochgradig verändert sind. Bei leichten Befunden wird abgewartet und erneut getestet. Ich denke, dass die angeblich so hohe Zahl der Konisationen in Deutschland nicht der Realität entspricht. Länder mit einem selteneren Screening haben nicht unbedingt weniger Konisationen. Auch beim HPV-Test besteht übrigens ein erhebliches Schadenspotenzial, denn dieser ist sehr oft positiv, auch wenn keine Zellveränderungen zu finden sind. Es ist noch völlig unklar, wie wir damit umgehen.

Medscape Deutschland: Für niedergelassene Frauenärzte würde eine Verlängerung des Intervalls auf 3 Jahre erhebliche Einnahmeverluste bedeuten. Besteht da nicht ein Interessenkonflikt?

„Die Rate
von unnötigen Operationen ist gering. Neuere Daten zeigen, dass sich in über 90% der Fälle der Verdacht bestätigt.“

Dr. Schneider: Den Konflikt gibt es natürlich. So wie unser System organisiert ist, ergibt sich für die niedergelassenen Ärzte, die ja ihre Praxis finanzieren müssen, ein deutlicher Nachteil. Das wurde in der Leitlinienkommission auch offen angesprochen und dokumentiert. Deshalb muss die Entscheidung letztlich auf der Grundlage von umfangreichen wissenschaftlichen Studien getroffen werden. Und die liegen eben noch nicht vor.

Medscape Deutschland: Der BVF sagt, dass er die neue Leitlinie nicht umsetzen kann. Was heißt das praktisch?

Dr. Schneider: Entscheidend ist letztlich, was die Kasse bezahlt. Wenn der Gemeinsame Bundesausschuss entscheidet, dass der Abstrich nur noch alle 3 Jahre übernommen wird, dann wird es so umgesetzt. Natürlich könnte man es theoretisch dazwischen als private Leistung anbieten. Aber das würde ich nicht empfehlen.

Referenzen

Referenzen

  1. Albring C: Frauenarzt 2014; 55:425
  2. Nationales Netzwerk Frauen und Gesundheit: Ausgewogene Gesundheitsinformationen unerwünscht. 02. Juni 2014
    http://www.nationales-netzwerk-frauengesundheit.de/downloads/NNW-PI-Ausgewogene-Gesundheitsinformationen-unerwuenscht.pdf

Autoren und Interessenkonflikte

Heike Dierbach
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schneider V: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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