Karrierechancen in der Wirtschaft: Der Quereinstieg fällt leichter als je zuvor

Shari Langemak | 1. Juli 2014

Autoren und Interessenkonflikte


Prof. Dr. Thomas Gottwald

Zu viel Bürokratie und zu wenig eigene Entscheidungsfreiheit – bei vielen Ärzten führen Gründe wie diese dazu, dass sie ihren Kittel am liebsten an den Nagel hängen würden. Prof. Dr. Thomas Gottwald, Vorstand der Ovesco Endoscopy AG und außerplanmäßiger Professor an der Universität Tübingen, hat diesen Schritt bereits vor einigen Jahren gewagt. Im Interview mit Medscape Deutschland berichtet er, wie leicht der Quereinstieg meist fällt, und was von Klinikseite getan werden muss, damit nicht noch mehr Ärzte in die Wirtschaft abwandern.

Medscape Deutschland: Herr Professor Gottwald, auf dem Hauptstadtkongress referierten Sie über Karrierechancen für Ärzte außerhalb von Klinik und Praxis. Sollten wir im Angesicht des zunehmenden Ärztemangels nicht lieber darüber diskutieren, wie wir ausgebildete Mediziner wieder zurück zum Patienten bringen?

Prof. Gottwald: Absolut! Man muss sich hier tatsächlich Sorgen um einige, insbesondere chirurgische Disziplinen machen. Hier  könnte der bereits bestehende Nachwuchsmangel schon  bald zu einem Qualitätsverlust in der Krankenversorgung führen. Und mit dem Ausscheiden erfahrener Chirurgen, die der nächsten Generation von Ärzten das Handwerk beibringen müssen, verschärft sich die Situation zunehmend – sofern man der Entwicklung nicht sehr bald begegnet. Einen Großteil der chirurgischen Ausbildung können junge Mediziner nicht nur aus Büchern lernen.

„Junge Ärzte legen großen Wert darauf, Zeit für die eigene Familie und ihre Hobbies zu haben.“

Medscape Deutschland: Dabei wollen immerhin etwa 5 bis 6% der Studenten bei Studienbeginn in die Chirurgie. Wieso lässt die Begeisterung denn so schnell nach?

Prof. Gottwald: Ein Grund ist die zunehmende Bürokratisierung des Arztberufes. Das heißt die jungen Kollegen hätten gerne mehr Zeit für die eigentliche ärztliche Tätigkeit. Ein anderer ist sicher auch das derzeitige Vergütungssystem. Doch der entscheidende Grund ist meiner Meinung nach ein Generationenwechsel. Die nachwachsende Generation setzt ganz andere Prioritäten als ihre Vorgänger.

„Ärzte können einen ganz anderen Blick und neue Ideen liefern, die gerade im Gesundheitssektor dringend notwendig sind.“

Medscape Deutschland: Und die wären?

Prof. Gottwald: Work-Life-Balance ist ein großes Thema. Junge Ärzte legen großen Wert darauf, Zeit für die eigene Familie und ihre Hobbies zu haben. Dieser Wandel wird dadurch verstärkt, dass mittlerweile in großer Mehrheit Frauen Medizin studieren – die oft eine Zeit lang zuhause bleiben, nachdem sie Kinder bekommen haben.

Medscape Deutschland: Wieso wird ein Job in der Wirtschaft der Forderung nach einer besseren Balance zwischen Arbeit und Privatleben eher gerecht?

Prof. Gottwald: Natürlich wird im wirtschaftlichen Sektor auch viel gearbeitet. Was allerdings wegfällt sind Nacht- und Wochenenddienste, die das Familienleben besonders belasten. Zusätzlich sind Ärzte zunehmend an Vorgaben gebunden, über die sie selbst keinen eigenen Einfluss nehmen können. Krankenhaus-Verwalter geben ihnen die Regeln vor – doch die Ärzte tragen schließlich Verantwortung für den Ausgang einer Behandlung.

„Wer Ahnung
von Wirtschaft und Finanzen hat, ist auch für Arbeitgeber aus der medizinischen Versorgung besonders attraktiv. Ein Wiedereinstieg in
die Praxis ist damit jederzeit möglich.“

Medscape Deutschland: Bei diesen Voraussetzungen klingt ein Wechsel in die Wirtschaft durchaus verlockend. Wie hoch sind die Hürden?

Prof. Gottwald: Tatsächlich sind die Hürden geringer als viele Ärzte glauben. Die Infrastruktur für zusätzliche Qualifikationen stellt oft das Unternehmen. Darüber hinaus gelten Mediziner als gut ausgebildet. In der Regel fällt es Ihnen leicht, sich in ein neues Themenfeld einzuarbeiten. Und vor allem die Industrie sucht händeringend und ist auch bereit erhebliche Zugeständnisse zu machen.

Medscape Deutschland: Aber wieso nehmen Unternehmen die zusätzliche Ausbildung überhaupt auf sich? Wäre es nicht einfacher, gleich einen Arbeitnehmer aus der Wirtschaft zu rekrutieren?

Prof. Gottwald: In der Regel sind Mediziner sozial sehr gut eingestellt. Sie sind besonders teamfähig, auch in schwierigen Situationen. Zudem können sie einen ganz anderen Blick und neue Ideen liefern, die gerade im Gesundheitssektor dringend notwendig sind. Ich selbst sehe mich beispielsweise immer noch primär als Arzt, auch wenn ich nicht mehr in einer Klinik arbeite. Dennoch trage ich nach wie vor zur Patientenversorgung bei – nur eben mit anderen Mitteln.

Medscape Deutschland: Was aber, wenn einem anderen Umsteiger diese Art der Patientenversorgung nicht ausreicht. Gibt es einen Weg zurück?

„Wir müssen
endlich damit aufhören, Ärzte
als Verwalter einzusetzen.“

Prof. Gottwald: Mittlerweile zum Glück ja! Noch vor einigen Jahren galt jeder Arzt, der in die Industrie wechselte, als Hochverräter. Jetzt ist eher das Gegenteil der Fall: Wer Ahnung von Wirtschaft und Finanzen hat, ist auch für Arbeitgeber aus der medizinischen Versorgung besonders attraktiv. Ein Wiedereinstieg in die Praxis ist damit jederzeit möglich.

Medscape Deutschland: Wenn dieser Wiedereinstieg denn gewünscht ist. Zum Abschluss: Was muss in Deutschland getan werden, damit wieder mehr Ärzte praktizieren wollen?

Prof. Gottwald: Das ist die große Frage, die auch ich mir immer wieder stelle. Ein besseres Angebot für Kinderbetreuung ist mit Sicherheit ein wichtiger Schritt. Noch entscheidender wird aber sein, den Arzt zurück ans Patientenbett zu bringen. Die meisten von ihnen beginnen das Medizinstudium aus einer hohen sozialen Motivation heraus. Im Laufe der Semester müssen sie dann aber erfahren, dass sie mehr Zeit am Schreibtisch als mit der tatsächlichen Patientenversorgung verbringen. Wir müssen endlich damit aufhören, Ärzte als Verwalter einzusetzen.

Medscape Deutschland: Herr Professor Gottwald, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Referenzen

Referenzen

  1. Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit, 25. -27. Juni 2014, Berlin
    http://www.hauptstadtkongress.de 

Autoren und Interessenkonflikte

Shari Langemak
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Gottwald T: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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