Atypisch Depressive werden am ehesten dick

Gerda Kneifel | 27. Juni 2014

Autoren und Interessenkonflikte

Es gibt eine Assoziation zwischen den beiden Volkskrankheiten Depression und Adipositas. Dies ist bekannt. Eine aktuelle Studie, die im Journal of the American Medical Association erschienen ist, hat nun allerdings Unterschiede bezüglich der Depressions-Subtypen ausfindig gemacht [1]. „Kliniker müssen besonders auf den atypischen Subtyp der Major Depression achten, er ist ein starker Prädiktor für eine Adipositas“, warnen Dr. Aurélie M. Lasserre, Zentrum für Psychiatrische Epidemiologie am Universitätshospital Lausanne, Schweiz, und Kollegen.


Andrea Schulz

„Das zeichnet sich auch bei unseren Untersuchungen ab“, bestätigt die Psychologin Andrea Schulz, Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsmedizin Greifswald. „Wir müssen beginnen, die Depression nicht isoliert zu betrachten, sondern sie als eine Stresserkrankung mit all ihren Komorbiditäten zu begreifen.“

Vier Subtypen bei Probanden mit Major Depressionen

In die Studie aufgenommen wurden 3.054 Bewohner von Lausanne, im Alter von 35 bis 66 Jahren. Die Daten der Probanden stammten aus den Kohortenstudien CoLaus (Cohorte Lausannoise)/PsyCoLaus (Psychiatrischer Arm der Lausanne-Kohorte), in denen psychische Störungen und kardiovaskuläre Risikofaktoren in der Normalbevölkerung untersucht worden waren. Die Probanden wurden zwischen 2003 und 2006 physisch und psychiatrisch und in einem Follow-up nach durchschnittlich 5,5 Jahren nochmals physisch untersucht.

Die Autoren unterschieden bei den Probanden mit Major Depressionen (major depressive disorder, MDD) 4 Subtypen: melancholische und atypische Depressionen, eine Kombination aus beiden Subtypen sowie unspezifizierte Depressionen.

„Kliniker müssen besonders auf den atypischen Subtyp
der Major Depression achten, er ist ein starker Prädiktor
für eine Adipositas.“
Dr. Aurélie M. Lasserre

„Die melancholische MDD zeichnet sich durch Appetits- und Gewichtsverlust sowie Schlaflosigkeit aus“, erläutert Schulz, „die atypische Depression dagegen durch Appetit- und Gewichtszunahme sowie gesteigertes Schlafbedürfnis.“ Die Unterteilung in Subtypen kam 2010 mit einer niederländischen Studie auf [2]: „Zumindest die Unterscheidung von melancholisch und atypisch ist in der Forschung mittlerweile konsistent“ so Schulz. In Greifswald untersucht sie mit Kollegen im Rahmen der SHIP- und der Gani_med-Studie Zusammenhänge zwischen Metabolischem Syndrom und Depression.

In der Schweizer Studie wurden zudem soziodemographische Daten erhoben, wie Alkohol- und Tabakkonsum und körperliche Aktivität, sowie eventuelle Medikationen erfasst. Gemessen wurden darüber hinaus Änderungen des Body-Mass-Index (BMI), Taillenumfang und Körperfettanteil jeweils zu Beginn der Studie und bei der Follow-up-Untersuchung.

Demnach litten zu Beginn der Untersuchung 7,6% der Teilnehmer an einer gewöhnlichen MDD, und 36,7% berichteten von mindestens einer depressiven Episode (MDE) in der Vergangenheit. Von den Probanden mit MDD hatten 10% eine Kombination aus atypischen und melancholischen Episoden, 29% berichteten von melancholischen Episoden, und 48% hatten unspezifizierte Depressionen.

„Wir müssen beginnen, die Depression nicht isoliert zu betrachten, sondern sie als eine Stresserkrankung
mit all ihren Komorbiditäten
zu begreifen.“
Andrea Schulz

Von den Patienten unter Antidepressiva nahmen etwa 75% selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) oder Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SSNRI), weniger als 10% tri- bzw. tetrazyklische Antidepressiva.

Diffizile Zusammenhänge

Nach Abgleich mit den soziodemographischen Faktoren zeigte sich, dass Menschen mit aktueller atypischer MDD und – in etwas geringerem Ausmaß – Menschen mit remittierenden atypischen oder melancholischen Episoden eine stärkere BMI-Zunahme hatten.

Ähnliches galt für den Taillenumfang, der bei atypisch Depressiven im Follow-up um durchschnittlich 2,38% zunahm, während er bei melancholischer oder kombinierter MDD nahezu gleich blieb. Der Körperfettanteil stieg bei atypischer MDD um durchschnittlich 0,76%, bei melancholischer MDD sank er deutlich um 3,41%.

Die Studie bestätige, so Lasserre und Kollegen, eine hohe Komorbidität zwischen Depressionen des atypischen Subtyps und Fettleibigkeit. Zwar gab es auch einen Anstieg der Fettleibigkeit bei melancholisch Depressiven, der jedoch nicht signifikant war. Die sehr wahrscheinliche Assoziation sei dabei nicht einfach der Tatsache geschuldet, dass der Appetit in den depressiven Phasen zunehme und zu zeitweiser Gewichtszunahme führe.

„Unsere Ergebnisse zeigen einen dauerhaft gestiegenen BMI in einem Follow-up von mehr als 5 Jahren, selbst bei Personen mit remittierenden Episoden, was die Vermutung nahe legt, dass es einen potenziellen mit Fettleibigkeit verbundenen Signalweg von atypischer Depression zu kardiovaskulären Erkrankungen und anderen mit Adipositas verknüpften chronischen Erkrankungen gibt.“ Diese molekularen Zusammenhänge müssten in weiteren Studien untersucht werden.

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Referenzen

  1. Lasserre AM, et al: JAMA Psychiatry (online) 4. Juni 2014
    http://dx.doi.org/ 10.1001/jamapsychiatry.2014.411
  2. Lamers F, et al: J Clin Psychiatry. 2010;71(12): 1582-1589
    http://dx.doi.org/10.4088/JCP.09m05398blu
  3. Blumenthal S, et al: JAMA Psychiatry (online) 4. Juni 2014
    http://dx.doi.org/10.1001/jamapsychiatry.2014.414

Autoren und Interessenkonflikte

Gerda Kneifel
Es liegen keine Interessenkonflikte vor.

Schulz A: Es liegen keine Erklärungen zu Interessenkonflikten vor.

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